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«Ich bin nicht geil auf Todesfälle»

Tatortreiniger aus Volketswil

«Ich bin nicht geil auf Todesfälle»

Schimmel, Blutlachen und Uringeruch – mit all dem wird Alexander Häusler als Tatortreiniger regelmässig konfrontiert. Dem Volketswiler macht das nichts aus.

Tina
Schöni
Freitag, 03. Mai 2019, 16:29 Uhr Tatortreiniger aus Volketswil

In Vollmontur erinnert Alexander Häusler an einen Astronauten. In einem silbernen Ganzkörperanzug und mit Atemmaske steht er da – auf einem Parkplatz in Volketswil. Dann schlüpft er in gelbe Gummistiefel und zieht sich Handschuhe über, die bis zu den Ellenbogen reichen. Es ist die Uniform, die der 56-Jährige bei seinen Einsätzen trägt.

Häusler arbeitet als Tatortreiniger. Der Volketswiler befreit Wohnungen von Leichen-, Verwesungs- und Kotgerüchen, entfernt Blutspuren oder Schimmel und räumt Messie-Wohnungen auf. Es ist ein Job, um den ihn wohl kaum jemand beneidet. Häusler aber sagt: «Es ist der beste Job der Welt.»

Keine Mühe mit prekären Situationen

Zum Tatortreiniger sei er berufen, sagt Häusler. Mit dem Tod musste er sich schon früh auseinandersetzen. Als er zehn Jahre alt war, ist seine Mutter wegen eines Speiseröhrendurchbruchs gestorben. Gefunden wurde sie erst nach mehreren Tagen. Häusler war dabei und erinnert sich: «Es roch intensiv. Mein Stiefvater hat die Wohnung später gereinigt und ich schaute dabei zu.» Seine erste Tatortreinigung – sie machte ihm schon damals nichts aus, sagt er.

Portrait Tatortreiniger
Die silberne Uniform trägt Alexander Häusler zum Schutz vor Krankheiten und Infektionen.
Nathalie Guinand

Bevor er sich dieser Arbeit voll und ganz widmete, begann er eine Lehre als Maler, dann machte er eine Ausbildung zum Koch. Auch im Verkauf habe er gearbeitet – und in einem Callcenter. Als er dabei eines Tages ein Telefongespräch mit einem Tatortreiniger führte, wurde Häuslers Neugier für den doch eher ungewöhnlichen Beruf geweckt.  

So kam es, dass der Volketswiler bald darauf seinen ersten Auftrag in Uster fasste: Er sollte eine zugemüllte Wohnung eines Drogenabhängigen reinigen. «Natürlich hatte ich Respekt vor der Atmosphäre. Aber Gestank und Dreck störten mich nicht.»

Fokus auf das Wesentliche

So ist es bis heute geblieben. Inzwischen hat er sich selbstständig gemacht. Der Job bereite ihm Spass. Makaber sei das nicht, vielmehr sehe er die Aufgaben als Herausforderung an.

Häusler stellt klar: «Ich bin nicht geil auf die Todesfälle oder das Schicksal, dass sich an diesen Orten abgespielt hat. Mein Ziel ist es allein, die Wohnung wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen.» Dabei müsse er mit diversen chemischen und biologischen Mitteln herumexperimentieren. «Ich finde es faszinierend, Gerüche und Flecken aller Art wegzubringen.»

Über die tragischen Schicksale versuche er nicht nachzudenken. «Sobald ich den Raum betrete, stelle ich meine Gedanken ab.» Es ist ein Schutzmechanismus, den sich Häusler angeeignet hat. Dass er das kann, sei nicht selbstverständlich.

Häusler ist von seinem Können offensichtlich überzeugt. «Ein Berufskollege von mir beschäftigen die Fälle auch zuhause noch, obwohl er diesen Beruf schon länger ausübt», sagt der 56-Jährige. Bei ihm sei das umgekehrt. Je länger er den Job mache, desto leichter falle er ihm.

Beim Saubermachen hat Häusler auch schon Augen oder Zähne von Verstorbenen gefunden.

«Zum Teil gibt es sehr krasse Fälle, die man gar nicht beschreiben kann», so Häusler. Beim Saubermachen hat der Volketswiler auch schon Augen oder Zähne von Verstorbenen gefunden, Teile eines Gehirns wegmachen müssen oder Fleisch vom Fussboden abgeschabt. In solchen Situationen die Nerven zu bewahren, das gehöre zu seinen Stärken.

Rund um die Uhr im Einsatz

Kürzlich musste er eine Toilette säubern, die bis obenhin verstopft war. Da nützte auch seine Atemmaske nichts mehr, die ihn jeweils mit Frischluft versorgt. Schlecht sei ihm wegen der strengen Gerüche und des teils widerlichen Anblicks aber noch nie geworden.

Besonders intensiv sei der Geruch, wenn Verstorbene schon länger in der Wohnung liegen, sagt Häusler. Manchmal drücke die Leichenflüssigkeit dann durch den Fussboden. «In einem solchen Fall reicht eine normale Reinigung nicht mehr. Eine umfassende Sanierung ist notwendig.»

Portrait Tatortreiniger
Über eine Atemmaske wird der Tatortreiniger mit Frischluft versorgt, damit er auch intensive Gerüche aushalten kann.
Nathalie Guinand

Grundsätzlich bekomme er jeden Geruch weg – auch den hartnäckigen Uringeruch. Darauf ist Häusler stolz. «In der Schweiz bin ich der einzige Messie- und Tatortreiniger mit einem deutschen Zertifikat.» In der Schweiz gebe es solche für diesen Beruf nicht. Schlecht verdiene er nicht.

Je nach Auftrag und Aufwand verlangt der Tatortreiniger zwischen 600 und 5000 Franken. Die Aufträge erhält er von Polizei, Privatpersonen, Verwaltungen, Spitälern oder Heimen. Weil die Einsätze spontan sind, bedeutet das für Häusler: keine Ferien machen und stattdessen sieben Tage die Woche rund um die Uhr zur Verfügung stehen.

Der Volketswiler nimmt das gerne in Kauf für seinen ungewöhnlichen Wunschberuf. Während andere vom Job als Astronaut träumen, hat Häusler seine Leidenschaft als Tatortreiniger gefunden. Dieser Arbeit hat er sich voll und ganz verschrieben. «In meinem Job vermisse ich nichts. Vielleicht bin ich sogar ein Stück weit süchtig danach geworden.»

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