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«Einige haben keinen Computer zuhause»

Primarlehrerin in Dübendorf

«Einige haben keinen Computer zuhause»

Andrea Schibli unterrichtet in Dübendorf im Schulhaus Flugfeld eine 1. Klasse. Sie befürchtet, dass durch das Homeschooling das Lernniveau der Schüler noch ungleicher wird.

Mirja
Keller
Dienstag, 28. April 2020, 15:50 Uhr Primarlehrerin in Dübendorf

«Die momentane Situation ist nicht einfach, aber sie ist insbesondere für die Eltern eine Mehrfachbelastung. Eine alleinerziehende Frau mit drei Kindern, die sie betreuen muss und das, während sie im Homeoffice arbeitet? Oder ein Elternpaar, das kaum Deutsch spricht und den Kindern mit den Hausaufgaben helfen will?

Wenn ich sehe, wie die Eltern meiner Schüler derzeit ihr Bestes geben, um ihre Kinder zu unterstützen, möchte ich ihnen ein Kränzlein winden. An der Primarschule Flugfeld in Dübendorf, an der ich unterrichte, ist der Anteil fremdsprachiger Kinder hoch. Nicht alle haben Eltern, die bei Fragen zum Schulstoff helfen können. Deshalb telefoniere ich mit all meinen Schülern einmal pro Woche. Das dauert dann einen ganzen Morgen.

Besonders der Kontakt zu den Eltern hat sich in dieser Zeit intensiviert, was ich als sehr positiv empfinde. Einmal pro Woche kommen sie zusammen mit den Kindern in der Schule vorbei, wo sie das Unterrichtsmaterial abholen. Ich bereite alles ganz genau vor, gebe Wasserfarben mit fürs Zeichnen oder Spielgeld fürs Rechnen. Wenn ein Schüler Probleme hat, darf er auch kurz vorbeikommen und ich gehe den Stoff nochmals persönlich mit ihm durch. Das ist aber selten vorgekommen.

Ich behaupte, die meisten Schüler werden nach dem Fernunterricht keine grossen Lerndefizite haben. Aber die Schere geht weiter auseinander. Zudem lassen sich derzeit nicht alle Fächer gleich gut unterrichten. Das gemeinsame Musizieren fällt beispielsweise komplett weg. Online-Unterricht kann ich keinen geben. Die Erstklässler sind noch zu klein dafür. Ausserdem haben einge Eltern keinen Computer zuhause. Meine Mails lesen sie teilweise am Handy.

Bestimmte Aufgaben zum Lesen oder Rechnen können die Schüler an einer App erledigen. Mit jeder gelösten Aufgabe erhalten sie Punkte. Ich habe einen Schüler, der deshalb nun viel besser liest als vorher. Ich bin sehr dankbar um die Errungenschaften der Digitalisierung, auch wenn ich sie bei meinen Schülern beschränkt einsetzen kann. Ich werde nach dem Lockdown aber darauf achten, das digitale Lernen mehr zu fördern. In Krisen wie diesen ist dies viel wert.

Was hätte ich an dieser Stelle vor 30 Jahren gemacht? Als es nicht mal Kopierer gab? Ich habe 33 Jahre Erfahrung im Lehrberuf, aber auf eine Situation wie diese bereitet einen keine Ausbildung vor. Ich freue mich sehr darauf, in ein volles Klassenzimmer zurückzukehren. Jetzt ist es viel zu still darin. Ich will auch wieder einmal «Pst!» sagen können.»

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