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Standpunkt

Der Corona-Crashtest steht noch bevor

Standpunkt-Autor Werner Knecht verknüpft wirtschaftswissenschaftliche Überlegungen mit der aktuellen Corona-Krise.

Redaktion
Züriost
Freitag, 17. Juli 2020, 15:01 Uhr Standpunkt
Pixabay / PD

Angesichts des medialen Dauerbeschusses betreffend Corona ist es gut und notwendig, den Blick auch auf andere Themen zu lenken – beispielsweise auf die Frage, wie wir mit Risiken umgehen. Dabei bemerken wir, dass wir als Person ähnlich wie Unternehmen ticken und neben Verlustgefahren auch Gewinnpotential ins Kalkül einbeziehen.

So ergeben sich zwangsläufig zahlreiche Handlungsalternativen, wobei die Einkommensunterschiede die Risikobereitschaft erheblich beeinflussen. Laut einer aktuellen Studie zeigen nämlich Entscheidungsträger mit geringerem Einkommen eine erhöhte Risikobereitschaft als ihre Vergleichspersonen. Parallel dazu reduzieren die Kollegen mit grösserem Einkommen das Risiko, denn die finanzielle Belohnung wiegt für sie die gesteigerte Verlustgefahr nicht auf. So kommt es zu namhaften Einkommensunterschieden.

Zu diesem aktuellen Thema hat soeben die Fachzeitschrift «Games and Economic Behavior» eine Studie publiziert, die von zwei Wirtschaftswissenschaftern der Georg-August-Universität Göttingen durchgeführt wurde. Sie untersuchten anhand von Computer-Laborexperimenten die Risikopräferenzen von 236 Studierenden, wobei sie anlässlich der Studienpräsentation die Bedeutung des sozialen Umfelds anhand von Fondsmanagern betonten.

«Alles in allem belegt die erwähnte Untersuchung den verbreiteten Wunsch nach Gleichheit.»

Erziele einer höhere Gewinne als sein Kollege, so könne dies zur Folge haben, dass sich die Risikobereitschaft des Letzteren signifikant erhöhe, nur um die bestehende Einkommenslücke zu schliessen. Umgekehrt verhalten sich Entscheidungsträger weniger riskant, wenn sie erfahren, dass die Vergleichsperson ein kleineres Einkommen erzielt. Interessanterweise ist zudem die Veränderung der Risikobereitschaft davon abhängig, wie stark die Abneigung der Testpersonen gegenüber Ungleichheit ist.

Alles in allem belegt die erwähnte Untersuchung den verbreiteten Wunsch nach Gleichheit, auch wenn es dabei «nur» um das Einkommen geht. Dieses Denken respektive Streben widerspiegelt sich ebenfalls in der weltweiten Perspektive, denn Länder mit starkem Einkommensgefälle zwischen Arm und Reich weisen mehr soziale und gesundheitliche Probleme auf.

«Laut Delhey sind reichere Staaten insgesamt weniger problembelastet.»

«Einkommensungleichheit ist schlecht für die Gesellschaft, da sie die sozialen Bindungen zwischen den Menschen schwächt, was wiederum die Entstehung und Verbreitung von gesundheitlichen und sozialen Problemen wahrscheinlicher macht», meint Professor Jan Delhey, Lehrstuhlinhaber für Makrosoziologie der Universität Magdeburg. Er ist Erstautor einer vergleichenden Analyse von Problemen dieser Art in 40 reichen Gesellschaften. Hier schneiden die asiatischen und europäischen Länder deutlich besser ab als die anglophonen und lateinamerikanischen Länder.

Laut Delhey sind reichere Staaten insgesamt weniger problembelastet, gehe doch wirtschaftlicher Wohlstand einher mit stärkeren sozialen Bindungen in der Gesellschaft. Das reduziere gesundheitliche und soziale Herausforderungen. Damit erklärt der Gesellschaftswissenschafter das aufgefundene geografische Muster.

Spannend ist die Rangliste. Die besten Resultate erzielten nämlich Japan, Südkorea, Singapur, gefolgt von Island, Norwegen und der Schweiz. Deutschland belegt Platz 15, direkt hinter Österreich. Insgesamt ist das Ausmass an gesundheitlichen und sozialen Problemen grösser in Ländern mit ausgeprägter Einkommensungleichheit und geringer in Staaten mit höherem Wohlstandsniveau. Die meisten der erwähnten Probleme treten in Trinidad und Tobago, Uruguay und den Vereinigten Staaten auf.

Wie wurden die Resultate ermittelt? Die Analyse der Soziologen basierte auf einem Set von sechs Problemen, die häufiger in unteren Einkommens- und Bildungsschichten vorkommen als in oberen. Als gesundheitliche Indikatoren dienten niedrige Lebenserwartung, hohe Kindersterblichkeit und Fettleibigkeit, als soziale Probleme vorsätzliche Tötungsdelikte, Teenagerschwangerschaften und Inhaftierungsraten.

«Allerdings dürften die katastrophalen Auswirkungen der Corona-Pandemie viele Errungenschaften zunichtemachen.»

Die Autoren der Studie werten – trotz aller Ungleichheiten – die verbesserte Gesamtsituation in den meisten Ländern positiv, auch wenn eine eindeutige Erklärung dafür noch nicht vorliegt. Der steigende Wohlstand dürfte aber ein bestimmender Faktor sein. Deshalb gilt es, das weit verbreitete negative Bild der heutigen Gesellschaft zu überdenken und differenzierter zu urteilen.

Allerdings dürften die katastrophalen Auswirkungen der Corona-Pandemie viele Errungenschaften zunichtemachen. Steigende Arbeitslosenzahlen, viele Härtefälle, einengende Corona-Schutzmassnahmen, verhaltener Konsum, Verzicht auf Investitionen und gedrückte Investitionen – das alles sind scharfkantige Herausforderungen. Nun wird sich zeigen, ob die gesellschaftliche Solidarität den Crashtest besteht oder ob die Einkommensungleichheit eher wieder zunimmt. (Werner Knecht)

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