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Chefinnen von Wetziker Malerfirma

«​​​​​Viele denken, wir seien die Lehrtöchter»​​​​​​​

Sie wollen dem Malerberuf mehr Prestige verleihen und den Oberländern mehr Farbe ins Haus bringen. Dabei kämpfen die zwei Geschäftsführerinnen eines Wetziker Betriebs mit sexistischen Vorurteilen und grosser Konkurrenz.

Tanja
Hudec
Donnerstag, 02. Januar 2020, 15:00 Uhr Chefinnen von Wetziker Malerfirma

Frau Läng, sind Sie ein Transformer-Fan?
Sarah Läng: Haha, nein. Ich finde die eher etwas
«gfürchig».

Die Idee, eine Wand damit zu dekorieren, stammt also nicht von Ihnen?
Läng: Der Wunsch kam von einem Kunden; einem Vater, der ein Transformer-Fan ist. Für die Gestaltung des Kinderzimmers seines kleinen Sohns hatte er konkrete Vorstellungen. Er gab mir mehrere Vorlagen. Wir haben lange debattiert, welches wohl das beste Bild ist und uns dann für ein Superman-Zeichen und den Transformer entschieden.

Auf einem Foto sieht man Sie am Boden knien mit dem Bild der gelben Action-Figur in einer und dem Pinsel in der anderen Hand. Haben Sie das tatsächlich so abgezeichnet?
Läng: Nicht alles. Ich habe das Bild zunächst mit dem Hellraumprojektor in der richtigen Grösse an die Wand projiziert. So konnte ich den Grundriss und die Farbabgrenzungen mit Bleistift schon einmal zeichnen. Den Rest musste ich dann aber wirklich Freihand machen. Dazu habe ich die verschiedenen Farbtöne vor zu auf der Farbpallette gemischt. An den einzelnen Farbbereichen dauerte die Arbeit ziemlich lange. Ich musste immer wieder ein paar Schritte zurück machen, um zu schauen, ob die Zeichnung auch wirkt.

Vater ist Fan von Actionhelden: Sarah Läng zeichnet einen Transformer an die Wand eines Kinderzimmers. (Foto: PD)

Wie lange hat die Arbeit im Kinderzimmer gedauert?
Läng: Ungefähr drei Tage. Weil das  Superman-Zeichen einen 3D-Effekt haben sollte, hat auch das noch Zeit in Anspruch genommen. Die Eltern haben sich unglaublich über das Ergebnis gefreut, weil sie keinerlei Erwartungen daran hatten. Ich wusste selbst nicht, ob mir der Effekt gelingt. Weil ich ohne Druck arbeiten konnte, ist mir die Zeichnung wohl am Ende so gut gelungen. Der Vater sagte mir danach:
«Ich glaube, die erste Nacht muss ich gleich selbst hier drin schlafen.»

Frau Öller, wann war Ihr Transformer-Moment?
Jennifer Öller: Etwas derart Cooles durfte ich bisher noch nie machen. Mein speziellster Auftrag war eine Fassade in Zürich, an deren Dachrand ich den Deckenfries auffrischen musste. Die Farbtöne habe ich ebenfalls von Hand gemischt und die Schnörkel frei nachgezeichnet.  

Ihre Arbeit ist eine Mischung aus beiden Malerberufen. Welchen mögen Sie lieber?
Öller: Genau diese Mischung macht unseren Job so cool. Das Dekorative gefällt mir besonders. Dass man sich auch selbst einbringen kann.

Läng: Wir suchen die Herausforderung. Wir möchten den Menschen zeigen, dass ein Maler nicht unbedingt immer mit Latzhosen und Roller daher kommt. Es gehört viel mehr dazu. Fähigkeiten, die früher regelmässig eingesetzt wurden und mit der Zeit in Vergessenheit geraten sind.

Beispielsweise?
Läng: Vergolden, maserieren, marmorieren. Das sind wunderschöne Vorgänge, die mich am Malerberuf schon immer extrem fasziniert haben.

Öller: Wir möchten dem Malerberuf aber mehr Prestige geben. Wir sind nicht nur Handwerkerinnen, sondern auch Künstlerinnen.

Sarah Läng ist die Geschäftsführerin und Jennifer Öller ist die Projektleiterin der Schlagenhauf-Filiale in Wetzikon. Der Betrieb bietet Malerarbeiten für Private und Geschäftskunden an. 

Und Sie sind Frauen in einer nach wie vor männerdominierten Branche. Gibt man Ihnen dies zu spüren?
Läng: Ja, das merken wir sicher. Als Frau in einer Kaderperson muss man sich ohnehin doppelt beweisen. Vor allem bei alteingesessenen Betrieben, wo man sich vielleicht nicht daran gewöhnt ist, dass auch Frauen Weiterbildungen absolvieren und sich weiterentwickeln wollen. 

Wie zeigt sich das?
Läng: Die Handwerker stutzen, wenn ich auf der Baustelle auftauche. Ich muss zuerst meine gesamte Fachkompetenz an den Tag legen oder sogar meinen Werdegang wiedergeben, bevor sie mich ernst nehmen. Ein zusätzliches Problem, das wir beide haben, ist, dass wir eher klein sind.

Öller: Genau. Wenn wir irgendwo erscheinen, denken viele, wir seien vielleicht die Lehrtöchter.

Läng: Ich meine, ich freue mich, wenn man mich jünger schätzt, aber es gibt Grenzen. Gewisse fragen mich sogar am Telefon, wenn wir einen Termin vereinbaren, ob ich dann einen Mitarbeiter vorbeischicke. Wenn ich verneine und klarstelle, dass ich selbst komme, bemerke ich das Erstaunen am anderen Ende: Die Person dachte, sie habe es mit der Sekretärin zu tun.

Öller: Wir haben zum Glück bereits in der Lehre gelernt, mit Männern umzugehen. Man muss sich einfach durchsetzen.

Läng: Genau, manchmal gilt es, die Ellenbogen auszufahren.

Welche anderen grossen Herausforderungen bringt Ihre Arbeit mit sich?
Öller: Gerade hier in Wetzikon finde ich die Tatsache herausfordernd, dass es so viele andere Maler gibt. Eigentlich wollen wir uns abheben und zeigen, dass wir nicht nur Decken und Wände streichen, sondern auch mit einem Kunden hinsitzen, seine Vorstellungen aufnehmen und zusammen etwas erarbeiten können. Dass man uns aber überhaupt als Aussergewöhnlich wahrnimmt, ist aufgrund des grossen Angebots sehr schwierig.

Haben die Oberländer einen guten Geschmack?
Läng: Das schon, aber sie trauen sich zu wenig.

Öller: Sie wollen nicht vom Weissen, vom Schlichten weg. Sie wagen nichts Spezielles.

Sie haben die Fassade eines Kindergartens in Wetzikon überholt. War dies kein spezieller Auftrag?
Läng: Speziell daran war, dass wir die ursprünglichen Farbtöne wieder hervorgeholt haben. Die Arbeit ging in Richtung Denkmalpflege – das Gebäude ist denkmalgeschützt. Diese Farben zu ermitteln und zeitgemäss wieder herzustellen, war spannend.

Öller: Im Grüt in Gossau konnten wir eine Gibelseite mit einem schönen Schriftzug verzieren. Und in Steg im Tösstal haben wir an einem alten Bauernhaus einen Schriftzug neu angebracht.

Läng: Oh und in Uster durften wir eine Digitaltapete für eine Metzgerei gestalten. Eine Architektin hatte für den Essbereich im hinteren Bereich des Gebäudes ein Konzept erarbeitet. In einer Nische brachten wir einen Digitaldruck, der Urwald mit Affen und Bäumen zeigt, auf der Tapete an.

Bei gewissen Innenarchitekten boomt das Geschäft derzeit, weil die Menschen ihr Heim verschönern wollen, in dem sie nun aufgrund der Coronakrise viel mehr Zeit verbringen. Spüren Sie das auch?
Läng: Im Gegenteil. Während des Lockdown hatten wir viel weniger Aufträge, weil die Kunden keine Leute im Haus haben wollten. Dazu kommt, dass Malerarbeiten nicht unbedingt zu den dringlichsten gehören, für die Menschen mit Kurzarbeit Geld ausgeben möchten.

Öller: Es gibt aber durchaus Leute, die eine Wand, die sie nun ständig anschauen müssen, verschönern wollen. Mittlerweile hat sich die Auftragsituation auch wieder verbessert.

Als Chefinnen arbeiten Sie nicht mehr oft vor Ort, sondern delegieren die meisten Arbeiten. Haben Sie noch eine kreative Idee, die Sie verwirklichen möchten?  

Läng: Ein Fresko-Bild. Das möchte ich gerne irgendwann einmal noch zeichnen. Bisher konnte ich diese Art des Malens nur üben, aber einen Auftrag auf frischem Putz mit allen Pigmenten habe ich noch nie erhalten. Ganz grundsätzlich wünschte ich mir aber, die Leute würden verstehen, dass Farbe begeistern, dass bereits eine farbige Wand das gesamte Wohnklima verändern, verbessern kann.

Öller: Genau. Mut zur Farbe! Im schlimmsten Fall kann man es wieder übermalen.

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