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Blut auf der Tanzfläche

Züriost-Blog

Blut auf der Tanzfläche

David
Kilchör
Sonntag, 27. Oktober 2019, 10:32 Uhr Züriost-Blog

Kürzlich haben wir Blogger darüber diskutiert, welchen roten Faden unsere Blogs haben sollen und sind darauf gekommen, dass es nicht zwingend einen braucht. Ich habe mir gedacht, dass rot noch ein schöner Faden wäre – zumindest für diesen Blog. Deshalb schreibe ich hier über zwei kleine physische Probleme, die kumuliert ein recht substanzielles werden können.

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Problem Nummer eins: Wenn ich mich schneide, dann blute ich unnatürlich lange. Ein unglückliches genetisches Erbe. Ein zweites solches: Ich spüre oftmals nicht, wenn ich mich schneide. Mein Gehirn vergisst mir teils, den Impuls zu geben, dass jetzt etwas schmerzen sollte.

Hier eine kleine Veranschaulichung.

Manchmal mache ich Musik. Mit Gitarre und Mikrofon. Kürzlich beispielsweise in einer Zürcher Bar. Ich beginne lustig zu schrummen, ein bisschen Paul Simon, Bob Dylan, Cat Stevens, Beach Boys und Beatles – was man halt so kennt. Ein Mann in der Ecke wippt mit dem Kopf mit. Und eine leicht betrunkene Frau am Tisch vor mir schliesst verzückt die Augen.

Ach wie nett, wenn die das schön finden, denke ich mir und greife etwas beherzter in die Saiten. Da macht es «Poing» und ein Saitenende spickt vom Gitarrenkorpus weg. Gerissen. Ich knurre ein wüstes Wort oder drei am Mirko vorbei. Wobei ich vergesse, den Kopf abzudrehen.

Vor mir lacht ein Freund, der unfreiwillig zugegen ist. Das versehentlich verstärkte wüste Knurren scheint ihm bislang besser zu gefallen als die Musik. Ich blicke zurück zum motivationsbeflügelnden wippenden Mann. Er wippt etwas weniger – kein Wunder, fehlt meiner Klampfe doch neuerdings eine Saite.

Ich habe gelernt, dass man solcherlei Probleme mit einem gesunden Selbstvertrauen überspielen kann und so gar niemand irgendwas merkt. Das funktioniert auch heute. Ich mache mit ein bisschen Elton John weiter – was eine dumme Idee ist, weil die Gitarre jede elende Saite benötigt, wenn sie ein Klavier ersetzen soll.

Jedenfalls geht mein Geschrumme noch etwa anderthalb Stunden weiter. Die Gitarre setze ich erschöpft ab und schnappe mir ein Bier. Ein Blick zurück, ob das Instrument schlau liegt – und schon schnelle ich erschrocken aus meinem Stuhl hoch.

Die Gitarre ist blutüberströmt, ein Schlachtfeld! Ich schaue meine Hose an. Die sieht auch nicht besser aus. Und der Pulli. Und der Boden, wo ich stand. Rot! Alles rot! Wo kommt das her?

Mein Blick wandert auf die rechte Hand. Das muss die Blutquelle sein! Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, bis hin zur Handfläche: Rot! Mein forschender Blick stellt eine kleine Wunde am Zeigefinger fest. Vermutlich wars die gerissene Saite, die das Loch in den Finger riss. Und seither blutet es.

Ich denke an die wunderbare Metaphorik der Szene. Die blutende Gitarre von Richie Sambora. So muss sie ausgesehen haben. Blut wie auf Michael Jacksons Tanzfläche. Da am Boden. Vor meinem inneren Ohr höre ich schon Mick Jagger kreischen: «Zu viel Blut! Zu viel Blut!»

Auf der Bühne zu verbluten, wäre der perfekte Tod eines Rock’n‘Rollers. Fast hätte es mich erwischt.

Plötzlich weckt mich ein Kellner aus meinen morbiden Wachträumen und fragt: «Willst du ein Pflästerli?»

David Kilchör bestreitet seinen Blog wie sein Leben: Ohne Plan, ohne Themenschwerpunkt. Dafür mit viel Vertrauen, dass es trotzdem gut kommt. Oder zumindest nicht im Desaster endet. Und wenn es doch im Desaster endet, macht er daraus seinen nächsten Blogeintrag.

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