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«Überflüssige statt knappe Energie»

Kooperation

«Überflüssige statt knappe Energie»

Energie ist fundamental für das Leben, das wir führen. Stefan Breit ist Researcher beim Gottlieb Duttweiler Institut und befasst sich mit der Frage, wie die neue Energiewelt aussehen wird, die nach derjenigen der fossilen Brennstoffe kommt. Lernen Sie den Zukunftsforscher am 22. Mai in der Bauarena Volketswil persönlich kennen.

Redaktion
Züriost
Mittwoch, 08. Mai 2019, 09:34 Uhr Kooperation
Stefan Breit ist Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut. (Bild: PD)

Info-Veranstaltung:

Sonnenstrom vom eigenen Dach

Mittwoch, 22. Mai 2019, ab 18 Uhr

Bauarena, Volketswil

Seit Menschengedenken erschliessen und nutzen wir neue Energiequellen. Ein grosser Teil der Menschheit hat deshalb heute erreicht, was früher Utopie war: einen materiellen Überfluss, der das physische Überleben sichert, ohne Angst vor Hunger und Kälte. Beinahe jede neue Energiequelle läutete eine neue Zeit für die Menschheit ein. Zum Beispiel verdankte die altägyptische Hochkultur ihren Reichtum der Wasserkraft des Nils. Mit der Erfindung der Dampfmaschine und der Erschliessung von Kohle entstand im 18. Jahrhundert die industrielle Revolution. Und schliesslich trieb das Öl in Verbrennungsmotoren die Mobilitätsrevolution des 20. Jahrhunderts an.

«Shifts» – die schrittweisen Veränderungen

Stefan Breit sagt voraus, dass sich das globale Energiesystem im 21. Jahrhundert von einem System der Knappheit in ein System des Überflusses transformieren werde. Diese grundlegende Veränderung geschehe nicht auf einen Schlag, sondern in Schritten, Sprüngen und Brüchen, die für alle Beteiligten spürbar seien. Er betitelt diese schrittweisen Veränderungen mit «Shifts». Und er sieht in ihnen das zentrale Element auf dem Weg in die Energiezukunft. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft seien gefordert, mit diesen Shifts richtig umzugehen. Die Frage nach dem zukünftigen Energiesystem erachtet er als die wichtigste Gegenwartsfrage.

In Ihrem Vortrag erwähnen Sie, dass die Sonne in zwei Stunden mehr Energie auf die Erde strahle, als die gesamte Menschheit in einem ganzen Jahr verbrauche. Die Lösung klingt schon fast greifbar nahe. Trotzdem sagen Sie, dass ein neues Energiesystem erst in einem Jahrhundert verwirklicht wird. Somit sind Sie nicht sicher, ob bei der Lösung die Sonne im Mittelpunkt stehen wird?
Stefan Breit: Das stimmt, da bin ich mir nicht sicher. Die Sonne ist eine unserer hauptsächlichen Energiequellen. Sie sorgt für Strahlung, Wärme, Wind, gar das Wachsen von Bäumen und war somit auch verantwortlich für die Entstehung von Öl, Gas und Kohle. Sicher bin ich aber, dass langfristig gesehen eine postfossile und somit emissionsfreie Lösung im Mittelpunkt steht. Es ist durchaus denkbar, dass eine Vielzahl von unterschiedlichen Energiequellen nebeneinandersteht. Das können auch Energiequellen sein, die heute noch nicht möglich sind wie die Kernfusion oder die wir heute noch gar nicht kennen.

Was treibt Sie an?
Der Blick in die Zukunft ist immer auch eine Einladung, die Gegenwart anders zu denken. Zukunftsforschung ist somit ein Mittel, heutige Herausforderungen und Reibungen aus einem anderen zeitlichen Blickwinkel zu betrachten. Nur weil etwas weit weg ist, heisst das doch noch nicht, dass uns das nicht zu interessieren hat. Vielleicht ist es meine Neugier nach Antworten auf die Frage, wie die Welt auch aussehen könnte, die mich antreibt. Dazu kommt, dass beim Energiesystem so viele Fragen zusammenkommen. Der Übergang von fossilen Brennstoffen zu anderen Energiequellen erfordert mehr als neue Energietechnologien. Wir müssen gleichzeitig unsere kulturellen und sozialen Werte transformieren. Das ist extrem spannend.

Ein Überfluss an Energie hört sich in der heutigen Zeit eher utopisch an. Wie soll das funktionieren?
Es ist sehr anspruchsvoll, sich einen Energieüberfluss vorzustellen. Für was würden wir denn die überschüssige Energie verbrauchen? Für Entsalzungsanlagen? Für fliegende Städte? Für emissionsfreie Mobilität? Das Gute ist, dass wir uns den Energieüberfluss nicht im Detail vorstellen müssen – es reicht, wenn wir uns mit der Hauptstossrichtung auseinandersetzen. Der Energieüberfluss funktioniert nach folgender Logik: Wenn erstmals eine Energieinfrastruktur mit hauptsächlich erneuerbaren Energiequellen aufgebaut ist, besteht die Möglichkeit, dass Energie immer und überall in der benötigten Menge zur Verfügung steht. Fossile Brennstoffe sind knapp und sind nicht global gleich verteilt. Auf erneuerbare Energiequellen trifft das aber nicht zu. Die Studie hatte auch zum Ziel, eine Energiewelt zu skizzieren, auf die wir Lust haben und die uns neugierig macht.

Sie sagen also, dass Energie theoretisch nie knapp war, nie knapp ist und auch nie knapp sein wird. Begrenzt waren nur unsere Mittel, Energie zu nutzen?
Ja, das ist so. Es gibt auf der Erde eine Vielzahl von Energien, die wir bis anhin entweder nur sehr rudimentär oder gar nicht nutzen können. Jeder Blitz beispielsweise entspricht 30 Litern Benzin. In der Schweiz gibt es pro Jahr rund 200000 Blitze. Rechnen Sie selber. Natürlich ist es sehr anspruchsvoll, die Energien der Blitze einzufangen. Dort sind wir noch nicht gut. Gut sind wir aber im Verbrennen von toten Pflanzen und Tieren, die in lange vergangenen Zeiten lebten: Über 85 Prozent der global genutzten Energie wird durch fossile Brennstoffe wie Öl, Kohle oder Gas bereitgestellt. Dadurch verbrauchen wir Vergangenheit, die sich nicht so einfach erneuern lässt.

Sprechen Sie hier eher von Wunschdenken, oder glauben Sie wirklich daran?
Wir skizzieren in der Studie nur einen möglichen zukünftigen Geschichtsverlauf, das ist klar. Es kann auch ganz anders kommen, als es der Lockruf der Fülle vermuten lässt. Ich glaube aber an die Macht von Visionen. Ich glaube gerne an ein modernes Leben im Einklang mit unseren ökologischen Grenzen. Deshalb glaube ich auch an die Hauptstossrichtung der Studie: an eine postfossile, auf erneuerbaren Energien beruhender Energiewelt.

In Ihrer Forschungsarbeit geht es um Wahrscheinlichkeiten, ob Shifts tatsächlich eintreten werden. Sie verwenden dafür Zeitachsen. Gewisse Shifts werden morgen Realität, andere liegen noch in weiter Ferne. Können Sie uns zur Veranschaulichung je ein Beispiel nennen?
In der Studie haben wir 30 Shifts identifiziert, die zwischen dem heutigen und dem zukünftigen Energiesystem liegen können. Die haben wir aber entlang der Achsen «Wahrscheinlichkeit» und «Auswirkung» geordnet. Natürlich spielt dort aber auch die Zeitkomponente eine Rolle. Beispielsweise könnten all die Öl-heizungen in den Schweizer Haushalten bereits morgen abgelöst werden, weil es genügend umweltfreundliche und gut funktionierende Alternativen gibt. Auch könnten all die Schweizer Finanzinstitute all ihr Geld pro­blemlos in nachhaltige Projekte investieren – da muss nicht zuerst eine Innovation passieren, die das ermöglicht. Anders sieht es beim autonomen Fahren oder bei der Technologie der Carbon Capture and Storage aus. Dort muss zuerst gezeigt werden, dass das tatsächlich funktioniert.

Für die Umsetzung des neuen Energiesystems zählen Sie auf Kollaboration, Frieden und Demokratisierung. Wo sehen Sie die grösste Schwierigkeit?
Sie haben es gesagt, Energie ist sehr fundamental für uns Menschen. Der Umbau des globalen Energiesystems ist deshalb nicht nur ein technologischer Umbau, sondern erfordert eine neue Organisations- und Machtstruktur auf der Welt. Wie sieht die Welt aus, wenn fossile Brennstoffe an Wichtigkeit verlieren? Werden neue Knappheiten und Ungleichheiten geschaffen, um althergebrachte gesellschaftliche Strukturen weiter aufrechterhalten zu können? Das ist eine wahnsinnige Aufgabe, in der wir schon lange mittendrin sind.               

Interview: Monika Zeller