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Der Knight Rider in Dübendorf

Die offene Rechnung mit Hasselhoff

Zwei volle Stunden David Hasselhoff in der Samsung Hall in Dübendorf sind schwere Kost für den Züriost-Redaktor. Doch die Fans sind begeistert. Sie bringen gar Bojen mit. Aufblasbare natürlich.

David
Kilchör
Dienstag, 15. Oktober 2019, 00:12 Uhr Der Knight Rider in Dübendorf

Mit David Hasselhoff habe ich seit meiner Kindheit eine Rechnung offen. Er, der guinnessbeglaubigte meistgesehene Mann im Fernsehen. Ich, aufgewachsen ohne Fernseher. Damals, so Ende der 80er Jahre, hatte man einen Röhrenbildschirm mit einer Handvoll Sender zuhause. Was da lief, prägte die Gesellschaft. Und das war «Baywatch». Oder «Knight Rider». Alle wussten alles. Nur ich nicht.

Und alle hatten diese Musikkassette zuhause, auf deren Cover der Hoff mit zerrissenen Jeans und schwarzer Lederjacke ausdruckslos in die Kamera starrt. Ich nicht. Ich wuchs mit Bob Dylan, Simon & Garfunkel und Cat Stevens auf. Nicht, dass ich mich beklagen will.

Das damalige geistige Niveau

Zumal ich Hasselhoffs Musik ohnehin zu hören bekam. «Is everybody happy? Yeah, yeah! We‘re gonna have some fun» - Zeilen, deren Gehalt in etwa unser damaliges geistiges Niveau spiegelte. Ganz ehrlich: Seine Musik war Schrott. Nur war das nicht eben eine populäre Erkenntnis.

«Is everybody happy? Yeah, yeah! We‘re gonna have some fun». (Video: David Kilchör)

Deshalb also die offene Rechnung. Hasselhoff stand in jener Zeit, in der meine gesellschaftliche Integration wichtig gewesen wäre, ebendieser im Weg. Weil kein noch so schmaler Trampelpfad an ihm vorbeiführte und ich mich nicht mit ihm anfreunden konnte. Nicht mit seiner banalen Musik, nicht mit seinen Fernsehserien. Aber heute können wir beide Frieden schliessen. Vielleicht.

Nur aufblasbare Bojen

Der Hoff in der Samsung Hall in Dübendorf verspricht schon im Vorfeld, was man sich erhofft. Diese glückselige Ignoranz einer kurzen Zeitepoche, als die Menschheit ihre Sorg- und Stillosigkeit in einer Person kultivierte. Wenn die Veranstalter vor der Show mitteilen, dass Hartplastikbojen am Konzert nicht zugelassen seien, aufblasbare aber schon, dann schlägt das Herz der Spätachziger-Kinder höher. Solche Probleme wünschen wir uns zurück; in Zeiten von Klimademos und Frauenstreiks.

Fans mit Bojen. (Foto: David Kilchör)

Das heute in der Samsung Hall ist für die meisten schlicht Realitätsflucht. Einige kommen in rot, mit Bojen – aufblasbar. Andere mit schwarzen Perücken, Lederjacken und dunkeln Sonnenbrillen. Alle haben eines gemeinsam: Sie wollen den Hoff sehen, nicht unbedingt hören.

Das weiss der 67-jährige Amerikaner auch selber – und präsentiert sich zu Beginn gleich auf einer Hebebühne mitten im Publikum, während er ein Whitesnake-Cover zum Vergessen schmettert. Mit ihm auf der Bühne ein Hardrock-Ensemble plus zwei Keyboarder. Alle in klassischer Rockerkluft gekleidet – Ledergilets, zerfledderte Hosen, Metallketten an Hals und Hosentasche.

Das grauenvolle Video

Das passt so gar nicht zu dem, was da folgt. Songs wie «Everybody Sunshine» oder «Lonely is the Night» sind Schlager-Stoff, heute Abend gespielt von einer Metalband. Dieser Kontrast macht die Musiker zum lächerlichsten Teil der Show – und das ist durchaus bemerkenswert an einem Hasselhoffkonzert.

Der Star selber passt nicht nur visuell besser in sein Setting, er nimmt sich auch weniger ernst als es die Musiker zu tun scheinen. Er witzelt über sein grauenvolles Video zu «Hooked on a Feeling», dessen Ausstrahlung er an der Schule seiner beiden Mädchen zu verhindern versuchte, weil er sie keinen unnötigen Mobbingattacken aussetzen wollte. Und im Titelsong von Baywatch baut er breit grinsend seinen Namen ein, wo er nicht hingehört. Auf den Arm hat er ihn sich übrigens auch tätowiert.

Hasselhoff lässt Limbo tanzen.

Dann begeht der Hoff auch noch grobe musikalische Sünden. Covert Songs, die man nicht covern darf - «Sweet Caroline» von Neil Diamond etwa. Oder John Denvers «Country Roads». Aber Hasselhoff darf das. Weil er eigentlich gar kein Musiker ist, sondern nur so tut. Das ist ein bisschen wie wenn DJ Ötzi diese Songs spielen würde. Wenn schon, dann möglichst billig.

Zweimal Faux-Pas

Aber billig als Brand ist für Hoff dann doch zu wenig. Er steckt diesbezüglich in einem Dilemma. Ein fast 67-jähriger Mann, der sich eine zweistündige Show lang nur als Karikatur seiner selbst inszeniert, hat ein ernsthaftes Problem mit seiner Würde. Doch sein Publikum will bloss keine Ernsthaftigkeit vom alten Sonnyboy. Diesem Umstand versucht er gegen Schluss der Show mit einer Jazz-Nummer von Frank Sinatras Rat Pack («That’s Life») und mit David Bowies «Heroes», das er dem Mauerfall zuschreibt, entgegenzuwirken.

Das ist sein einziger Fehler – allerdings ein notwendiger für ihn als Mensch. Sein Publikum will keine Seriosität, will keine Weltpolitik oder Selbstreflektion. Es will banale Hasselhoff-Party. Und die bringt er ihm denn auch - erneut breit grinsend - zurück, als er zum Schluss der Show die drei grössten Hits ins Publikum röhrt. «Crazy for you», «Limbo Dance» und endlich, in der Zugabe erst, «Looking for Freedom».

Der Kodex

Diese zelebrierte Banalität bestätigt wohl meine frühpubertären Vorurteile und dient alles andere als dem Frieden zwischen uns beiden. Doch den Hoff auf die Banalität zu reduzieren, griffe zu kurz.

Denn da ist dieser stille Kodex des gegenseitigen Respekts zwischen dem Star und seinem Publikum. Der Hoff ist wohl eine Witzfigur. Doch wer für sein Konzert gegen 100 Franken ausgibt und sich dafür mit Perücke oder Boje ausstattet, gleicht sich dem an. Dieses gegenseitige und zugleich selbstironische Belächeln, aber nicht Verhöhnen, schafft eine durch und durch positive Aura. Für ihn, sein Publikum und unsere offenen Rechnung, von der er niemals erfahren wird.

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