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Mönchaltorfer Theaterensemble widmet sich dem Tod

Was vom Leben übrig bleibt

Im neuen Stück der Dakar Produktion mit Mönchaltorfer Beteiligung geht es um den Tod der Eltern und was dieser mit den Erwachsenen Kindern macht.

Deborah
von Wartburg
Mittwoch, 13. November 2019, 19:26 Uhr Mönchaltorfer Theaterensemble widmet sich dem Tod

Auf den Tod der eigenen Eltern, kann man verschieden reagieren. Man kann wegrennen, den Schmerz runterschlucken und pragmatisch angehen, was nun anfällt, oder man kann wieder zum Kind werden. Die Figuren im neuen Stück der Dakar Produktion entscheiden sich für Letzteres. Am 20. Und 21. November zeigt das Ensemble um den Mönchaltorfer Lukas Roth, der vor zwei Jahren mit dem Ustermer Kulturpreis geehrt wurde, ihr Stück im Ustermer Central.  

«Wo ist eigentlich Mamas Perlenkette?», fragt Sibylle ihre Geschwister. Diese zucken mit den Schultern. Sibylle überlegt. Dann funktioniert sie kurzerhand die Chiquita-Kartonkiste, in der sie gerade noch wühlte, zum Raumschiff um, in welchem die Kinder durchs Haus fliegen, während sie «Ping-ping» und «Wuuuuusch»- Geräusche machen, wie aus einem Science-Fiction Film.  

Die Zürcherin Delia Dahinden, die Wienerin Anna Karger und der Mönchaltorfer Lukas Roth haben sich mit dem Stück «Mit der Zeit muss man gehen» an ein Thema gewagt, das alle irgendwann betrifft, über das man jedoch ungern nachdenkt, bevor die Zeit gekommen ist. Bei der Premiere im Theater Stadelhofen in Zürich war die häufigste Haarfarbe im Publikum denn auch grau. 

Puppen werden zu Menschen werden zu Puppen 

Auch bei diesem Stoff setzt Dakar Produktion auf das Konzept, das zu ihrem Markenzeichen geworden ist: Das gleichberechtigte Spiel von Puppen und Menschen. Dieses erfolgt mal von hinten, mal von der Seite in Interaktion, mal werden die Puppen auf den Schultern getragen. 

Das Spiel der Puppen und Menschen auf der Bühne ist gleichberechtigt. Foto: PD

Im Gegensatz zum letzten Stück «Hin ist hin» gibt es jedoch eine klare Trennung: Die alten Menschen werden von Puppen verkörpert, deren Erwachsene Kinder von den drei Schauspielern und bei den Rückblenden, in denen die Erwachsenen noch kleine Kinder sind, werden sie wieder von Puppen gespielt.  

Die Pappmaché-Figuren wirken dank ihrer fein gezeichneten Gesichter sehr menschlich. Besonders der alten Generation meint man die intensiv gelebten Jahre anzusehen.  

«Was ist mit den Hemden?»

Die Situation ist real und absurd zugleich: Die Eltern sind gestorben. Nun müssen die Kinder das Haus ausräumen. Doch das ist gar nicht so einfach. Nach wenigen Sätzen werden die ersten Altlasten sichtbar. Als Sybille sich nicht zurechtfindet, schmettert Elisabeth ihr ein «du warst ja auch lange weg» entgegen.  

Man ist als Familie durch dick und dünn gegangen und sich doch irgendwie fremd geworden. Das Gespräch der Geschwister hangelt sich an Banalitäten entlang. «Was ist mit den Hemden? Bei den weissen hat Mama die Ärmel gekürzt, die musste ich wegwerfen. Die passen ja sonst keinem, die anderen sind noch da.»

«Ich wäre gern magersüchtig geworden, aber das einzige was ich im Leben zu Stande gebracht hätte, wäre eine Fettsucht.»

Elisabeth, eine der Erwachsenen Kinder

Nicht nur werden die Erwachsenen wieder zu Kindern, der Tod ihrer Eltern lässt sie auch ihr eigenes Leben Revue passieren. Mit den Erwartungen und Enttäuschungen, die man sich selber zugefügt hat. Elisabeth schaut an sich herunter und sagt: «Ich wäre gern magersüchtig geworden, aber das einzige was ich im Leben zu Stande gebracht hätte, wäre eine Fettsucht.»  

Die Erwachsenen wirken in ihren Ausflüchten ins Materielle und in die Vergangenheit glaubwürdig. Lediglich die alte Generation ist in ihrer wartenden Existenz vor dem Fernseher, unterbrochen nur von dem Äussern der Altersbeschwerden und Todesankündigungen, überzeichnet dargestellt.  

Surreale, atmosphärische Erzählweise 

Die Verschmelzung der verschiedenen Zeiten macht die Inszenierung anspruchsvoll. Dakar Produktion setzt auf atmosphärische Szenen, statt auf leicht nachvollziehbare Handlungsstränge. 

Der Medieneinsatz unterstreicht diese surreale Erzählweise noch: Als der Vater stirbt, während er im Fernseher einen Western schaut, wechselt das Programm automatisch und spielt Trauermusik für seine Beerdigung. Die Gespräche der Erwachsenen, während dem Ausräumen der Kisten, werden immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, in denen Szenen aus der Kindheit wieder erwachen.

Immer wieder versammeln sich die Figuren vor dem Fernseher.

 Wie schon bei «Don Quixotte» im vergangenen Jahr mit dem «Duo Meier Moser und der Huber» beweist der Mönchaltorfer Theatermacher Lukas Roth ein Händchen dafür, Figuren zu skizzieren, die Entscheidungen treffen, welche nüchtern betrachtet keinen Sinn ergeben. Und doch erscheinen die Handlungen dem Zuschauer schlüssig, weil ihre Motivationen glaubhaft dargestellt werden.

Das materielle Erbe sorgt für Absurdität

Trotz der Schwere, die das Thema mitbringt, ist das Stück nicht trübselig. Eher melancholisch. Und immer wieder wird diese Melancholie von der Absurdität des Alltags durchbrochen. Was soll man nur anfangen mit 15 Jahre lang lückenlos gesammelten Strickmagazinen oder einem 96-teiligen Zwiebelmusterservice aus Porzellan?  

Auch die Figuren beweisen durchaus eine gewisse Selbstironie. Etwa, als die alte Hedwig ihre 40 Jahre währende Ehe mit einem Langstreckenlauf vergleicht, der zwar nicht immer Spass macht, aber am Ende ist man doch stolz darauf, es geschafft zu haben. 

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