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Ungezähmte Liebe aus Wetzikon

Neuer Sexshop im Netz

Ungezähmte Liebe aus Wetzikon

Der Wetziker Tobias Zimmermann und Jessica Sigerist haben einen Onlineshop gegründet, der sich dem Thema Sexualität verschreibt und sich von veralteten Rollenbildern distanziert.

Fabia
Bernet
Donnerstag, 26. Dezember 2019, 10:34 Uhr Neuer Sexshop im Netz
Jessica Sigerist und Tobias Zimmermann haben den Sexshop «Untamed Love» gegründet.
Foto: Seraina Boner

Sie sind beide 33 Jahre alt und sprechen über Sex, wie andere über ihr Auto oder ein neues Gerät für die Küche. Verlegenheit kennen sie nicht, auch nicht wenn sie ein gigantisches, phallisches Objekt mit Saugnapf für ein gutes Foto auf den Tisch klatschen. Die Sexualität ist für Jessica Sigerist und Tobias Zimmermann kein Tabuthema, sondern einfach etwas, das halt so zum Leben gehört.

Sie ist Ethnologin, er Biologe. Gemeinsam haben die beiden Anfang Dezember einen Sexshop aufgemacht. Die Büroräume befinden sich in Wetzikon, gleich neben dem Sexetablissement Villa 45, die Lagerräume im Aatal, der Shop online. «Wir haben uns bewusst gegen einen Laden entschieden», sagt Zimmermann. Ein realer Laden würde mehr Aufwand generieren und auch mehr Kosten.

Unrealistische Bilder

«Untamed Love» - ungezähmte Liebe - nennen sie ihren Shop. Sexpositiv sei er, queer-feministisch ebenfalls. Die Attribute muten zwar an, als ob sie per Zufall aus einem Topf mit hippen Worten gezogen worden wären. Doch sie haben durchaus eine Berechtigung, wenn man den Beschrieb genauer betrachtet. «Wir pfeifen auf veraltete Rollenbilder und heteronormative Vorstellungen und sind offen für alle Geschlechter, Körper und sexuellen Orientierungen», umschreiben sich die beiden Gründungsmitglieder.

«Wir wollten unser Geld nicht in solchen Geschäften ausgeben.»

Jessica Sigerist, Gründerin «Untamed Love»

Das bisherige Angebot an solchen Läden könne in der Schweiz in zwei Lager geteilt werden, sagt Sigerist. Entweder gehört ein Laden zur «alten Garde», dann ist er in roten und schwarzen Tönen gehalten und wirke leicht schmuddelig. Auf Verpackungen seien oft barbusige Frauen abgebildet, die nur wenig mit der Realität zu tun hätten.

Explizit, ohne schmuddelig zu sein

Dann gebe es noch die andere Fraktion, sagt Sigerist. «Die Pastell-Shops.» Bei denen erkenne man auf den ersten Blick nicht mal, was die eigentlich verkaufen würden. «Wir wollten unser Geld nicht in solchen Geschäften ausgeben», so Sigerist. Die Auswahl sollte grösser sein als nur «Schmuddelecke oder Tabuisierung».

Ihr Ziel ist es, genau diese Marktlücke zu füllen. Die Idee sei eigentlich aus einem Witz entstanden, der sich ziemlich schnell zu einer ernsten Sache entwickelt hat. Innert zwei Monaten haben sie den Einfall dann umgesetzt. «Wir sind explizit, ohne schmuddelig zu sein», sagt Zimmermann. Das heisst, dass die beiden von «Ficken» sprechen, dass sie nackte Körper zeigen, die nicht mit Weichzeichner retuschiert sind. Da sind nicht nur Frauen, die Männer küssen sondern auch Frauen, die Frauen berühren.

Keine Weichmacher

Das Angebot ihres Shops unterscheidet sich dann jedoch nicht gross von jenem der altbekannten Läden. «Wir haben aber hohe Qualitätsstandards. In unseren Sextoys dürfen zum Beispiel keine Weichmacher oder so drin sein», sagt Sigerist. Auch die Verpackungen müssen ohne objektivierende Bilder auskommen. Das Sortiment sei zwar kuratiert, eine Boutique wollen sie aber nicht sein. Die unterschiedlichen Sextoys unterteilen sie auch nicht in die gängigen Kategorien «Für Sie» oder «Für Ihn». Alles soll allen zugänglich sein.

«Wir sind ein lokales Unternehmen, die Qualität stimmt.»

Tobias Zimmermann, Gründer «Untamed Love»

«Von den Preisen her können wir nicht mit Amorana und Konsorte konkurrenzieren», sagt er. Doch wir haben andere Vorteile. «Wir sind ein lokales Unternehmen, die Qualität stimmt.» Zudem überzeugen die beiden mit Authentizität. Ihre Philosophie eines «sexpositiven, queer-feministischen Sexshop» entspringt nicht einer ausgeklügelten Marketingstrategie. Sie leben dieses Leben, sie sind polyamourös oder haben eine offene Beziehung, bewegen sich selbst in dieser Szene.

Neugierde und Spass im Fokus

Wichtig ist sowohl Sigerist als auch Zimmermann, dass die Sexspielzeuge nicht den Zweck haben etwas zu «retten, das nicht mehr gut ist». Viel mehr stärken sie den Ansatz, dass die Gegenstände mit Spass einhergehen, mit der Neugierde, etwas Neues auszuprobieren. «Beim Essen probiert man ja auch ständig etwas Unbekanntes aus. Da fragt auch niemand, ob man denn unzufrieden mit dem alten Essen gewesen ist», so Sigerist.

Obwohl der Shop erst vor wenigen Wochen online ging, läuft er gemäss Tobias Zimmermann gut. Die Bestellungen gehen aus der ganzen Schweiz ein. Verschickt werden sie stets in neutralen Verpackungen. «Das widerspricht eigentlich dem Grundgedanken der Enttabuisierung», sagt Sigerist. Doch dafür sei die Welt noch nicht bereit.

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