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«Ich könnte jetzt nicht heimgehen und ruhig schlafen»

Wetziker Feuerwehr im Kampf gegen «Sabine»

«Ich könnte jetzt nicht heimgehen und ruhig schlafen»

Unterwegs mit der Wetziker Feuerwehr: Umgestürzte Bäume und fliegende Baugespanne hielten die Feuerwehrmänner am Montagmorgen auf Trab.

Patrizia
Legnini
Montag, 10. Februar 2020, 18:17 Uhr Wetziker Feuerwehr im Kampf gegen «Sabine»

Im Minutentakt kommen die Männer an diesem Montagmorgen durch die Tür der Fahrzeughalle des Wetziker Feuerwehrdepots gerannt. Es ist 8.45 Uhr, und wegen der stürmischen «Sabine» waren die ersten Feuerwehrmänner schon um halb sieben im Gebäude an der Farbstrasse zugegen. Vor wenigen Minuten ist in der Einsatzzentrale zum zweiten Mal die Meldung eingegangen, dass in der Nähe ein Baum umgestürzt ist – diesmal auf den Vorplatz einer Tiefgarage an der Höhenstrasse. «Das ist eine unproblematische Sache für uns, da sich der Baum nicht im Wald befindet, wo uns weitere Bäume gefährlich werden könnten. In die Wälder gehen wir im Moment nicht. Aber wir brauchen mehr Leute, um die Garageneinfahrt zu räumen», sagt René Ehrenmann, der vom Depot aus die Einsätze koordiniert.

Der 43-jährige Feuerwehrkommandant hat eine Kleinformation alarmiert, 10 bis 12 Männer, die sich in der Zwischenzeit in rote Feuerwehrhosen und schwere Stiefel gestürzt haben und jetzt im Depot um ihn herumstehen, um seine Anweisungen entgegenzunehmen. Fünf Minuten später rückt ein Ersteinsatzfahrzeug aus, doch nicht alle dürfen mit: «Einen Teil behalten wir hier, falls noch etwas anderes passiert», sagt der Kommandant. Und zu den Männern gewandt: «Ihr könnt oben einen Kaffee trinken gehen.» «Aber kein Bier bitte!», witzelt ein anderer, und alle grinsen.

Morsche Bretter auf dem Dach

Glimpflich ausgegangen ist ein Vorfall an der Wetziker Bahnhofstrasse. Vor wenigen Minuten hat der Sturm ein Bauvisier vom Dach eines Einkaufszentrums aufs Trottoir hinuntergeschleudert, mitsamt den schweren Holzbrettern, die es eigentlich an Ort und Stelle hätten festhalten sollen. Das Baugespann ist eines von vielen, die seit mehreren Jahren auf dem Flachdach der «Trompete» stehen, aber auch auf dem Parkplatz im oberen Stock – und die weiteren Stangen biegen und winden sich bedrohlich in der Luft, als zwei Feuerwehrmänner sich die Situation vor Ort anschauen.

Immer wieder hebt der Wind die offensichtlich morschen Bretter auf dem Platz ein paar Zentimeter in die Höhe; die Feuerwehrleute gehen unter ein Vordach, bevor sie über eine Leiter auf das Flachdach über ihnen klettern. Dort beschweren sie die noch vorhandenen Baustangen mit schweren Sitzplatzplatten. Doch Michael Schneiter, der stellvertretende Feuerwehrkommandant, ist nicht zufrieden: «Auf die Schnelle konnten wir leider nicht mehr machen», sagt er.

«Bis jetzt hat sich niemand verletzt, und auch der Sachschaden hält sich in engen Grenzen.

René Ehrenmann, Feuerwehrkommandant

Um 9.30 Uhr besprechen die Feuerwehrleute die Situation mit ihren Kollegen im Depot. Soll man die ganze Bahnhofstrasse sicherheitshalber sperren? Würden sie es überhaupt irgendwie schaffen, die mehrere Meter hohen Baugespanne vom Dach herunterzuholen? Schneiter hat kein gutes Bauchgefühl, er plädiert für weitere Massnahmen. «Ich könnte jetzt jedenfalls nicht heimgehen und ruhig schlafen», sagt er. Und während ein Kollege eine Gerüstbaufirma zu erreichen versucht, die sich um den Abbau kümmern könnte, ärgert er sich ein bisschen über das fast leere Schnupftabakdöschen, das er quasi umsonst in seiner Tasche mitführt. Er lacht.

Zum Glück schon Ferien

Um 9.45 Uhr rücken die Feuerwehrleute in verschiedenen Fahrzeugen in Richtung Robenhausen aus, weil der Wind an der Strassenkreuzung bei der Abwasserreinigungsanlage eine mobile Lichtsignalanlage umgeschmissen hat. «Blöd ist, dass sie wieder umfallen wird», sagt der Feuerwehrmann, der sie aufrichtet. «Falls das so weitergeht, müssen wir uns vielleicht überlegen, Sandsäcke zu besorgen», sagt Ehrenmann. Er scheint froh darüber zu sein, dass der Tag bis jetzt nicht viel dramatischer verläuft. «Bis jetzt hat sich niemand verletzt, und auch der Sachschaden hält sich in engen Grenzen.»

Die Baugespanne biegen und winden sich in der Luft, als zwei Feuerwehrmänner sich die Situation vor Ort anschauen.

Dann fährt er weiter nach Seegräben, um einen Gehweg zu inspizieren, den die Feuerwehr am frühen Morgen wegen eines umgestürzten Baums gesperrt hat. Es sei ein Glück, dass in Seegräben und Wetzikon schon die Sportferien begonnen haben. «Sonst wären jetzt viel mehr Schulkinder auf den Strassen unterwegs.» Als die Feuerwehr den Weg im letzten Jahr schon mal sperren musste, sei das anders gewesen, wird Schneiter später sagen. «Weil die Schulkinder ihn daraufhin nicht mehr benutzen konnten, organisierte die Feuerwehr für sie einen Shuttledienst.»

«Wenn wir nichts unternehmen, könnte man es uns auch zum Vorwurf machen, wenn doch noch etwas passiert.»

Michael Schneiter, stellvertretender Feuerwehrkommandant

Auch in Richtung Bäretswil ist ein Baum umgefallen. Aber aufgrund der Nähe zum Wald entscheiden die Feuerwehrmänner, die Strasse vorerst nur abzusperren. Dass der Sturm noch immer Regenschwaden auf die Strassen peitscht und Kartonschachteln, Abfallkübel und Gartenzäune in der Stadt herum wirbelt, könnte man in der wohlig warmen Fahrzeughalle des Feuerwehrdepots an der Farbstrasse glatt vergessen.

Die Pizza muss warten

Dass just an diesem Morgen eine an der Decke aufgehängte Wasserleitung im Gang zu lecken beginnt, hat wenig mit «Sabine» zu tun; weil der Rohrnippel durchgerostet ist, spritzt das Wasser in zwei Eimer auf dem Boden. Der aufgebotene Sanitär hantiert mit Zangen, während es für die Feuerwehrleute gerade nichts zu tun gibt. Ein paar von ihnen sitzen oben im Kaffeeraum, andere lehnen in der Halle an den Fahrzeugen, diskutieren oder starren in ihr Smartphone. Während einer vorschlägt, die Anschaffung von zwei Sofas ins nächste Budget aufzunehmen, studieren ihre Chefs, die Offiziere, am Computer die Wetterprognosen.

Nach einer weiteren Lagebesprechung ist den Männern klar, dass sie in Sachen Baugespannen auf der «Trompete» nicht nur auf die Facharbeiter angewiesen sind, die die Stangen vom Himmel runterholen, sondern dass man auch die Polizei hinzuziehen möchte. «Wir sollten gemeinsam entscheiden, ob die Strasse gesperrt wird oder nicht», sagt Schneiter. Der Fall sei verzwickt: «Wenn wir nichts unternehmen, könnte man es uns auch zum Vorwurf machen, wenn doch noch etwas passiert.»

Mittlerweile ist es 12 Uhr. Was der Nachmittag noch für sie bereithält, weiss keiner. «Die Wetterstationen sind sich nicht einig», sagt Ehrenmann. Wenn der Wind es irgendwie zulässt, will er mit seinen Männern noch den gesperrten Fussweg in Seegräben räumen, damit die Fussgänger nicht auf der Strasse gehen müssen.

Um 12.25 Uhr telefoniert Schneiter ins Depot. «Das tönt nach Arbeit», grummelt einer. Tatsächlich braucht der stellvertretende Kommandant vier Leute, um die Wetziker Bahnhofstrasse wegen den unstabilen Baugespannen doch noch einseitig zu sperren und den Verkehr zu regeln - ausgerechnet jetzt, wo die zum Zmittag bestellte Pizza kommen sollte. Aber ohne mit der Wimper zu zucken, rennen die Männer los.

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