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So kommen die Schulen wieder in Schwung

Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts

So kommen die Schulen wieder in Schwung

Halbe Klassen und halb so viele Lektionen wie sonst: Das ist für den Unterricht in den nächsten vier Wochen vorgesehen. Vieles bleibt aber noch vage.

Redaktion
Züriost
Montag, 04. Mai 2020, 14:00 Uhr Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts
Bald wieder im Klassenzimmer: Schülerinnen und Schüler können wieder in kleineren Gruppen unterrichtet werden.
Archivfoto: Raisa Durandi

Chaos – das erwartet Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP), wenn die Zürcher Schulen ihren Betrieb wieder hochfahren. Wie schon bei deren Schliessung Mitte März bittet sie die Eltern um Verständnis dafür und um Unterstützung.

Die Schulen werden ab dem 11. Mai zwar den Präsenzunterricht wieder aufnehmen, doch noch nicht vollständig. «Auch in den Schulen machen wir einen Schritt hin zu einer neuen Normalität», sagte Steiner am Donnerstag an einer Medienkonferenz. An dieser skizzierte sie, wie die Rückkehr zum Präsenzunterricht aussehen soll.

Grösse der Schulklassen: Die Schülerinnen und Schüler werden nicht in ganzen Klassen unterrichtet. Es sollen sich maximal 15 im gleichen Raum befinden. Faktisch werden damit die meisten Klassen in zwei Gruppen aufgeteilt. Dadurch können die Hygienebedingungen besser eingehalten werden.

Die Gruppen sollen stabil bleiben, also nicht durchmischt werden. Damit sollen allfällige Ansteckungen über Halbklassen hinweg vermieden werden. Sollte sich ein Kind mit dem Coronavirus infizieren, wäre so auch das sogenannte Contact Tracing, also die Rückverfolgung der Ansteckungskette, einfacher. Kleinere Gruppen haben einen weiteren Vorteil: «Sie ermöglichen eine individuellere Betreuung der Kinder», sagte Bildungsdirektorin Steiner.

Zahl der Lektionen: Die Aufteilung von Klassen hat zur Folge, dass nicht genügend Lehrpersonal zur Verfügung steht, um den Vollbetrieb zu gewährleisten. Kinder haben deshalb nur etwa die Hälfte des sonst üblichen Unterrichts.

Kindergärtler erhalten 10 bis 12 Wochenlektionen, Primarschüler 12 bis 15 Lektionen und Sekundarschüler 16 bis 18. Wie viele es tatsächlich sein werden und wie die jeweiligen Schulen die Stundenpläne gestalten, schreibt die Bildungsdirektion nicht vor. Der Unterricht kann somit weiterhin von Schule zu Schule stark variieren.

Unterrichtete Fächer: Auch bei den Schulfächern macht der Kanton den Schulen keine direkte Vorgaben. Sie können also selbst Schwerpunkte setzen – so, wie es schon im Fernunterricht der Fall war.

Die Bildungsdirektion rechnet damit, dass die Schulen sich auf Fächer wie Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen konzentrieren werden. Bis zu den Sommerferien sind zudem Schulreisen und Klassenlager verboten.

Erste Schultage: Die ersten Tage an der Schule werden nicht einfach. «Die Kinder kehren nach acht Wochen in die Schulgemeinschaft zurück», sagte Marion Völger, Chefin des Volksschulamts. «Sie haben unterschiedliche Lern- und Entwicklungserfahrungen gemacht.

Deshalb müssen die Lehrer mit den Schülern zuerst eine Standortbestimmung aufnehmen.» Zudem müssten mit den Kindern zu Beginn die Hygienevorschriften eingeübt werden.

Abstandsregeln: Die Kinder müssen untereinander keine Abstandsregeln einhalten. Die Lehrer hingegen müssen zu den Kindern auf Distanz gehen und auch untereinander Abstand halten. Der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband (ZLV), der die Entscheide der Bildungsdirektion im Grundsatz begrüsst, sieht hier ein Problem: Das Konzept sei eine theoretische Grundlage, die in der Realität mancherorts an Grenzen stossen dürfte, schreibt ZLV-Präsident Christian Hugi in einer Stellungnahme. «Wie sollen die Kindergartenlehrpersonen ein Kind aus Distanz unterstützen, wenn es Hilfe oder Zuwendung braucht?», fragt sich Hugi beispielsweise.

Risikogruppen: Kinder, die nicht zur Schule gehen können, weil sie oder ihre Eltern am Coronavirus erkrankt sind und deshalb in Quarantäne bleiben müssen, sollen weiterhin Fernunterricht erhalten. Lehrerinnen oder Lehrer, die zu den Risikogruppen zählen, müssten zudem nicht im Klassenzimmer stehen, sagte Marion Völger. Stattdessen sollen sie ihre Kollegen im Hintergrund unterstützen oder für den Fernunterricht eingesetzt werden.

Der Lehrerverband weist daraufhin, dass dadurch noch Unsicherheit darüber bestehe, wie viele Lehrpersonen am 11. Mai tatsächlich für den Präsenzunterricht zur Verfügung stehen würden. Er fordert deshalb einen Pool für Personalressourcen. Wo nötig, brauche es den Einsatz von Vikarinnen und Vikaren.

Schulergänzende Betreuung wird von den Gemeinden wie bis anhin sichergestellt. Das ist deshalb wichtig, weil jetzt viele Eltern nicht mehr im Homeoffice arbeiten und deshalb darauf angewiesen sind. «Es wird eine Art Notbetreuung plus geben», sagte Amtschefin Völger. Ein volles Betreuungsangebot ist erst ab dem 8. Juni wieder vorgesehen.

Rückkehr zum Vollbetrieb: Der 8. Juni ist auch das Datum, an dem die Schulen wieder ganz hochgefahren werden. «Wenn wir von einer zweiten Welle verschont werden, können wir die Schulen wieder ganz öffnen», sagte Silvia Steiner. Der Unterricht findet dann also wieder in ganzen Klassen und nach dem normalen Stundenplan statt.

Mittel- und Berufsfachschulen starten den Präsenzunterricht erst am 8. Juni. Das gilt auch für das Untergymnasium, das Teil der obligatorischen Schule ist. Anders als Sekundarschüler würden die meisten Untergymnasiasten mit dem öffentlichen Verkehr zur Schule gehen, sagte Niklaus Schatzmann, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts.

«Sie sind zwar keine Risikogruppe, sie füllen aber Züge und Trams und erschweren es erwachsenen Pendlern, die Abstandsregeln einzuhalten.»

Maturitätsprüfungen: Der Bildungsrat hat entschieden, dass im Kanton Zürich keine Abschlussprüfungen durchgeführt werden. Es zählen die Erfahrungsnoten. Nur wer aufgrund der Erfahrungsnoten nicht bestanden habe, solle Prüfungen absolvieren können, um die Noten aufbessern zu können, sagte Schatzmann.

«Wir sind zum Schluss gekommen, dass Abschlussprüfungen zu wenig gerecht wären.» Die Gymnasiasten hätten inmitten der Prüfungsvorbereitung auf den Fernunterricht umstellen müssen. Zu Hause hätten einige von ihnen räumlich oder sozial keine optimalen Voraussetzungen gehabt, um zu lernen.

FDP, SVP und GLP hatten am Mittwoch gefordert, die Maturitätsprüfungen durchzuführen. Bildungsdirektorin Steiner erteilte dieser Forderung eine Absage. Der Bildungsrat – Steiner präsidiert diesen – sei ein Fachgremium, das vom Kantonsrat eingesetzt worden sei. Seine Entscheidungen seien dadurch breit abgestützt.

(Michel Wenzler)

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