×

«Ich höre im Fitness gerne mal eine Symphonie von Mendelssohn»

Schwerzenbacher Organist

«Ich höre im Fitness gerne mal eine Symphonie von Mendelssohn»

Klassische Musik bestimmt das Leben von Sebastián Tortosa. Seit knapp zehn Jahren arbeitet der 41-Jährige als Organist für die beiden Schwerzenbacher Kirchen. Trotzdem verspürt er vor jedem Anlass noch Lampenfieber.

Kevin
Weber
Freitag, 17. Mai 2019, 13:00 Uhr Schwerzenbacher Organist

Eigentlich ist Sebastián Tortosa ein ruhiger und zurückhaltender Mensch. Aber wenn der Argentinier über die Musik spricht, dann fangen die Augen hinter seiner runden Brille an zu glänzen und der 41-Jährige fängt an zu schwärmen: «Die Musik hat mehr als nur eine Sprache», sagt er in einwandfreiem Deutsch mit spanischem Akzent. Oder: «Als Kirchenmusiker habe ich eine andere Seite der Musik entdeckt. In der Kirche wirkt die Musik viel intensiver.» 

Beginn mit Hindernissen

Seit neun Jahren arbeitet Tortosa als Organist für die Reformierte sowie die Katholische Kirche Schwerzenbach. Ursprünglich stammt er aus Argentinien. Aufgewachsen ist Tortosa in Río Ceballos, einem kleinen Bergdorf nahe der Millionenstadt Córdoba. Seine Leidenschaft für die Musik entdeckte er bereits früh. Mit drei Jahren hat er mit dem Klavier spielen begonnen. «In meiner Familie war sonst niemand musikalisch», sagt Tortosa.  

«Meine Eltern befürchteten, dass man als Musiker schnell in die Armut rutschen kann.» Foto: Christian Merz

Der Anfang seiner Musikkarriere sei deshalb schwierig gewesen, denn im weiteren Umkreis seines Heimatdorfes, habe es lediglich einen Klavierlehrer gegeben. Zudem hätten seine Eltern nicht gewollt, dass er professionell Musik macht. «Sie befürchteten, dass man als Musiker schnell in die Armut rutschen kann», sagt Tortosa. In der Folge habe er solange auf seine Eltern eingeredet, bis ihn der Vater dann doch zum Klavierunterricht anmeldete.

Als Teenager nach Europa

Offenbar eine gute Entscheidung. Denn als Teenager gewann Tortosa in seiner Heimat mehrere Wettbewerbe. Als Preis durfte er ein Konzert im Teatro Colón, dem bekanntesten Konzerthaus in Buenos Aires, spielen. Weiter konnte er auf eine Tournee durch Frankreich gehen. Später folgten Auftritte in Italien, wo er auf die Pianistin Edith Fischer traf. «Sie bot mir an, bei ihr in Spanien zu studieren.» Und so siedelte Tortosa im Alter von 18 Jahren nach Europa über. 

«Europa ist jetzt mein Zuhause.»
Sebastián Tortosa, Organist

Fünf Jahre später verschlug es ihn schliesslich in die Schweiz. Zuerst in die Westschweiz, wo er in La-Chaux-de-Fonds das Kammermusikdiplom absolvierte. Später zog er weiter nach Zürich, wo er auch heute noch lebt, und bildete sich zum Solisten aus. «Es war nicht so geplant, aber mir gefiel es hier und ich bin geblieben», sagt Tortosa. Er fühle sich zwar immer noch als Südamerikaner und besuche auch mehrmals im Jahr seine Familie in Argentinien, doch: «Europa ist jetzt mein Zuhause.»

Zwei Kirchen, ein Organist

Im Jahr 2010 wurde ihm durch einen Kollegen die Stelle als Organist bei der reformierten Kirche in Schwerzenbach angeboten. «Ich zögerte am Anfang, da ich mir nicht vorstellen konnte, als Organist zu arbeiten», sagt Tortosa. Einerseits fürchtete er sich davor, jeden Sonntag früh aufzustehen. Andererseits hatte er grossen Respekt vor der Verantwortung. «Gegenüber dem Publikum und der Kirche», sagt Tortosa. Aus diesem Grund verspüre er auch heute noch vor jeder kirchlichen Veranstaltung etwas Lampenfieber. Die Orgel als Instrument habe ihn jedoch schon immer fasziniert, weshalb er die Stelle in Schwerzenbach schliesslich doch angenommen hatte. «Sie ist ein Instrument mit vielen Möglichkeiten. Beim Spielen tauche ich in eine völlig andere Welt ein.»

«Ich liebe die Orgel, aber im Herzen bin ich immer noch Pianist.» Foto: Christian Merz

Kurz nachdem er bei der Reformierten Kirche zu arbeiten begonnen hatte, habe sich auch die katholische Pfarrei bei ihm gemeldet. «In der katholischen Kirche gibt es nur ein Klavier und keine Orgel», so Tortosa. Er habe nicht lange überlegen müssen, um auch dieses Angebot anzunehmen. «Ich liebe die Orgel, aber im Herzen bin ich immer noch Pianist.» Neben den Tätigkeiten in Schwerzenbach arbeitet der 41-Jährige auch noch als Korrepetitor an der Zürcher Hochschule der Künste im Bereich der klassischen Musik.

Die grossen Komponisten begleiten ihn aber nicht nur beruflich, sondern auch im Privaten. So zum Beispiel im Fitnessstudio: «Ich höre beim Trainieren gerne mal eine Symphonie von Mendelssohn», sagt Tortosa. 

Heimisch in Zürich

Auch wenn er sich der Arbeit wegen schon mehrere Male überlegt habe, nach Schwerzenbach zu ziehen, sei er mittlerweile in einer Wohnung in der Zürcher Altstadt heimisch geworden. Oft übe er das Musizieren zuhause, denn von seinem Flügel aus sehe er direkt auf die Limmat. «Ich kann mir keine schönere Aussicht vorstellen.»

Am Samstag und Sonntag, 18. und 19. Mai, wird Sebastián Tortosa als Solist beim Konzert des Kammerorchesters Schwerzenbach auftreten. Das Konzert findet im Chimlisaal statt und beginnt am Samstag um 19.30 Uhr und am Sonntag um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Kommentar schreiben

Kommentar senden