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Trotz 84 Dezibel Lautstärke: Güggel gewinnt vor Gericht

Rekurs von Oberländern abgelehnt

Trotz 84 Dezibel Lautstärke: Güggel gewinnt vor Gericht

Bis zu 44-mal pro Stunde krähe er an manchen Tagen. Der Hahn einer Oberländer Familie strapaziert die Nerven dreier Nachbarn bis aufs Äusserste. Doch trotz Videoaufnahmen und Lärmmessungen haben sie nun vor Baurekursgericht verloren.

Tanja
Bircher
Montag, 08. Juli 2019, 17:00 Uhr Rekurs von Oberländern abgelehnt
Der Hahn in der Zürcher Oberländer Gemeinde darf weiter krähen; morgens aber nur im schallisolierten Stall.
Symboldbild: Heidy Dietiker

Es war einmal eine Zürcher Oberländer Familie, nennen wir sie Meier, die lebte in einem ruhigen, von Einfamilienhäusern geprägten Quartier in der Nähe eines Waldes. Eines Tages richteten sich die Meiers im Dachgeschoss ihrer freistehenden Garage einen kleinen Hühnerstall ein. Die zehn Hennen und ihr Hahn durften durch einen Zugang ins gedeckte Freilaufgehege spazieren. Im Oktober erteilte ihnen die Gemeinde die nötige Baubewilligung nachträglich. Doch daran störten sich drei benachbarte Hausbesitzer, sie fochten die Bewilligung an.

Der Grund war der Gockel. In manchen Stunden krähe er bis zu 44 Mal, klagten die Nachbarn. Das Beweismaterial lieferten sie gleich selbst. Stichproben wie Lärmmessungen und Videoaufnahmen zeigten, dass der Güggel zwischen dem 6. und 11. September durchschnittlich zehnmal, an manchen Tagen bis zu 14,5-mal stündlich gekräht habe. «Es scheint, dass der Hahn die neunte Stunde am Morgen zum Krähen bevorzugt», heisst es im eben veröffentlichten Urteil des Zürcher Baurekursgerichts. 

Hahn soll mit 84 Dezibel gekräht haben

Die verärgerten Anwohner kamen bei ihren Berechnungen auf ein Krähen pro fünf bis zehn Minuten. «Dies mag als wenig erscheinen. Berücksichtigt man aber die Tatsache, dass der Hahn zeitweise alle 1,5 Minuten gekräht hat, ist es verständlich, dass das Ohr sensibilisiert wird und jedes weitere Krähen nervt.» 

Lästig war den Nachbarn aber nicht nur die Häufigkeit, sondern auch die Lautstärke des Lärms. Die App eines Nachbarn, der sein Handy zu Messzwecken aus dem Küchenfenster gestreckt hatte, habe aus 15 Metern Distanz zum krähenden Hahn 84 Dezibel angegeben. Zum Vergleich: An öffentlichen Veranstaltungen darf der Schallpegel in der Schweiz 100 Dezibel im Stundenmittel nicht überschreiten. Die Nachbarn forderten, dass die Baubewilligung aufgehoben und den Meiers die Haltung von Hähnen verboten wird. 

«Diese Tiere sollten deshalb ihre Lautäusserungen nicht uneingeschränkt verbreiten können.» 

Zürcher Baurekursgericht 

Das Baurekursgericht hält fest, dass die Haltung von Hühnern und insbesondere Hähnen naturgemäss zu Immissionen führt. Während das Gackern der Hühner aufgrund der geringen Intensität problemlos sei, werde das Krähen eines Hahnes vom menschlichen Ohr als relativ intensiv empfunden. «Diese Tiere sollten deshalb ihre Lautäusserungen nicht uneingeschränkt verbreiten können.» 

Hobbymässige Hühnerhaltung

Ebenfalls zu beachten sei, dass jeder in seiner Wohnung und dem eigenen Garten ein Hobby ausüben dürfe und der Begriff Wohnnutzung sich nicht nur auf die Ausübung sportlicher oder kreativer Tätigkeiten, sondern auch auf auch das Halten von Haustieren beziehe. Im Fall der Familie Meier handle es sich klar um eine zonenkonforme, hobbymässige Hühnerhaltung.

Für diese Beurteilung stützte sich das Gericht auf einen Text der heutigen Zürcher Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh. Sie hatte 2004 im «PBG aktuell», einer Zeitschrift für öffentliches Baurecht, den Unterschied zwischen Freizeitbetätigung und gewerblicher Tierhaltung erläutert. In jedem Fall seien Umweltvorschriften und Lärmschutz einzuhalten. 

Der Vorführeffekt

Um dies zu überprüfen, ordnete das Gericht einen Augenschein vor Ort an. Da die Nachbarn behauptet hatten, der Güggel bevorzuge die «neunte Stunde des Tages», wurde der Termin auf diese Uhrzeit angesetzt. Doch der Vorführeffekt machte den Rekurrenten einen Strich durch die Rechnung: Der Hahn krähte zwischen 8.10 und 8.50 Uhr lediglich zwei Mal. 

Dennoch stellten die Überprüfer vor Ort Verbesserungspotenzial fest. So zweifelten sie die schallisolierenden Eigenschaften des Holztürchens an, mit dem sich der Ausgang vom Hühnerhaus zum Aussengehege verschliessen lässt. Der Hahn sei, noch bevor er aus dem Stall gelassen worden sei, zu hören gewesen, heisst es im Urteil.

«In der übrigen Zeit ist er in einem abgedunkelten Stall zu halten.»

Zürcher Baurekursgericht

Die Richter machten die Güggel-Eigentümer deshalb auf eine Vorschrift der Oberländer Gemeinde aufmerksam, die besagt, ein Hühnerhaus habe aus einer doppelten Holzwand mit einer acht Zentimeter dicken Isolationsschicht aus Steinwolle und Doppelverglasung zu bestehen. Diese Auflage bezieht sich auf ein Urteil des Baurekursgerichts aus dem Jahr 2007 zu einem ebenfalls umstrittenen Hühnerstall.

Ansonsten kommen sowohl die Meiers als auch deren Güggel ungeschoren davon. Das Gericht ist der Meinung, dass die von der Gemeinde bereits vorgeschriebenen Ruhezeiten ausreichten. Diese wurden der Familie zusammen mit der Baubewilligung auferlegt und sind strenger als die Polizei grundsätzlich erlaubt: Der Hahn steht demnach nicht wie von der gemeindeeigenen Polizeiordnung vorgeschrieben von 22 Uhr bis 7 Uhr unter Hausarrest, sondern darf werktags erst um 8 Uhr und sonntags ab 9 Uhr ins Freie gelassen werden. «In der übrigen Zeit ist er in einem abgedunkelten Stall zu halten.»

5200 Franken Gerichtsgebühr

Damit werde den nachbarlichen Interessen genügend Rechnung getragen, so das Baurekursgericht. Ferner erweise sich das Krähen eines tagsüber freilaufenden und nachts in einem isolierten Hühnerhaus untergebrachten Hahns in der «äusserst ländlichen Umgebung» als mit dem Zonencharakter durchaus verträglich.

Das Gericht weist den Rekurs der Nachbarn ab. Sie müssen 5200 Franken Gerichtsgebühr bezahlen.

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Ein Trauerspiel, dass die Familie Meier nicht freiwillig auf den extrem krähfreudigen Güggel verzichtet hat und es überhaupt zu einem Gerichtsfall kommen musste. Ganz schön stur, diese Haltung. Eigentlich sollten sie froh sein, dass ihr Hobby überhaupt in einer Wohnzone erlaubt ist. Auch eine Hühnerschar ohne Güggel legt Eier und gackert den ganzen Tag.

Es findet sich gelegentlich die Meinung, dass es gewissen andern "Zweibeinern" auch gut anstünde zum Wohlbefinden ihrer Umgebung, dass sie nur noch in einem schallisolierten Raum "krähen" dürften … Lieber Hahn, ich höre Dich gerne krähen, auch frühmorgens. Und Kuhglocken und Kirchengeläut höre ich auch gerne.