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Besko-Prozess in Uster

Spielfilm ohne Happy End

Das Bezirksgerichts Uster hat den Dübendorfer Posträuber Besijan Kacorraj alias Besko zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt und für die Dauer von zehn Jahren des Landes verwiesen. Das Interesse am Prozess war riesig.

Benjamin
Rothschild
Donnerstag, 20. August 2020, 18:40 Uhr Besko-Prozess in Uster

Einen solchen Rummel musste das Bezirksgericht Uster schon lange nicht mehr bewältigen: 18 Medienschaffende waren am Strafprozess gegen den Dübendorfer Posträuber Besijan Kacorraj zugegen. Hinzu kamen weitere Zuschauer, die Verhandlung wurde deshalb per Video in einen Nebenraum übertragen.

Dabei war der Fall aus rein juristischer Sicht mässig aufregend, wie der Verteidiger in seinem Plädoyer nicht unzutreffend ausführte. Der Beschuldigte war geständig, der Sachverhalt und die Rechtslage mehr oder weniger klar.

Im Zentrum stand der Überfall auf eine Postfiliale an der Dübendorfer Überlandstrasse, den Kacorraj im Februar 2019 mit einer Soft-Air-Pistole begangen hatte. Erbeutet hatte er dabei knapp 4000 Franken. Im Zusammenhang mit dieser Tat wurde er auch wegen Verstössen gegen das Strassenverkehrs- und das Waffengesetz angeklagt. Ausserdem soll er gegen das Ausländergesetz verstossen haben, als er im Oktober 2018 rechtswidrig in die Schweiz eingereist war.

Landesweites Aufsehen

Der Grund für das grosse öffentliche Interesse war weniger auf die Tat, als auf den Täter zurückzuführen. Denn Besijan Kacorraj ist in der Öffentlichkeit als Rapper Besko bekannt. Sein Schicksal sorgte landesweit für Aufsehen und Anteilnahme.

Im Jahr 2009 hatte er schon einmal einen Raubüberfall begangen, für welchen er auch verurteilt wurde. Gegen die drohende Ausschaffung wehrte er sich in der Folge öffentlichkeitswirksam. Er verarbeitete seine Lebensgeschichte nachdenklich in Rap-Texten und erzählte sie in der Rolle des Geläuterten vor Schulklassen – um Jugendliche von der schiefen Bahn abzubringen.

Kacorrajs Lebensgeschichte wurde auch in der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Uster wieder aufgerollt, als er eingangs zu seiner Person befragt wurde. Eine Lebensgeschichte, die seinem Verteidiger zufolge «Stoff für einen Spielfilm» bieten würde.

In Uster aufgewachsen

Kacorrajs Mutter hatte einst in der Schweiz gelebt und weilte lediglich vorübergehend im Kosovo, als sie mit Besijan schwanger war. Vor der Geburt ihres Sohnes habe sie eigentlich in die Schweiz zurückkehren wollen – doch habe sie aufgrund des ausserordentlich kalten Winters und ihrer Schwangerschaft den Flug nicht angetreten.

In die Schweiz kehrte sie trotzdem zurück, da sie alleinerziehend gewesen sei und habe arbeiten müssen. Ihr Sohn sei dann bei einer Pflegefamilie in Uster aufgewachsen, so Kacorraj, wobei mehrmals der Begriff «bürgerliches Umfeld» fiel.

Seine Schulzeit in Uster sei «eigentlich gut» gewesen, sagte Kacorraj. Das habe sich mit dem Umzug nach Zürich geändert. Dort sei es «anders abgegangen», Umfeld und Mitschüler hätten einen negativen Einfluss auf ihn gehabt.

Irgendwann sei er spielsüchtig geworden, erzählte Kacorraj. Er geriet auf die schiefe Bahn und wurde mehrfach straffällig – am gravierendsten beim besagten Raubüberfall im Jahr 2009.

«Keinen Rücken»

Kacorrajs Anstrengungen nach dieser Tat, seine Tracks und Schulbesuche sowie die beachtliche Solidaritätskampagne blieben ohne Wirkung. 2016 wurde er in den Kosovo ausgeschafft, ein Land, mit dem er zuvor kaum etwas zu tun hatte.

Dort fasste er angeblich Fuss, arbeitete in einem Call Center und verdiente einen für örtliche Verhältnisse anständigen Lohn. Das Center wurde jedoch später geschlossen. Später sei er in Streitigkeiten geraten, erzählte Kacorraj vor Gericht, habe «Puff» gehabt. Konkret ging es offenbar um eine Schlägerei, in die er «aus Zufall» geraten sei.

Im Kosovo würden die Dinge «anders laufen». Das System und die Gesetze seien nicht mit jenen in der Schweiz vergleichbar. Ausserdem habe er dort niemanden gekannt, habe keine Kollegen und «keinen Rücken» gehabt.

Was sein letztes halbes Jahr im Kosovo betreffe, so treffe die Losung zu, wonach er sich lieber in der Schweiz im Gefängnis aufhalte, als im Kosovo in Freiheit.

In die Schweiz kehrte Kacorraj im Rahmen erlaubter Familienbesuche – sein Sohn lebt hier – mehrfach zurück. So auch anfangs 2019. Im Rahmen dieses Aufenthalts beging er schliesslich den folgenschweren Raubüberfall in Dübendorf.

An die Enkelkinder gedacht

Der Staatsanwalt hat für die Delikte eine Freiheitsstrafe von 57 Monaten und einen Landesverweis von 15 Jahren gefordert.

Als besonders verwerflich erachtete er den Umstand, dass Kacorraj den Raub in jenem Zeitraum begangen habe, in welchem ihm die Schweiz «aus humanitären Gründen» ein Besuchsrecht eingeräumt hatte. Dass er im Rahmen des Familienbesuchs delinquierte, stelle einen «gravierenden Vertrauensmissbrauch» dar.

Auch seien die Postangestellten beim Überfall, den Kacorraj mit einer Soft-Air-Pistole begangen hatte, in ihrem Sicherheitsgefühl erschüttert worden. «Eine Angestellte hat in den Vernehmungen ausgeführt, dass sie an ihre Enkelkinder denken musste.»

Das Statement von Staatsanwalt Rolf Meier. Teil 1. (Handyvideo: Benjamin Rothschild)
Das Statement von Staatsanwalt Rolf Meier. Teil 2. (Handyvideo: Benjamin Rothschild)

Der Verteidiger hatte in seinem Plädoyer hingegen das deliktfreie Leben hervorgehoben, das Kacorraj von 2009 bis 2019 geführt habe. Es sei mit der vorhergehenden Lebensführung seines Klienten, als dieser mit einem Gangster-Image kokettiert habe, nicht vergleichbar.

Der Verteidiger Sven Gretler. (Handyvideo: Benjamin Rothschild)

Dass er mit dem erneuten Raubüberfall von 2019 mehrere Leute enttäuscht habe, dürfe sich nicht straferhöhend auswirken, sagte der Verteidiger. «Vor Gericht steht heute Besijan Kacorraj, nicht Besko», meinte er mehrfach. Die Freiheitsstrafe für seinen Klienten solle lediglich 32 Monate betragen, wobei nur die Hälfte zu vollziehen sei. Der Vollzug der anderen Hälfte sei bei einer Probezeit von vier Jahren aufzuschieben. Die Landesverweisung sollte dem Verteidiger zufolge fünf Jahre dauern.

Packendes Schlusswort

Nach den Plädoyers gebührte Kacorraj das Schlusswort. Dieses hatte es in sich: Er nahm Stellung zum Raubüberfall in Dübendorf und zu seiner Vorgeschichte. Dabei zeigte er sich selbstkritisch und richtete Fragen an sich selbst: «Weshalb riskiere ich meine Rolle als Vorbild? Weshalb meinen ohnehin schon erschwerten Kontakt mit meinem Sohn?» Und er entschuldigte sich bei all jenen, die an ihn geglaubt hätten – und die er enttäuscht habe.

«Ich entschuldige mich aber nicht bei jenen, die mich ausgeschafft haben», sagte er weiter. Sie hätten ihn aus einem «sozial engagierten» Leben gerissen, nachdem er nach seiner Verurteilung im Jahr 2009 alle Anstrengungen auf sich genommen habe, um wieder in die Spur zu finden. Er sei selbst für seine Taten verantwortlich. Trotzdem wäre es ohne Ausschaffung nie zu diesen gekommen, zeigte er sich überzeugt.

Ein Zuschauer, der bekannte Zürcher Gastronom Koni Frei, ein Bekannter Kacorrajs, applaudierte nach diesen Ausführungen.

Der Zürcher Gastronom Koni Frei verfolgte den Prozess in Uster.

Kein Härtefall

Das Gericht folgte derweil eher der Argumentationslinie der Staatsanwaltschaft, zumindest was das Strafmass angeht. Es verurteilte Kacorraj wegen Raubes und der anderen Delikte zu einer Freiheitsstrafe von 51 Monaten. Ausserdem verwies es ihn für zehn Jahre des Landes.

Bei der Strafzumessung fiel nicht nur die einschlägige Vorstrafe Kacorrajs zu dessen Ungunsten ins Gewicht. Auch, dass er den Raub bewaffnet und maskiert ausgeführt sowie vorbereitet habe (im Internet googelte er offenbar unter anderem den Begriff «Postraub») wurde ihm angelastet.

Kacorrajs Lebensgeschichte, insbesondere der Tapetenwechsel von Uster nach Zürich im Alter von sechs Jahren, wirkte sich demgegenüber strafmildernd aus.

Ein Raub führe zu einer obligatorischen Landesverweisung, erklärte der Richter weiter. Obschon Kacorraj regelmässig Kontakt zu seinem Sohn habe, handle es sich bei ihm nicht um einen Härtefall. Die Dauer von zehn Jahren erachtete das Gericht unter Berücksichtigung seiner Vorstrafe als «angemessen».

Hoffnung Musik

Im Rahmen seines Schlusswortes hatte Kacorraj ausgeführt, dass er nicht daran glaube, in seinem Leben noch einmal richtig Fuss zu fassen.

Ein Silberstreif am Horizont könnte allenfalls die Musik sein. Diese habe er früher allein aus Freude gemacht, nicht, um damit Geld zu verdienen. Nun aber gäbe es die Streaming-Dienste und diese könnten auch einträglich sein. Kacorraj sagte deshalb: «Die Musik ist nun mein Strohhalm für die Zukunft.»

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Besko wird abgeführt. (Handyvideo: Benjamin Rothschild)

Götti oder nicht?

An der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Uster kam auch der kürzlich verstorbene Götti-Bub von Besijan Kacorraj zur Sprache: Es handelt sich um einen der beiden Teenager, die am Sonntag in Zollikerberg tot in der Wohnung des Produzenten von Besko aufgefunden wurde. Er habe diesen jeweils an Weihnachten und Geburtstagen besucht, erzählte Besko. «Ich war so etwas wie der coole Onkel». In den sozialen Medien wurde die Götti-Rolle Kacorrajs später allerdings dementiert.  

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