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Idylle pur: Die Aufwertung des Jakobswegs ist gelungen

Testspaziergang in Fischenthal

Idylle pur: Die Aufwertung des Jakobswegs ist gelungen

Das kantonale Tiefbauamt hat den Jakobsweg durch Fischenthal in den letzten Monaten von der Tösstalstrasse hinunter an den Mühlebach und zu den Bahngleisen verlegt. Ein Spaziergang zeigt: Das Bauvorhaben hat sich gelohnt.

Patrizia
Legnini
Freitag, 12. Juli 2019, 18:13 Uhr Testspaziergang in Fischenthal

Rolf Halter zuckt mit den Schultern. Seit ein paar Tagen führt der Jakobsweg offiziell an seinem Haus an der Burghaldenstrasse in Fischenthal vorbei. Halter weiss darüber Bescheid, doch hat er bis heute noch keinen gesehen, den man als Pilgerer hätte bezeichnen können. Dass in Zukunft wahrscheinlich mehr Leute um sein Haus streifen werden als je zuvor, stört den Fischenthaler nicht.

Im Gegenteil: «Ich hoffe, dass ich dann ab und zu einen Kaffee spendieren kann. Ich freue mich», sagt er und lächelt. An der Hauswand hat Halter ein Bistrotischchen und Stühle aufgestellt, das lauschige Plätzchen ausserdem mit Pflänzchen dekoriert. An einer Wäscheleine am Ufer des Bachs hängt ein Badetuch.

Das kantonale Tiefbauamt hat den Pilgerweg durchs Dorf in den letzten Monaten aufgewertet, indem es für insgesamt 900‘000 Franken einen neuen Kiesweg auf der östlichen Seite der Zuggleise und entlang dem Mühlebach erstellte. Bis anhin hatten sich die Pilgerer auf einem 1,2 Kilometer langen Abschnitt mit dem Trottoir der Tösstalstrasse abfinden müssen, auf der tagtäglich 3000 Autos verkehren.

Keine besonders gute Voraussetzung wahrscheinlich, um seinen Gedanken nachzuhängen und zur Ruhe zu kommen. Die Gemeinde Fischenthal hatte sich darum schon vor zehn Jahren eine Verlegung des Weges gewünscht (wir berichteten). Im Frühling nun sind endlich die Bagger aufgefahren und haben einen neuen Weg in die Wiesen geschlagen, wo es noch keinen gab.

Drei neue Stahlbrücken

Neu ist das Strässchen hinter Rolf Halters Haus nicht. Und wem es genau gehört, ist ihm zufolge auch nicht ganz klar. Sicher ist hingegen, dass die Pilgerer früher oder später hier auf ihrem Weg ins spanische Santiago de Compostela vorbeikommen, sobald er auch als solcher beschriftet ist.

An diesem Freitagnachmittag Anfang Juli ist es jedenfalls noch nicht so weit. Während die Pilgerer wegen der fehlenden Wegbezeichnungen also noch eine Weile fröhlich der Tösstalstrasse entlang gehen dürften, hat man selber das Privileg, dem kühlenden Nass folgen zu können.

Dass der Weg schon von Anfang an dem Bach entlang führt, ist ein Glück – zumal die Sonne doch schon ziemlich heiss vom Himmel brennt. Wer auf dem Strässchen etwas weiter nach Süden geht und dann bei der Querstrasse links abbiegt, überquert zuerst die Gleise und gelangt dann zu einer älteren Brücke.

Ein paar Schritte weiter knistert das graue Kies des neuen, schlanken Weges zum ersten Mal unter den eigenen Schuhen: Der Weg führt durch die grüne Wiese bis fast hinunter zum Wasser. Wenige Meter danach spannt sich schon die erste von drei neuen kleinen Stahlbrücken über den Bach, der freundlich dahinplätschert. Das Tiefbauamt hat sie gebaut, weil auch der Wald an dieser Stelle bis zum Wasser hinunter reicht und man den wilden Tieren den Zugang dazu nicht verwehren wollte.

Der Gedanke daran, auf Pfaden mitten in der Wiese unterwegs zu sein, die vorher gar nicht existierten, erfüllt einen aus irgendeinem Grund mit Freude. Von der zweiten Brücke schaut man hinunter auf die Steine, die jemand im Bachbett aufeinandergeschichtet hat, und wurstelt sich dann durchs erste von zwei Drehkreuzen. Zum Glück hat man auf dem Jakobsweg in der Regel keinen Kinderwagen dabei, denkt man sich. Sonst wäre man an dieser Stelle ziemlich aufgeschmissen.

Zum Schluss noch eine Treppe

Der Weg schlängelt sich weiter dem Wasser und dem wilden Gestrüpp dazwischen entlang - weiter entfernt vom Autolärm der Tösstalstrasse kann man in diesem Moment kaum sein. Am Himmel pfeift der Mäusebussard, von weither ist das Bimmeln von Kuhglocken zu hören.

Und dann ist man doch plötzlich oben bei der Bahnlinie und spaziert ihr eine ganze Weile entlang bis zum Bahnhof Fischenthal. Anstelle der Autoabgase weht den Pilgerern auf dem offenen Feld ein frisches Lüftchen ins Gesicht, oben links am Hang rauschen die Tannen. Nachdem der Bach eine Zeitlang nicht mehr zu sehen war, überquert man ihn nach dem Bahnhof gleich zweimal, um dann zurück auf den neuen Kiesweg zu kommen.

Man hätte zu diesem Zeitpunkt langsam Lust, einen Schluck Wasser aus einem Brunnen zu trinken oder zumindest die Füsse im Bach zu baden, aber einen Brunnen gibt es nirgendwo, und leider auch keinen direkten Zugang zum Gewässer. Also geht man weiter und staunt über die plötzliche Steigung, die jetzt kommt.

Hoch hinauf aufs Bord windet sich der Weg, die Aussicht über die Gleisanlage ist eindrücklich, und dann: die ersten Treppenstufen. Der Weg geht jetzt steil hinunter bis zur dritten Brücke und auf der anderen Seite wieder über viele Treppenstufen hinauf bis zur Fistelstrasse, auf der zurzeit gebaut wird und wo der neue Streckenabschnitt ein etwas abruptes, weil gar nicht idyllisches Ende nimmt.

Schöne Alternative

Von einer «ein wenig unglücklichen Lösung» für die älteren Leute, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind, redet auf dem Rückweg denn auch ein Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Und für die vielen Brücken habe man etwas gar viel Geld ausgegeben, findet er. Er stellt sich vor, dass die Pilgerer, die zum Beispiel vom Hörnli her kommen, auf ihrem Weg schon genug Natur vorfinden und dementsprechend gerne mal durch ein Dorf spazieren. Aber das bleibt natürlich Spekulation.

Das Gute ist ja, dass man das Trottoir in Fischenthal nicht abreissen wird. Wer beim Pilgern auch mal gerne Autoabgase einatmet, darf natürlich auch in Zukunft der Tösstalstrasse entlangspazieren. Alle anderen haben vor ein paar Tagen vom Kanton eine schöne Alternative geschenkt bekommen.

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