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Züriost-Blog

Ein dunkler Novembertag in Uster

Talina
Steinmetz
Mittwoch, 19. August 2020, 09:59 Uhr Züriost-Blog

Geliebter Uster Märt

Ein wenig plötzlich kam deine Absage ja schon, auch wenn man vielleicht damit gerechnet hat. Deine Lichterketten bleiben verstaut, die Flaschen verschlossen, das Riesenrad steht still.

Noch vor zwei Wochen war ich traurig, dass die Streetparade wegen des Coronavirus ausfällt. Natürlich hatte ich auch Verständnis – nur schon der Gedanke an eine Million Menschen auf engstem Raum, bereitet mir derzeit Sorgen.

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Doch du, Uster Märt, du warst mein Trost. Ich hatte die Hoffnung, dass das Virus bis Ende November schönen Dingen wie dir wieder ein wenig Platz lässt. Denn: Trotz den kalten Temperaturen Ende November, hältst du viele Herzen warm.

Letztes Jahr war mein erster richtiger Besuch bei dir, unsere Beziehung ist also noch jung. Und trotzdem hast du mich überwältigt. Bestimmt fragst du dich jetzt, wie. 

Naja, zu allererst ist da dein Erscheinen. 

Kein Riesenrad, keine Lichter: Uster bleibt Ende November dunkel. (Archivfoto: Christian Merz)

Du treibst das eher zerstreute Uster zusammen, bringst tausende Lichter in die Stadt ohne Lichtsignale und lässt die Stadtmitte, die es sonst eigentlich gar nicht gibt, leuchten. Das Riesenrad ist von weit her sichtbar, blinkende Glühbirnen der Chilbi-Bahnen ebenfalls. Dein Wahrzeichen, der Märtbalken, knarrt und ächzt unter den Füssen von hunderten Menschen, die nur wegen dir nach Uster gekommen sind.  

Eingepackt in Jacken, Schals und Mützen quetschen sie sich an den Marktständen vorbei und versuchen, eine Handvoll gebrannte Mandeln zu erwischen. Oder den ersten Glühwein – um 15 Uhr (und manchmal noch früher), versteht sich. Denn am Uster Märt gilt die Regel, dass es eben (fast) keine Regeln gibt.

Glühwein den ganzen Nachmittag? Cheeeeers!  

Roter Vodka mit Red Bull – «Gummibärli» – im Champagnerglas? Habe ich nur hier gesehen.

Eine WG stürmen, obwohl man gar keinen der Bewohner kennt? Legenden besagen, dass auch solche Aktionen schon stattgefunden haben sollen.   

Das geht nur bei dir, lieber Uster Märt. Anderswo würde man hochkantig rausgeschmissen werden, ganz egal, welches Strassenfest läuft. Man würde schräg angeschaut werden, wenn man Vodka aus einem Champagnerglas trinkt. Oder überhaupt trinkt, bereits am Nachmittag, mitten auf der Strasse.

Im Laufe des Abends verschwinden dann die Schals und Mützen – ohne kann man das Tanzbein besser schwingen oder sich durch die Menge im Märtbalken quetschten. Während man am Nachmittag mehrheitlich Kinder auf den Bahnen sieht, sichtet man zu später Stunde immer mal wieder einen Bekannten oder sogar Arbeitskollegen auf dem Schüttelbecher oder Free-Fall-Tower.

Ob das Hilft, Platz für mehr Glühwein zu schaffen?

Die Sonne geht unter, die Glüh-Gins werden heiss gemacht: Zu späterer Stunde am Uster-Märt. (Foto: Christian Merz)

Auch musikalisch durchlebt man Welten: Wenn die Sonne langsam untergeht, hüpft man zu den Klängen von Chilbibahn-Schlager herum. Später, im Märtbalken, grölt man lauthals zu ähnlicher Musik mit. Und noch ein wenig später verschiebt man sich zur Elektro-Eckeb beim «Spitzbuben», wo Bässe wummern und man hipsterigen Glüh-Gin bestellen kann – ganz urban, wie Uster eben sein will.

Und irgendwann landet man im Zeughaus, wo Reggaeton und deutscher Rap aus den Boxen dröhnen, die Lounges härt umkämpft sind und man sogar der städtischen Rapikone Freezy über den Weg läuft.

Doch nicht nur der Abend gehört zu dir, lieber Uster-Märt, sondern auch der Freitabmorgen danach. Da sitzt man müde vor dem Bildschirm, tippt irgendwelche Buchstaben, denkt an dich und schielt schüchtern zu den Begleitern des Vorabends – wie es ihnen wohl geht?  

Doch dieses Jahr wird dieser Freitag ein ganz gewöhnlicher Freitag sein, kein «Nach-dem-Uster-Märt-Freitag». Denn Corona vermiest auch dein Fest. Aber wie auch schon bei der Streetparade bin ich auch bei dir der Meinung, dass es so richtig ist. Eine Absage zeugt von Solidarität, Verantwortung und Rücksichtnahme.

Ich werde an dich denken Ende November und mein Deko-Blinklicht im Schlafzimmer anknipsen. Vielleich trinke ich sogar ein «Gummibärli» aus dem Champagnerglas auf dich. Und hoffe, nächstes Jahr wieder Teil deines Zaubers sein zu dürfen.  

Mit viel Liebe

Die Steinmetz-Bloggerin

Talina Steinmetz kann nie lange stillsitzen. Spontane Motorradausflüge, längere Sporteinheiten und dicke Bücher zu lesen, sind ihre Lieblingsbeschäftigungen. Ein Wochenende einfach nur zu Hause verbringen? Langweilig. Montags trotzdem fit zu sein, ist ihre Stärke. Und falls das mal nicht der Fall sein sollte, helfen Fotos von Babybüsis oder das Schreiben eines Blogs.

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Hallo Talina
Gegen den Ustermer Märt-Blues gibt's ein gutes Rezept. Gucksdu hier:
https://freizeitsportler.ch/direkt/training/show/2436/
Die (Alternativ)Veranstaltung hat mehrere Vorteile:
- sportliche Herausforderung
- man lernt neue Leute kennen
- der (anschliessende) Glühweinkonsum hält sich aus naheliegenden Gründen in Grenzen
- kein Ueber(fr)essen möglich wie beim UM - macht daher nicht dick
- man kommt noch am gleichen Tag nachhause
Freizeitsportler.ch freut sich auf dich.
Sportliche Grüsse
Rolf K., Präsi

Liebe Frau Steinmetz
Der "Ustermer Märt" heisst "Ustermer Märt" und nicht "Uster Märt". Ein Eintauchen in die Archive des AvU würde sich lohnen (mindestens bis vor dem 2. Weltkrieg).
MfG Paul Stopper

Guten Tag Herr Stopper

Gemäss meinen Recherchen auf der Homepage der Stadt Uster wird der «Uster Märt» als solcher bezeichnet. Ebenfalls wird er seitens Verantwortlichen «Uster Märt» genannt, siehe jüngste Berichterstattung zur diesjährigen Absage.

Freundliche Grüsse

Talina Steinmetz

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