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«Du bist so 3D»

Ustermer Theater über Bindungsängste

«Du bist so 3D»

Im musikalischen Theaterstück «Allergie» widmet sich die Ustermerin Letizia Fiorenza der «Generation Bindungsangst»: Die Hauptperson sucht Nähe zu anderen Menschen, wird diese jedoch greifbar, flüchtet sie sich in ein künstliches Selbstbildnis.

Deborah
von Wartburg
Montag, 21. Oktober 2019, 08:51 Uhr Ustermer Theater über Bindungsängste

«Du siehst ganz anders aus als auf dem Foto… Ich meine, du bist schön… noch schöner meine ich.»  «Ich bin nicht fotogen..» «Nein! Du bist schöner als ich dachte, nur… du bist so… so 3D.» Luisa‘s Bildschirm wird schwarz. Diese Unterhaltung, via Skype geführt und mit einem Beamer auf die Bühne projiziert, zeigt das Ausmass des Dilemmas, in dem sich die Hauptperson von «Allergie» bewegt. Denn Luisa ist beziehungsgestört. Trotzdem sehnt sie sich nach Liebe. Doch sobald sich eine echte, intime Beziehung anbahnt, bekommt sie Panik. Und damit ist sie nicht allein.

«Allergie» ist der dritte Teil der Trilogie über Familienbeziehungen vom Fiorenza Ensemble um Letizia Fiorenza. Die Ustermer Sängerin und Autorin widmet sich nach dem Zerfall des Patriarchats in «U Purpu» und der Mutter-Tochter-Beziehung in «Zikaden» nun dem Satellitendasein einer erwachsenen Tochter, die mit Intimität hadert. Gespielt wird Luisa von Maria Rebecca Sautter, der Tochter der Autorin.

Familie spielt Familie, aber nicht sich selbst

Letizia Fiorenza und ihr Mann David Sautter spielen die Eltern von Luisa. Den Skype-Partner spielt der Ustermer Miro Maurer. Eveline Ratering führt Regie. Letizia Fiorenza ist sich bewusst, dass bei dieser Konstellation schnell die Frage auftaucht, ob die Familie sich auch ein bisschen selbst spielt. «Das ist aber nicht der Fall», sagt sie entschieden. «Die Geschichte ist komplett erfunden. Ich habe mich vielleicht in einigen Details von meiner Familie in Italien inspirieren lassen. Da habe ich ja eine grosse Auswahl.» Fiorenza hat eine grosse Familie. Sie spricht von 250 «Cousins» in Sizilien.

«Wenn es eine psychologische Familienaufarbeitung wäre, würde ich da nicht mitmachen.»

Eveline Ratering, Regisseurin

Regisseurin Ratering sagt: «Wenn es eine psychologische Familienaufarbeitung wäre, würde ich da auch nicht mitmachen.» Für sie besticht das Stück mit seiner Universalität. «Jeder hat Eltern, die das eigene Wesen auch nach der Abnabelung noch prägen.»

Angst vor dem Ausgestelltsein

Auch die Angst vor Nähe würden viele Leute kennen. «Heute suchen alle die eine, echte, ehrliche Beziehung.», so Ratering. «Doch führen sie intime Gespräche am liebsten via Chat, nur schon ein Telefonat ist heute vielen zu viel. Sobald Echtheit entsteht, fühlen sie sich ausgestellt mit ihren körperlichen Ausdünstungen, ihren Bewegungen, ihrer Stimme.»

Diese Ausgesetztheit ertrügen viele heute nicht mehr und flüchteten sich deshalb in virtuelle Kontakte und Oberflächlichkeit, wo sie ihre künstliche Selbstdarstellung aufrechterhalten könnten. Diese Angststörung äussert sich bei Luisa auch durch ihre zahlreichen Allergien, die ihr einen passablen Grund liefern, das Haus möglichst nicht zu verlassen.

Eltern als musikalischer Resonanzraum

Die Eltern der Hauptfigur glänzen in der Handlung von «Allergie» vor allem mit Abwesenheit. Sie touren als Musiker auf dem Kreuzfahrtschiff «Aidadiva» umher. Direkten Kontakt zur Tochter gibt es nur via Telefon.

«Wir sind der Soundtrack ihres Lebens.»

David Sautter, Musiker

Ansonsten sind die Eltern eine Art musikalischer Resonanzraum für Luisa. Sie zeigen die Prägung des Kindes, aber auch ihre Gedanken und geben der Figur auf der dramaturgischen Ebene Tiefe. David Sautter beschreibt das so: «Wir sind der Soundtrack ihres Lebens.»

Die Musik spielt generell eine grössere Rolle als sonst bei Theaterstücken üblich. Sie sei mit dem Spiel eigentlich gleichwertig, so Ratering.

Paradeproduktion für Kulturleitbild

«Allergie» ist eine richtige Uster-Produktion. Alle Beteiligten haben einen Bezug zur Stadt, leben, arbeiten oder kommen aus Uster. Das Stück wurde hier konzipiert, geprobt und wird im Central uraufgeführt. So gesehen ist «Allergie» genau das, was die Stadt im Kulturleitbild mit «Produktionen aus Uster» anstrebt.

Eveline Ratering, ehemaliges Mitglied der Kulturkommission, ist denn auch überzeugt von dem Konzept. «Sonst sind viele von uns eher ausserhalb, etwa in Zürich, tätig. Für uns ist das deshalb toll, endlich mal hier arbeiten zu können, wo wir wohnen.»

«Allergie» ist am 24. Und 25. Oktober im Central und anschliessend im Theater Stok in Zürich zu sehen.

 

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