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Züriost-Wettbewerb Schreibstar

Die Panther

Von Ulrich Bürgisser aus Rüti. Wer für die Geschichte des 61-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben E per SMS an die Nummer 079 807 10 10.

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Dienstag, 10. November 2020, 19:34 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar
Symbolfoto: Christian Merz

Dicker Morgennebel hängt in der Stadt
Die Stimmung ist grau, die Lichter matt
Zwischen Betonklötzen ächzt der Verkehr
Die Lunge der Stadt geht rasselnd und schwer

Es gibt keine Luft in den Strassen und Gassen
Ein unendlicher Strom dahinziehender Massen
Der Gang ist gebeugt, die Schritte sind schwer
Die Mimik erstarrt, das Lächeln ist leer

 

Wo sind sie geblieben, Verspieltheit und Träume
Wo gibt es noch Luft, hat es Bäume und Räume
zum Atmen, zum Spielen, zum Wagen, Entdecken
Ganz ohne Furcht, immerfort anzuecken

Über den Gipfeln derweil, in luftigen Höhn
weht ungehemmt ein wärmender Föhn
Und unter dem neuen Aussichtsturm
ist fix unterwegs ein Regenwurm

 

Ihr Name ist Laila, der seine ist Max
Sie haben den gleichen Arbeitsplatz
Er findet sie hübsch, Max gefällt ihr auch
Da gibt es sogar ein Kribbeln im Bauch

Es ziehen und zerren verlockende Triebe
Doch da ist auch Angst – Angst vor der Liebe …
So grüsst man sich nett ab und an in der Pause und eilt nach der Arbeit ohne Umschweife nach Hause

 

Jetzt schnell aus den Kleidern, aufs Plüschsofa fallen
und in sich spürend, ein brennend Verlangen,
gibt Laila sich hin ihrer Fantasie
Der Arbeitskollege ist mit von der Partie

Der richtet die Pfeife und setzt obendrauf
vorm Spiegel die schwarz-rote Bahnmütze auf
Er herrscht über Züge, Seilbahnen und Schiff
Den Modellbahn-Verkehr hat er sicher im Griff
Und schon springt die Ampel behände auf Grün
Sogleich fährt er los, der Zug nach Bergün
Strebt hinauf zu den Höh’n und kurz nach dem Joch
dringt donnernd er ein, ins verschlingende Loch

 

So wäre das sicher noch Jahre gegangen
In lähmenden Ängsten und Zweifeln gefangen
Es war dann die Krise, die aufzeigte klar
Das Leben ist endlich – verbleibende Zeit rar …

Und in der Pause fasst Max sich ein Herz
meint lächelnd zu Laila – fast wie im Scherz
 

«Der Bachtelturm, weisst du, der hat seinen Reiz
und obendrein hats dort ne voll coole Beiz …»

Man könne dort oben ganz super flanieren
Und Max tät ihr gern eine Glace spendieren
Zu seiner Verblüffung willigt sie ein
und findet sich pünktlich am Treffpunkt ein

Die Luft ist berauschend, würzig und mild
Er sucht ihren Blick, sein Herz hämmert wild
Heute, vielleicht, da könnt sich’s ergeben
Heute, da wollen sie’s endlich leben

 

Laut lachend und scherzend erreicht man den Turm
Durchs Erdenreich gräbt sich mit Eifer der Wurm
Und hoch in den Lüften schwebt frei ein Milan
Schlägt Max und die Laila gekonnt in den Bann

166 Stufen auf dem Wege zum Glück
Er sucht ihre Hand – Sie weicht nicht zurück und lehnt sich kühn an die ausladende Brüstung
Ihm fährt’s wie ein Blitz durch die stählerne  Rüstung

 

Begehrende Lippen drängen Mäxe entgegen
Sein rasender Puls zeugt von heimlichem Beben
Das Glück meint es gut, sie sind nur zu zweit
Die Plattform verwaist, kein Mensch weit und breit

Doch just, bevor sich die Lippen erreichen
Ein plötzlicher Ruf – es ist zum Verzweifeln
«Ja schau mal der Mäxe, lang nicht mehr  geseh’n …!»
Max könnte dem Typen die Gurgel abdreh’n

 

Fiesmeierli Sepp heisst der alte Bekannte
der schon in der Lehre die Mädchen ausspannte
Max ballt seine Fäuste und macht sich alsbald
Auf schnellstem Weg auf den Abstieg nach Wald

Die Chance ist weg und Max sinnt auf Rache
Lailas Lächeln jedoch spricht eine andere Sprache
Ihm ist, als würden die Sterne aufgeh’n
Als sie Hand in Hand in der Waldlichtung steh’n

Und mitten im spriessenden Blumenmeer
da fielen zwei Panther übereinander her

Entflohen den Ketten, entwichen dem Gitter
Befreit aus dumpfer Gefangenschaft
In der Höh entlud sich mit Wucht ein Gewitter
Von verzehrender, zuckender Leidenschaft

Heisshungrige Zähne lechzten nach Haut
Die Kleider fetzten zur Erde
Aus heiseren Kehlen drang tierischer Laut
in entfesselter Begierde

 

Zwei Körper verschlungen in rasender Gier
Sich hebend und senkend die Brust
Sie waren von Sinnen, sie waren ganz Tier
Tobend und schreiend vor Lust

Und hoch über Wald, nah beim Bachtelspalt
entlud sich die Spannung mit Urgewalt

 

Ein feuriger Himmel taucht’ Buchen und Tannen
In leuchtenden, glühenden Widerschein
Der Brand war entfacht, der Berg stand in Flammen
Und nichts würde wieder wie vorher sein

Sie liebten sich noch, als der Tag entschwand, satt
Sie wähnten sich neu geboren
Der hektische Atem, die Fesseln der Stadt
Sie hatten die Herrschaft verloren

 

Doch dann, als nach rauschender, seliger Nacht
Als nüchtern und kalt der Morgen erwacht’
Als erloschen, erschöpft, verraucht war die Glut
Da kam sie zurück – die Angst vor dem Mut

Und sie kehrten zurück hinter sichernde Mauern
dahin, wo keine Gefahren lauern
Und sie beschränken sich heute beim Kommunizieren
wie früher aufs Grüssen und Telefonieren

 

Und Laila liest Rilke nachts im Bett
als auch Bücher voll inniger Lust
Und Max surft rastlos durchs Internet
und vertreibt mit der Bahn seinen Frust

Nur manchmal noch, wenn der Mond scheint klar
Dann fragen sie sich, war es wirklich wahr?
Hinter Gittern und Stäben, von Mauern umgeben
so träumen sie still – vom wirklichen Leben

Und dick hängt der Nebel im Herzen der Stadt
Die Gesichter sind grau, die Blicke matt
Doch unter dem Bachtel-Aussichtsturm
paart sich genüsslich der Regenwurm

Kategorie Erwachsene
Von Ulrich Bürgisser aus Rüti. Wer für die Geschichte des 61-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben E per SMS an die Nummer 079 807 10 10. Möglich ist eine einmalige Teilnahme bei der Abstimmung.

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