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Züriost-Wettbewerb Schreibstar

Der geheime Schatz meiner Grossmutter

Von Dania Marthaler aus Dänikon. Wer für die Geschichte der 39-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben G per SMS an die Nummer 079 807 10 10.

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Dienstag, 10. November 2020, 20:12 Uhr Züriost-Wettbewerb Schreibstar
Symbolfoto: pixabay.com / congerdesign

Nana ist ein Hausmütterchen alter Schule. Backen, kochen, putzen: Viel mehr gibt und gab es nicht in ihrem Leben. Wie sehr ich mich getäuscht habe! Wir haben uns angewöhnt, mittwochs gemeinsam zu kochen und zu essen. Nana sorgte für die Zutaten, ich für den Wein.

Ich war 21 Jahre alt und studierte seit Kurzem an der Universität Philosophie und Literatur. «Philosophie!» hatte Nana ausgerufen, als ich ihr von meiner Studienwahl erzählte. «Kindchen, was soll denn aus dir werden, wenn du Philosophie studierst? Da endest du in Armut, so, wie einst Diogenes in seinem Fass!»

Ich war ziemlich erstaunt, dass meine Grossmutter von Diogenes wusste. Beim Gedanken, wie ich in einem Fass irgendwo unter einer Brücke schlief, brach ich in schallendes Gelächter aus . «Ach was, Nana . So schlimm wirds schon nicht werden.» «Das will ich hoffen! Hauptsache, du bist mit Eifer und Herzblut dabei. Egal, was du machst!»

Ich begann mit Inbrunst den Pastateig zu kneten, den Nana mir eben in die Hand drückte, und fragte sie: «Was hast du im Leben mit Herzblut  gemacht?»

Nana zuckte die Schultern und sagte: «Na, deinen Grossvater geheiratet, natürlich!» Ich seufzte. «Nein, ich meinte, welche Arbeit du mit Eifer verfolgt hast.» Nana sah mich spitzbübisch an und grinste: «Eben, deinen Grossvater.»

«Grossvater war für dich Arbeit?»

«Oft, ja . Er hatte so viele Ideen. Ich habe ihm bei der Ausführung geholfen.»

«Wolltest du nie etwas ganz allein für dich machen? Einen Beruf erlernen? Du hast doch immer bloss gemacht, was Grossvater wollte!»

Ich reichte ihr den ordentlich gekneteten Teig zur Überprüfung. Nana schüttelte amüsiert den Kopf . «Was hast du bloss für ein Bild von mir? Wer sagt denn, dass ich immerzu nach Grossvaters Pfeife getanzt habe?» Nana wischte die Hände an ihrer Schürze ab, zog sie aus und faltete sie ordentlich zusammen.

«Der Teig ist genug geknetet. Er muss nun eine Stunde ruhen . In der Zwischenzeit möchte ich dir etwas zeigen.» Sie führte mich ins Obergeschoss ihres kleinen Häuschens. Im Zimmer, in dem meine kleine Schwester und ich als Kinder oft geschlafen hatten, stand immer noch der alte Bauernschrank. Ich erinnerte mich an dieses Ungetüm. Er war stets verschlossen.

Meine Schwester und ich verbrachten früher Stunden mit wildesten Spekulationen, was sich darin wohl befand. Nana lachte immer bloss, wenn wir um Einblick baten. Heute aber holte sie den Schlüssel hervor, den sie stets an einer dicken Kette um ihren Hals trug, und öffnete das Schloss.

Wenn das meine Schwester wüsste! Sie wäre blass vor Neid, dass Nana mir endlich ihr Geheimnis offenbarte! Der Schrank war gefüllt mit Büchern. In schwarzes oder braunes Leder gebundene, unterschiedlich dicke Bücher ohne Titel. Neugierig trat ich näher .

«Was ist das, Nana? Was sind das für  Bücher?»

«Schau sie dir an, Liebes. Ich gehe nach unten und genehmige mir ein Gläschen deines hervorragenden Weins.»

Ich zog aufs Geratewohl ein Buch hervor und begann darin zu blättern. Ich erkannte sofort die zierliche, schöne, leicht geschwungene Handschrift meiner Grossmutter. Was ist das alles hier? Tagebücher? Ich begann zu lesen. Das Buch, das ich erwischt hatte, erzählte die Geschichte einer jungen Einwanderin, die der Liebe wegen in die Schweiz kam. Das nächste Buch handelte von einer Lehrerin und das übernächste von einer Ärztin. Die Sprache meiner Grossmutter war wunderbar zu lesen. Witzig, spannend, farbenreich und lebendig.

Ich begriff, dass Nana sehr wohl ein eigenes Leben geführt hatte. Oder treffender ausgedrückt, sie hatte viele Leben geführt; das der Ärztin, der Lehrerin, der Einwanderin. Mit ein paar Büchern unter dem Arm ging ich zurück zu meiner Grossmutter. Ich legte die Bücher auf den Tisch, schenkte mir ein Glas Wein ein und schaute Nana zu, wie sie den Pastateig zu Tagliatelle formte.

«Dein Grossvater war ein wundervoller Mann. Nicht nur ich unterstützte ihn, er stand auch mir zur Seite. Abends, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, assen wir gemeinsam mit deiner Mutter und deiner Tante zu Abend. Anschliessend setzte ich mich an den Schreibtisch und schrieb meine Geschichten, während er die Küche aufräumte und die Mädchen ins Bett brachte. So konnte ich einige Stunden pro Tag schreiben und meiner grossen Leidenschaft nachgehen.»

«Warum hast du deine Bücher niemals veröffentlicht? Sie sind so wunderschön geschrieben!»

«Das war mir nicht wichtig. Ich schrieb für deinen Grossvater und für mich.»

«Schreibst du immer noch?»

«Nein, jetzt nicht mehr . Das Schreiben war immer etwas, das dein Grossvater und ich geteilt haben. Ich schrieb, er las . Als er gestorben ist, war mein Drang zu schreiben plötzlich weg.»

Nana zuckte die Schultern, strich mir mit dem Handrücken über die Wange und sagte: «Und jetzt wird gegessen!» Ganz so, als ob dieser ganze Schatz im oberen Stockwerk, ihre einstige Leidenschaft, keiner weiteren Erwähnung wert wäre.

Kategorie Erwachsene
Von Dania Marthaler aus Dänikon. Wer für die Geschichte der 39-Jährigen stimmen möchte, sendet den Buchstaben G per SMS an die Nummer 079 807 10 10. Möglich ist eine einmalige Teilnahme bei der Abstimmung.

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