×

Der knorrige Helfer

Wetziker hilft, wo er kann

Der knorrige Helfer

In einer unscheinbar wirkenden Siedlung wohnt Rudolf Müller. Seit 20 Jahren setzt er sich für hilfsbedürftige Menschen ein. Dafür kriegt er nur selten ein Dankeschön. Er macht trotzdem weiter.

Beni
Frenkel
Samstag, 11. Mai 2019, 14:59 Uhr Wetziker hilft, wo er kann

An Rudolf Müller heranzukommen, ist keine leichte Arbeit. Sowohl geografisch, als auch persönlich. Müller wohnt in Wetzikon im Sandbühl. Die Strasse verläuft spiralförmig, die niedrigen Reihenhäuser sind verstreut angeordnet. Wer den Siedlungsplan am Eingang nicht studiert, geht hier fast verloren.

Die Türe öffnet sich, im Rahmen steht Müller, 85-jährig. Er bittet zum Wohnzimmer. Dann studiert er den Besucher minutenlang. Der Hintergrund zum Gespräch ist seine lange Aktivzeit für den Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland (DVZO). Bis letzten Jahres machte er Unterhaltsarbeiten in der Lokremise Uster.

Glücksfall Militär

Jeden Samstag ging er dorthin und arbeitete unter anderem an der Werkzeugmaschine, spülte den Druckkessel mit 105 Grad heissem Wasserdampf ab. Mühsame Arbeiten. Doch Müller beschwerte sich nie. Das Ende seiner Freiwilligenarbeit läutete der neue Chef der Remise ein. Mit dem sei er «nicht grün» geworden. Einzelheiten will er in der Öffentlichkeit nicht ausbreiten. Dann aber doch noch etwas: «Nach all den Jahren Fronarbeit gab es nicht einmal ein Dankeschön.»

Sein Weggang ist für den Verein nicht so leicht zu verkraften. Der gelernte Kleinmechaniker zählt nämlich zu den Pionieren, die sich sowohl in der Welt der Mechanik und der Informatik auskennen. Einschneidend war dabei der Besuch von Ausbildner der Armee in seine Lehrfirma. Das Militär schaffte neue Funkgeräte an und suchte händeringend nach Elektromechaniker, die die Geräte reparieren können.

Verzicht auf Teppichetage

Müller, der mit der Armee eigentlich «wenig am Hut hat», begeisterte sich für die Ausbildung, die ihm später neue Türen öffneten. Gleich nach seiner Lehre zog es ihn in eine Firma, die die ersten Privatfernseher in der Schweiz herstellten.

Später machte er Karriere bei der BBC. Wurde Bereichs-Personalchef. Dann löste plötzlich ein neuer «idiotischer Oberchef» die ganze Sparte bei der BBC auf. Müller stand auf der Strasse. Vater einer Tochter und einer Pflegetochter.

Ihn erreichte ein Telefon aus Lausanne. Der Anrufer wollte wissen, ob er Interesse habe, in einem international tätigen Unternehmen zu arbeiten, und zwar in der Teppichetage.

«Die Seniorenzeit ist eine tolle Zeit, wenn du gesund bist.»
Rudolf Müller, Pensionär

Müller hält im Gespräch inne. Der Job hätte seinen Durchbruch bedeutet. Andererseits: Seine Tochter war noch in der Schule, im letzten Schuljahr. Er wusste, dass die Familie unter dem Wegzug nach Lausanne enorm leiden würde.

Er entschied sich gegen die Karriere und für die Familie. So wurde Müller nicht Manager, sondern Amtsvormund. Ein Beruf, den er nicht gern ausübte, wie er im Gespräch offen zugibt. Trotzdem, er schaffte sich in dieses Metier ein und beherrschte die Juristerei schlussendlich so gut, dass er nur in Ausnahmefällen einen Rechtsanwalt für seine Mandanten holen musste.

Seit 20 Jahren ist er Pensionär. Und nun strahlt er: «Die Seniorenzeit ist eine tolle Zeit, wenn du gesund bist. Wenn dir etwas nicht mehr passt, lässt du es einfach los.»

«Der kann ihnen sicher helfen!»
Rudolf Müller

Die letzten 20 Jahre hat er seine Kraft und Intelligenz der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. In einem Zürcher Altersheim hat er den Bewohnern jahrelang Computer- und Handyhilfe gegeben. Für einen zuckerkranken Bewohner arbeitet er als Treuhänder. Alles immer freiwillig.

Der früher leicht knorrig wirkende Mann erhebt sich mühsam von seinem tiefen Sessel. Während des Gesprächs blühte er auf. Er begleitet den Besucher zur Türe und bemerkt, wie sich der Journalist abmüht, wieder in die Schuhe zu steigen. Müller zaubert einen Schuhlöffel hervor: «Der kann ihnen sicher helfen!»

Kommentar schreiben

Kommentar senden