×
Knatsch um bezahlte Umkleidezeit

Gewerkschaft kritisiert «Bestrafungsaktion» des GZO-Spitals

Weil Angestellte des GZO-Spitals kritisierten, dass sie die Umkleidezeit nicht als Arbeitszeit aufschreiben dürfen, strich die Geschäftsleitung ihnen die «Anerkennungswoche», die fünfte Ferienwoche. Für die Gewerkschaft VPOD ist das «skandalös».

Patrizia
Legnini
Freitag, 21. August 2020, 19:18 Uhr Knatsch um bezahlte Umkleidezeit

In der ganzen Schweiz klatschten die Leute im vergangenen März auf den Balkonen, um ihre Solidarität und ihre Dankbarkeit gegenüber den Ärzten und dem Pflegepersonal in den Spitälern zu bekunden. Dankbar zeigt sich auch das GZO Spital Wetzikon für das Engagement der eigenen Angestellten. Seit 2012 gewährt es seinen Mitarbeitern jedes Jahr eine «Anerkennungswoche für geleistete Dienste».

Was schön tönt, ist anderenorts selbstverständlich: Bei der «Anerkennungswoche» handelt es sich um die fünfte Ferienwoche, die in vielen Spitälern längst üblich und im regulären Ferienguthaben enthalten ist. Im GZO-Spital ist sie nur im Personalreglement festgeschrieben und an bestimmte Bedingungen geknüpft - offenbar zum Nachteil der Angestellten: Weil einige GZO-Mitarbeiter letztes Jahr eine neue Regelung im Personalreglement kritisierten, strich ihnen der Arbeitgeber die «Anerkennungswoche» rückwirkend auf den ersten Januar 2019.

Das jedenfalls wirft dem Spital der Verband des Personals öffentlicher Dienste VPOD vor, bei dem das Gesundheitspersonal organisiert ist. Dass sich die Geschäftsleitung zu einer solchen «Strafaktion» hinreissen liess, kann Gewerkschaftssekretär Roland Brunner noch nicht richtig fassen. Er spricht von einer «Ohrfeige links und rechts» für die fünf Angestellten, die sich mit ihrem Unmut an die Gewerkschaft wandten.

Kinderspital als Vorbild

Das neue Personalreglement, das per 1. Januar 2019 überarbeitet wurde, gibt beim VPOD generell zu reden. «Damit verbunden ist eine Verschlechterung der Anstellungs- und Arbeitsbedingungen des Personals», sagt Brunner. Nicht zuletzt, weil das Reglement seit der Überarbeitung einen Passus enthält, der einigen Angestellten sauer aufstösst: «Die Umkleidezeit vor und nach der Arbeit gilt nicht als bezahlte Arbeitszeit», heisst es neuerdings darin. Bei der Unterzeichnung des Dokuments brachten die fünf Mitarbeitenden bei diesem Punkt einen Vorbehalt an; sie erklärten, mit der Regelung nicht einverstanden zu sein.

«Wir sind der Meinung, mit unseren Arbeitsbedingungen marktgerecht zu sein.»

Stephan Gervers, Leiter Marketing und Kommunikation GZO

Seit über zwei Jahren läuft beim VPOD unter dem Motto «Umkleiden ist Arbeitszeit» eine Kampagne. «Das Seco, das Staatssekretariat für Wirtschaft, aber auch der Regierungsrat des Kantons Zürich haben den Sachverhalt bestätigt: Falls das Umziehen vor Ort, also im Betrieb selber, für die Tätigkeit notwendig und betrieblich verordnet ist, muss es als Arbeitszeit angerechnet werden», sagt Brunner.

Anders als zum Beispiel das Kinderspital Zürich (Kispi) und das Universitätsspital (USZ), die das bereits umsetzten, würden die meisten Spitäler diese Zeit noch nicht als Arbeitszeit anerkennen und so gegen den im Arbeitsgesetz definierten Begriff der Arbeit verstossen. «Wenn man pro Tag mit einer Viertelstunde Umkleidezeit rechnet, halten sie den Angestellten so jährlich bis zu zwei Wochen Lohn vor, im Jahr also bis zu einem halben Monatslohn.» Aus diesem Grund hatten die fünf Angestellten vom GZO für die letzten fünf Jahre Lohnnachzahlungen gefordert, so wie das auch Angestellte anderer Spitäler des Kantons taten.

In einer Stellungnahme hält das GZO Spital Wetzikon am Standpunkt fest, dass die Umkleidezeit keine bezahlte Arbeitszeit darstellt. «Die Umkleidezeit ist bis heute, entgegen den Ausführungen des VPODs, nicht generell gerichtlich als bezahlte Arbeitszeit anerkannt», schreibt Stephan Gervers, Leiter Marketing und Kommunikation. Das Spital habe dies arbeitsrechtlich prüfen lassen. In der Wegleitung des Seco werde das Umkleiden «in normale Arbeitskleider, die weder eine Schutzausrüstung darstellen noch steril sind», denn auch nicht genannt. Es obliege also grundsätzlich dem Angestellten, ausserhalb der Arbeitszeit für die Generierung seiner Berufstauglichkeit zu sorgen, um so seine Arbeit antreten zu können. «Wir sind der Meinung, mit unseren Arbeitsbedingungen marktgerecht zu sein», so Gervers.

«Das Verhalten zeugt von einem fragwürdigen Umgang mit dem Personal.»

Roland Brunner, Gewerkschaftssekretär VPOD

Die fünf Angestellten sahen das offenbar anders. Gegen die Streichung der «Anerkennungswoche» protestierten sie zusammen mit der Gewerkschaft mehrmals bei der Geschäftsleitung und dem Verwaltungsrat. «Keiner der Angestellten hat jemals das Umkleiden als Arbeitszeit aufgeschrieben. Diese Bestrafung entzieht sich jeglicher rechtlicher Grundlage», schreibt Brunner in einem Text, den der VPOD am Donnerstag auf seiner Website veröffentlichte. Der Beschluss der Geschäftsleitung müsse darum als Racheakt an jenen Angestellten betrachtet werden, die sich für ihre Rechte einsetzten.

Spital bestreitet Streichung

Dass das Spital den Entscheid diesen Frühling, während des Corona-Lockdowns, ihm zufolge mündlich rückgängig machte, ohne die betroffenen Angestellten schriftlich darüber zu informieren, empfindet er nicht als Genugtuung. «Bis heute hat sich die Geschäftsleitung bei den betroffenen Mitarbeitern nicht dafür entschuldigt, dass sie sie zu Unrecht beschuldigt hat. Das Verhalten zeugt von einem fragwürdigen Umgang mit dem Personal», sagt Brunner.

Das GZO-Spital bestreitet gegenüber der Redaktion, den fünf Angestellten die Anerkennungswoche gestrichen und den Entscheid danach rückgängig gemacht zu haben. «Wir mussten für den Bezug der Anerkennungswoche bei den fünf Angestellten sicherstellen, dass sie sich an die Bedingungen halten, welche für den Bezug der Anerkennungswoche und damit für alle Mitarbeitenden im GZO Spital Wetzikon gelten», schreibt Gervers.

Der Redaktion liegt aber ein Schreiben der Geschäftsleitung an einen der Betroffenen vor, datiert auf den 1. Oktober 2019. Darin steht: «Nachdem Sie nun ab 2019 nicht anerkennen, dass es sich bei der Umkleidezeit um nicht bezahlte Arbeitszeit handelt und Sie damit die von Ihnen gemeldeten und mehrfach bestätigten Arbeitszeitsaldi nachträglich als unzutreffend bezeichnen, entfallen die Voraussetzungen für die Gewährung der Anerkennungswoche und diese kann Ihnen deshalb per 2019 nicht mehr gewährt werden.» Und weiter: «Wir bedauern diesen Schritt ausserordentlich, sehen aber aus Gründen der Gleichbehandlung und Fairness sowie der Wirtschaftlichkeit im Sinne aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der GZO keine andere Möglichkeit.»

Kommentar schreiben

Kommentar senden

ja da hat es dem Personalchef oder Chefin in die Betrulgie gehagelt und den FRUST hat er /Sie am Personal ausgelassen die ja sonst nichts zu tun haben????

Es sollte langsam allgemein bekannt sein, wie es im Pflegeberuf abläuft: Grosse Verantwortung, Stress, schlechte Entlöhnung; ferner vielenorts: miese Arbeitsbedingungen (Organisation, Arbeitszeiten, Personal- und Fachkräftemangel) und Personalführung mangelhaft bis gar nicht vorhanden (was man heutzutage darunter versteht). Schade: Man kann nur jeder Person davon abraten, einen solchen Beruf zu wählen.

Ich weiss zwar nicht, was "schmicken" ist. Aber die Umkleidezeit (inkl. Weg von der Garderobe zur Station) beträgt pro Tag je nach Grösse des Spitals und Lage der Garderoben 10 bis 20 Minuten pro Tag. Im Schnitt sind das pro Jahr bei einer 100%-Anstellung 2 Wochen Arbeitszeit pro Jahr. Wenn Sie gerne auf Lohn oder Ferien für zwei Wochen verzichten, ist Ihnen das natürlich freigestellt. Aber gemäss Arbeitsgesetz ist das Arbeitszeit - und muss entsprechend entschädigt werden.
Roland Brunner

Alle Kommentare anzeigen