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«Wenn ich Filme mache, soll es so sein, wie wenn der Bäcker Brot macht»

Filmbäckerei Rüti gewinnt Innovationspreis

«Wenn ich Filme mache, soll es so sein, wie wenn der Bäcker Brot macht»

Der diesjährige Rütner Innovationspreis geht an die Filmbäckerei. Die Projektverantwortliche Annette Carle will mit ihrem Kulturzentrum die Rütner Kunstszene aufmischen.

Alice
Küng
Samstag, 18. Januar 2020, 15:58 Uhr Filmbäckerei Rüti gewinnt Innovationspreis

Schon von weitem springt einem die Filmbäckerei ins Auge. Bunt bemalte Schaufenster empfangen Besucherinnen und Besucher. Annette Carle, Betreiberin dieses autonomen Kulturzentrums, hat den diesjährigen Rütner Innovationspreis zur Förderung besonderer Leistungen von Rütner Vereinen oder Einwohnern gewonnen. Mit ihrem selbst gegründeten Verein Sichtbar führt die Projektverantwortliche seit zwei Jahren die Filmbäckerei an der Moosstrasse 44. «Der Gewinn des Innovationspreises ist eine Anerkennung für unsere Arbeit und das tut sehr gut», sagt Carle.

Mit dem Preisgeld von 10'000 Franken will die Filmemacherin einen Teil der Miete zahlen und ein Filmbäckereiklavier kaufen. Bis anhin hatte sie ausser von der Gemeinde Rüti keine regelmässige Unterstützung und finanzierte das Projekt ausschliesslich selbst. «Ich investiere viel Zeit und verdiene kein Geld mit der Filmbäckerei. Das Finanzloch versuche ich mit meiner Arbeit als Filmemacherin zu kompensieren», sagt die Mutter dreier Kinder.

Es hätte sie deshalb auch viel Mut gekostet, dieses Projekt zu starten. «Durch die finanzielle Unabhängigkeit, hatte ich aber auch immer die Freiheit, alles so zu machen, wie ich es wollte», ergänzt Carle.

«Wie auch früher die Bäckerei, soll auch die Filmbäckerei ein Quartiertreff sein.»
Annette Carle, Betreiberin der Filmbäckerei

Tritt man ein wird das Auge von visuellen Eindrücken überflutet. Ein überfülltes Bücherregal, eine Kleiderstange mit kunterbunten Kleidern und eine Plakatwand sind zu sehen. Ein rotes Poster an der Wand direkt vis-à-vis vom Eingang fällt besonders auf. Darauf ist ein Zitat: «Do more of what makes you happy».

Die Rütner Kunstszene

Das sei auch das Motto der Filmbäckerei. «Ich möchte, dass die Leute, die hier her kommen, Freude haben, an dem was sie machen», sagt Carle. Neben dem Theater Sternenkeller gäbe es in der Stadt weder Kino noch Kunstmuseum. Mit ihrem Projekt wollte sie einen Beitrag leisten und ein kleines autonomes Kulturlokal eröffnen. «Die Filmbäckerei ist ein kreatives Experimentierlabor. Hier ist alles möglich», so Carle.

Die Discokugel sei nach der Weltkugel Carles zweite Lieblingskugel. (Foto: Christian Merz)

Kunst und Begegnung

«Wenn ich Filme mache, soll es so sein, wie wenn der Bäcker Brot macht. Nichts Abgehobenes», so die 45-Jährige. Diesen Zugang möchte sie mit ihrer Filmbäckerei allen interessierten Personen, vor allem auch den Kindern, ermöglichen. In ihren Räumlichkeiten entstünden Filme, Theater, Bilder, Videoclips und Fotografien.

«Ihr Ehrgeiz und Mut beeindruckt mich zu tiefst.»
Annette Carle, Betreiberin der Filmbäckerei

Mit ihrem Kulturzentrum verfolgt Carle auch ein anderes Ziel: «Wie auch früher die Bäckerei, soll auch die Filmbäckerei ein Quartiertreff sein.» Ihr Lokal sei ein Ort für Begegnungen. Hier träfen sich Menschen, die sonst nie miteinander in Kontakt gekommen wären.

Geteiltes Glück

Neben dem kunstpädagogischen Angebot von Theaterkursen über Filmwerkstädte bis hin zu Trickfilmworkshops für Kinder und Jugendliche liegt Carles vor allem das Thema der Integration von Neuankömmlingen und deren Kinder in der Schweiz am Herzen. Zweimal wöchentlich unterrichtet ein pensionierter Seklehrer in der Filmbäckerei Deutsch für geflüchtete Frauen aus Eritrea, Mazedonien und Syrien. Parallel gäbe es ein Mal- und Spielatelier für die Kinder.

«Einmal pro Monat bereiten die Frauen Spezialitäten aus ihren Ländern zu», sagt sie. Vor allem für diese Mittagstische wünscht sich Carle mehr Rütner Besucherinnen und Besucher. So könnten sich die Asylsuchenden besser mit den Schweizerinnen und Schweizern vernetzen.

Von den Migrantinnen habe Carle selbst vieles lernen können. «Ihr Ehrgeiz und Mut beeindruckt mich zu tiefst», sagt sie. Da sie selbst als Schweizerin in ihrem Leben viel Glück gehabt habe, möchte sie dies nun teilen. Gerne würde sie hierfür eine Brockenstube eröffnen: «So könnten die Frauen Berufserfahrung sammeln und sich besser in der Schweiz integrieren.»

 

Fest steht, dass sich Carle weiterhin für ihre Träume einsetzt. Sie ist überzeugt davon, dass die Filmbäckerei dem Zusammenleben aller Menschen hilft – sei es durch einen künstlerischen Ausdruck, besserwerdende Deutschkenntnisse oder neue Bekanntschaften.

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