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Pfäffikon färbt sich Rot-Gelb-Grün

Tagsüber am Reeds-Festival

Pfäffikon färbt sich Rot-Gelb-Grün

Am Reeds-Festival tragen Kurzkonzerte an verschiedenen Standorten die Reggae-Atmosphäre weit über das Festivalgelände hinaus. Ein Besuch zeigt, dass auch die Anwohner Freude am Festival haben – mit Ausnahmen.

Leandro
Müller
Samstag, 20. Juli 2019, 19:13 Uhr Tagsüber am Reeds-Festival

Das Wichtigste in Kürze

  • Verschiedene Kurzkonzerte finden vor der Migros, im Biergarten, im Restaurant Brauerei und in der Badi statt
  • Die Anwohner nehmen aktiv oder in stiller Gelassenheit am Festival teil
  • Am Vormittag riecht es im Dorf nach Vielem, ausser nach Cannabis
Die Impressionen rund um das Festival-Geschehen. (Video: Simon Grässle)

Im Zugabteil der S3, die in den Bahnhof Pfäffikon einfährt, bietet sich ein Anblick, der einige der zu erwartenden Klischees eines Reggae-Festival-Besuchers erfüllt. Ein Mann mit einer Jamaika-Mütze hält einen Joint in der Hand und wippt verträumt zur Musik im Ohr. Kaum aus dem Zug, verschwindet er auch schon in Richtung See.

Doch in Bahnhofsnähe ist keine Musik ist zu hören, keine Rasta-Locke zu sehen und kein Cannabis zu riechen. Erst bei der Migros sind die ersten Reggae-Klänge zu vernehmen.

Reeds on Tour

Rund ein Dutzend Personen hören einer Band zu, die in der Ladenpassage spielt. Im Publikum sind die ersten Rastas zu erkennen, doch es sind nur wenige. Es sind hauptsächlich Kinder mit ihren Eltern und Anwohner, die sich bei ihrem Samstagseinkauf von der Musik ablenken lassen.

«Wenn mein Partner so liederlich herumlaufen würde wie einige Besucher, die ich heute gesehen habe – ich weiss nicht.»

Pfäffiker Anwohnerin

Die Bands spielen an den Kurzkonzerten im Dorf rund eine halbe Stunde. Arabella Fristensky, Sängerin der Band Jlei & The Mood Makers, sagt dazu: «Da wir ohne Verstärker spielen, ist eine halbe Stunde auch eine angenehme Zeitdauer – sowohl für uns als auch für das Publikum.» Die Stimmung sei gut. Am Vortag beim Biergarten hätten die Zuschauer bis zur hintersten Reihe nach Zugaben gerufen und Münzen in den Koffer geworfen.

Die Meinung der Anwohner

Neben einer Gruppe von Festivalbesuchern bewegen sich drei ältere Damen zu der Musik. «Das Reeds ist jedes Jahr gut», sagt eine der Frauen. Sie arbeite nebenbei beim Imbiss direkt am See und habe nur gute Erfahrungen gemacht. Die Atmosphäre sei sehr friedlich.

Eine Mutter, die mit ihrem Sohn auf Säcken mit Pflanzenerde sitzt, hat auch nur Positives zu berichten. «Vor allem dem Kleinen gefällt es», sagt sie. Eine weitere Passantin, die kurz inne hält, um der Musik zu lauschen, ist kritischer gestimmt. Sie mache sich als Urgrossmutter schon gewisse Gedanken. «Wenn mein Partner so liederlich herumlaufen würde wie einige Besucher, die ich heute gesehen habe – ich weiss nicht.» Aber es sei ja nichts Gefährliches, fügt sie an.

Familiensache

Auf dem Weg von der Migros Richtung See ist bei einem Einfamilienhaus ein Stand mit Kinderkleidern aufgestellt. «Für das Kässeli der Tochter», steht auf einem Papier. Im Garten eines Hauses wirbt ein Schild mit: «Schnapp dir Headphones und mach mit», für eine Silent-Disco im Garten.

Eine junge Anwohnerin nutzte das Reeds für einen Flohmarkt. (Foto: Leandro Müller)

Am See ist es am Vormittag noch ruhig. Zu ruhig für einige. Eine Gruppe hört laut Musik und einer spielt dazu auf seinem Djembé, einer afrikanischen Trommel. Andere suchen im See ein wenig Abkühlung oder picknicken.

Etwas fehlt – der Cannabisgeruch. Es riecht hingegen nach Burger, äthiopischem Essen und nach dem Pfäffiker See. Vor dem Eingang zum Festivalgelände steht auf einer grossen Tafel geschrieben, die zwischen einer Bar und einem CBD-Stand aufgestellt ist: «Kiff- und Drogenverbot auf dem ganzen Areal!» Ein Besucher in Begleitung der Familie sagt: «I’ts a family thing.» Sie kämen jedes Jahr hierher. Das Reeds sei für sie beinahe ein Familienritual.

Ein überraschtes Brautpaar

Gegen Nachmittag sind die Stände rund ums Festivalgelände belebt und die Seepromenade mit Besuchern übersät. Beim Bändelitausch bildet sich die erste Warteschlange. Zunehmend zieht es die Besucher in Richtung Festivalgelände, denn die ersten Hauptbands beginnen zu spielen.

«Meinen Morgenspaziergang habe ich schon gemacht», sagt eine Besucherin. Vom Campingplatz hierher daure es beinahe 20 Minuten. Der näherliegende Zeltplatz sei bereits am Vortag voll gewesen.

Auf dem Weg zur Badi Richtung Camping steht ein Hochzeitspaar. Sie seien vom Festival überrascht worden, sagt der Bräutigam. Doch seien sie von den Besuchern nett begrüsst worden und hätten viele Glückwünsche gekriegt.

Ein Hochzeitspaar am Reeds. (Video: Simon Grässle)

Ein weiteres Kurzkonzert findet vor dem Restaurant Brauerei statt. Es spielt die Band Jah Pirates. Fünf bärtige Männer präsentieren auf dem neu gepflasterten Boden ihre Songs. Eine Anwohnerin betrachtet das Ganze von Ihrem Fenster aus, während sie an ihrer Zigarette zieht.

Am Interessantesten sei das Konzert am Freitag direkt beim Bahnhof gewesen, sagt der Keyboarder von Jah Pirates. «Es kamen immer wieder weitere Züge an mit neuen Zuschauern, die zu der Musik tanzten und eine Riesenfreude hatten.»

Das Klischee des eingangs erwähnten Mannes im Zugabteil hat sich im Verlauf des Nachmittages nicht bestätigt. Das Reeds zieht – zumindest tagsüber – vor allem Familien an, die in einer entspannten Umgebung ihren Samstagnachmittag verbringen wollen. Die Anwohner nehmen aktiv oder auch in stiller Gelassenheit am Festivaltreiben teil.

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