×

Gewaltige Reise auf verschlungenen Pfaden

Ustermer Autor in Brunei

Gewaltige Reise auf verschlungenen Pfaden

Der Ustermer Peter Schulthess reiste auf den Spuren des Schweizer Botanikers Heinrich Zollinger in den asiatischen Zwergstaat Brunei. Ein Bericht.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 25. Juli 2019, 16:31 Uhr Ustermer Autor in Brunei

Wenn man sich auf die Spuren von Heinrich Zollinger begibt, macht man sowohl eine Zeitreise, als auch eine gewaltige Reise durch den Raum. Der Hauptgrund meiner Expedition war der Besuch des Flora Malesiana Symposium in Brunei. Benannt wurde die Konferenz nach einem Forschungsprojekt von Zollinger aus dem Jahr 1857. Was der Botaniker damals in vier Monaten machte, macht der Reisende heute in 15 Stunden.

Heute Businessflug, früher Segelschiff

Asien ist allerdings auch heute noch sehr weit weg von Uster. Das Medienpaket im Flugzeug verkürzte die Reise jedoch. Man kann die besten und neuesten Filme sehen. Ich sah den Fantasy-Film Captain Marvel. Zollinger hingegen las damals Rousseau und Goethe während seiner Überfahrt auf dem Indischen Ozean. Ich hatte das Glück Business Class zu fliegen, was in einem Airbus der Singapore Airlines schon ein besonderes Erlebnis ist. 

Heinrich Zollinger (1818-1859)

Heinrich Zollinger war der erste Schweizer Vulkanologe, Ethnologe und Pflanzengeograf für Südostasien. Seine Leistungen sind hierzulande weitgehend unbekannt. In Java kennt man Zollinger jedoch immer noch. Er studierte in Genf und wurde als Pflanzensammler auf die Vulkaninsel gesandt. Nach sieben Jahren kehrte er zurück und übernahm die Stelle des Seminardirektors in Küsnacht. Jedoch entschied sich Zollinger später, mit seiner Familie nach Java auszuwandern und dort eine Kokosplantage im Osten der Insel anzulegen. Dort erlag er 1859 den Spätfolgen der Malariaerkrankungen und der Dysenterie. Sein Grab befindet sich am Fuss des Vulkans Semeru. Zollingers Frau und die Söhne kehrten nach seinem Tod in die Schweiz zurück.

 

Zollinger reiste in einer kleinen Kabine auf einer Brigg, einem Dreimaster-Segelschiff. Dieses führte das Wasser, die Lebensmittel und eine Kuh für die tägliche Milch, sowie Hühner mit. Natürlich musste auch das Tierfutter auf der Brigg Platz finden. Zollingers Kabine war nicht gekühlt und schon vor dem Äquator erlebte er Temperaturen von über 40 Grad.

Begrünte Metropole

In Singapur trifft man immer wieder auf die Spuren des kolonialen Reiches der Briten. Mit historischen Bildern, Rundgängen, Ausstellungen im Chinesenviertel und vor allem im «Asian Culture Museum» pflegt der heutige Stadtstaat sein reiches Erbe. 

Singapur ist üppig begrünt. Die Stadt hält viel von ihrem Botanischen Garten, der Zucht von Orchideen und von der Stadtbegrünung. Davon könnten wir in Uster noch viel lernen. Zollinger erlebte Singapur als kleine Hafenstadt: stinkig, lärmig und aus heutiger Sicht hässlich. Dort wo heute der botanische Garten von Singapur steht, waren damals Muskatnussplantagen, die Zollinger auf der Heimreise von Java nach Zürich besucht hatte.

Zürcher Agglo mitten in Asien 

Die Weiterreise von Singapur nach Brunei dauerte nochmals drei Stunden. In Brunei ist man etwas verloren, obwohl der Ministaat nicht grösser als der Kanton Bern ist. Es gibt kein eigentliches Zentrum mit einer Einkaufstrasse. Eher gleicht die Hauptstadt Bandar Seri Begawan und der Rest von Brunei der Zürcher Agglo zwischen Schwamendingen und Hinwil.

Ein Blick vom Flugzeug aus über Brunei. Foto: PD

Autobahnen, Einfamilienhäuser, Wohnblocks, Sportplätze und jede Menge Einkaufszentren im westlichen Stil, jedoch mit asiatischer Farbigkeit und entsprechenden Gerüchen aus Garküchen hinterlassen keinen bleibenden Eindruck. Handys und Handyhüllen scheinen der grosse Renner sein. So langweilig.

Jacke trotz Tropenklima

Die Universität von Brunei, Gastgeber der Flora Malesiana Konferenz, ist ein moderner, weitläufiger Campus – auf den ersten Blick sehr ansprechend, bei genauerem Hinsehen dann doch etwas ungepflegt und teils schimmelig und schmuddelig, was aber wohl auch dem Tropenklima geschuldet ist. 

Alle Räume und vor allem die Vorlesungssäle werden massiv heruntergekühlt, so dass man am besten eine Jacke oder einen Pullover trägt und schon gar nicht ohne Socken in die Vorlesungen gehen soll. Zollinger erlebte Temperaturen zwischen 25 Grad in der Nacht und 35 Grad am Tag, mit einer Luftfeuchtfeuchtigkeit im Wald von über 90%.

Schlangen und Skorpione

Ein Höhepunkt war der Besuch im Regenwald von Temburong, dem Nationalpark von Brunei. Hier wird, was an der Universität als Vortrag oder Poster daherkommt, zum lebendigen Anschauungsmaterial. Man kann hören, riechen, fühlen, aber auch schwitzen, nass werden und ins Wasser fallen. Mit Glück kann man auch exotische Vögel wie die berühmten Nashornvögel sehen. Fotografieren ist aber den Profis vorbehalten.

Autor Peter Schulthess wagte sich mitten in den Urwald. Foto: PD

Besser lassen sich schon Blumen, Pflanzen, Bäume und Insekten fotografieren. Am frühen Morgen können das aber auch Skorpione sein und Giftschlangen im Gebüsch. Die Führer gehen vor und machen uns auf Reptilien aufmerksam, die derart gut getarnt sind, dass der Westler diese nicht erkennen kann. Dass wir für einen kleinen Gecko die Kamera zücken, hätte Zollinger sicher belustigt; er hatte noch das Nashorn und den Java-Tiger gejagt. (Peter Schulthess)

Ausstellung über Heinrich Zollinger

Peter Schulthess ist Autor, Illustrator und Ausstellungsmacher. An der Flora Malesiana Konferenz in Brunei hielt Schulthess einen Vortrag über das «Flora Malesiana» Papier von 1857 und die Entwicklung von Heinrich Zollinger vom Pflanzensammler zum Tropenforscher. Eine Flora ist eine Beschreibung aller Pflanzen und der Vegetation eines Gebietes, eines Landes oder eines Kontinents. Im Fall des malaiischen Archipels ist es aber ein Inselkontinent von mehr als 18'000 Inseln. Heute sind Zollingers Thesen wissenschaftlich bestätigt. 

Schulthess hat eine Biografie über Heinrich Zollinger verfasst und die Webseite www.heinrich-zollinger.ch geschaffen. In einer Ausstellung im Alten Botanischen Garten der Universität Zürich zeigt er das Leben von Heinrich Zollinger. Im Garten steht auch eine Büste des Botanikers. Zollingers Freunde der Zürcher Schulsynode, vor allem aber Johann Caspar Sieber und Heinrich Grunholzer aus Uster, haben sie dort aufstellen lassen.

Kommentar schreiben

Kommentar senden