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Wie stark belastet ist die Töss?

Gift in Gewässern

Wie stark belastet ist die Töss?

Pflanzenschutzmittel belasten stark die Gewässer landwirtschaftlich genutzter Einzugsgebiete. Wie eine aktuelle Studie zeigt: Auch die Töss ist nicht ganz sauber.

Redaktion
Züriost
Freitag, 26. April 2019, 07:19 Uhr Gift in Gewässern
Luftaufnahme der Töss inmitten Landwirtschaft und Siedlungsgebiet.
Archiv

Für Pflanzen und Tiere besteht ein toxisches Risiko, wenn bestimmte Stoffe über Monate hinweg in konzentrierter Form in den Gewässern auftreten. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, welche die Eawag und das Oekotoxzentrum (siehe Box) im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU unternahmen, und die für viele Schweizer Bäche repräsentativ ist.

Messungen bei Rämismühle

Für das Monitoring der Zürcher Gewässer-Qualität unterhält das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) ein Netz von 15 Hauptmessstellen. Eine davon, die Messstelle 901, befindet sich bei Rämismühle, auf dem Gemeindegebiet von Zell.

Diese Stelle gilt als Referenz fürs Mittelland und damit für ein Einzugsgebiet mit vergleichsweise geringer Belastung. Die bei Rämismühle geschöpften Proben analysierten die Forscher in einem Standardprogramm. Seit 2015 untersuchten sie jährlich vier Wochenmischproben, seit 2018 entnahmen sie zudem 14 Tagesmischproben.

«Weil die Töss nur einen geringen Abwasseranteil aufweist,
sind die Konzentrationen vergleichsweise tief»

Isabelle Rüegg, kantonale Baudirektion Zürich

Wie überall, wo zwar gereinigtes Abwasser eingeleitet wird, die ARA jedoch noch nicht mit einer spezifischen Reinigungsstufe ausgerüstet ist, lassen sich auch hier Medikamentenrückstände wie Diclofenac oder Carbamazepin sowie weitere Chemikalien wie Benzotriazol (Korrosionsschutzmittel in Geschirrspülern) nachweisen. «Weil die Töss nur einen geringen Abwasseranteil aufweist, sind die Konzentrationen vergleichsweise tief», erklärt Isabelle Rüegg, Sprecherin der kantonalen Baudirektion.

Ein Mix aus Schadstoffen

An der Messstelle 901 werden aber auch Pflanzenschutzmittel nachgewiesen, vor denen die neue Studie warnt. An den verschiedenen Messpunkten der Eawag-Studie fanden die Forscher insgesamt 145 Stoffe: ein Mix aus Herbiziden, Fungiziden, Insektiziden und weiteren Schadstoffen. Die Umweltqualitätskriterien werden in allen gemessenen Bächen überschritten.

Manchmal güllen einzelne Landwirte zu nah an Seitengewässern der Töss.

Während der gesamten Vegetationszeit bestand ein Risiko für die Schädigung der Organismen im Bach. An einer Stelle im thurgauischen Eschelisbach lag das berechnete Risiko sogar mehr als 35 Mal über der Schwelle, ab der negative Effekte für Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen zu befürchten sind. Wie die Forscher feststellen mussten, fehlen empfindliche Arten an den belasteten Standorten bereits.

Unbedarfte Landwirte

Diese Zeitung fragte beim Forschungsinstitut NAWA (Nationale Beobachtung Oberflächengewässerqualität) nach einem Vergleich dieses nationalen Befunds mit dem Tösstal an. NAWA-Sprecher Andri Bryner kann die Wasserqualität der Töss als «mehrheitlich gut bis sehr gut» beurteilen.

Das sei auf die Siedlungsdichte zurückzuführen, die im mittleren Tösstal nicht so hoch ist wie vergleichsweise im Einzugsgebiet der Glatt. Zudem sei die landwirtschaftliche Nutzung nicht so intensiv, da vor allem Grasland vorkommt.

«Die Wasserqualität der Töss ist gut bis sehr gut»
Andri Bryner, Forschungsinstitut
Nationale Beobachtung Oberflächengewässerqualität (NAWA)

Das AWEL stellt übereinstimmend fest, dass der Anteil von stärker genutzten Flächen (Ackerbau, Gemüse-, Obst und Weinbau) im Tösstal geringer ist, was zu einer tieferen Pflanzenschutzmittelbelastung führt. «Allerdings», so fügt Bryner an, «güllen einzelne Landwirte immer wieder zu nahe an Seitengewässern der Töss oder bei ungeeigneten Verhältnissen - wie auf gefrorene Böden – was zu toxischen Verhältnissen führen kann.» Fischsterben konnte man in solchen Fällen wiederholt beobachten.

Weniger Abwasser

Die Abwässer der meisten Tösstaler Gemeinden reinigt erst die Kläranlage Winterthur. Deshalb fliesst anteilmässig wenig Abwasser, auch wenig gereinigtes Abwasser in die Töss. Obwohl der Oberlauf der Töss bei Trockenwetter einen relativ geringen Abwasseranteil von 5 bis 10 Prozent aufweist, und nach der Einweihung der modernen ARA Bauma/Fischenthal auf einem guten Stand ist, soll mittelfristig das obere Tösstal abwasserfrei werden.

«Eine naturnahe Dynamik existiert nicht»
Andri Bryner, NAWA

Fehlende Lebensräume

Gravierend an der Töss sei das ökomorphologische Defizit, fährt der NAWA-Sprecher fort. Durch Kanalisierung, Einengung und monotone Abtreppung mit den Schwellen und den Uferverbau fehlen viele, für einen naturnahen Fluss wichtige Strukturen und vielfältigen Lebensräume.

Wegen der Abtiefung sei zudem die Vernetzung mit den Seitengewässern und dem Umland schlecht (es fehlen Rückzugsräume, wohin Fische bei einer Belastung fliehen können).

«Eine naturnahe Dynamik existiert nicht», bemängelt Bryner. Diese Defizite will der Bund mit dem revidierten Gewässerschutzgesetzt beheben. Das AWEL hat für die vom Bund mitfinanzierten Projekte Abschnitte an der Töss (auch bei Wila und Rämismühle) in die Revitalisierungsplanung aufgenommen.

Kraftwerke hindern Fische

Die Töss weist in den Augen der NAWA zwei weitere grosse Defizite auf: die freie Fischwandung, wie vom Gesetz verlangt, ist nicht gewährleistet, da Schwellen und Wehre die Durchgängigkeit beeinträchtigen.

Und: bedingt durch die alten Kleinkraftwerke fliesst auf grösseren Abschnitten fast kein Wasser, oder nur wenig Restwasser. Wie etwa von Schöntal bis Sennhof bei der Kyburgerbrücke. «Die Stromproduktion ist zu gering, um die grossen ökologischen Schäden zu rechtfertigen«, führt Andri Bryner an. «Es braucht einen Kompromiss zwischen Gewässerökologie und Denkmalschutz.» (Roland Schäfli)

Massnahmenplan

Gemäss Gewässerschutzverordnung liegt der gültige Grenzwert für alle Pestizide bei einem Höchstwert von 0.1 Mikrogramm pro Liter. Während für den Menschen Risiken nur durch unsachgemässe Anwendung entstehen, wird die Toxizität für Pflanzen und Tiere in Gebieten mit hoher landwirtschaftlicher Nutzung regelmässig überschritten. Einige als Nervengift wirkende Insektizide, die erst seit kurzem überhaupt messbar sind, konnten in der aktuellen Studie nicht berücksichtigt werden. Der Vergleich mit dem Messjahr 2015 zeigt eine wechselhafte Gesamtbelastung. Gemäss Eawag machen die nachgewiesenen rund 50 Pflanzenschutzmittel einen Grossteil des Risikos aus. Mit welchen Massnahmen lässt sich nun die Belastung reduzieren? Christian Stamm, Bodenhydrologe der Eawag: «Durch den Ersatz von besonders kritischen Stoffen, eine generelle Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und das Minimieren von Verlusten aus den Anbauflächen.» Diese Massnahmen sind im Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel vorgesehen. Gemäss AWEL sind die wichtigsten Massnahmen bezüglich der Töss der Ausbau der ARA mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe.

Die Eawag (früher EAWAG, Eidgenössische Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz) ist eine Forschungsanstalt des ETH-Bereichs. Die Mitarbeitenden betreiben Forschung, Lehre und Beratung im Wasserbereich, mit dem Ziel, eine nachhaltige Nutzung der Wasserressourcen und Wasserinfrastrukturen zu fördern sowie ökologische, wirtschaftliche und soziale Interessen an den Gewässern in Einklang zu bringen. Die Eawag nimmt damit eine Brückenfunktion zwischen Forschung und Praxis wahr. (Quelle: Wikipedia)

Das Oekotoxzentrum ist das schweizerische Kompetenzzentrum für angewandte, praxisorientierte Ökotoxikologie (die Untersuchung der Wirkung chemischer Stoffe auf das Ökosystem und den Menschen). Es dient als primäre Anlaufstelle und Drehscheibe für Forschung und Entwicklung, Dienstleistung und Bildung in diesem Gebiet.

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Es läge am Gesetzgeber die längst fälligen Verbote auszusprechen. Doch nichts passiert. Die lobbierenden Chemievertreter im Bundeshaus lassen Grüssen! Doch will man überhaupt etwas ändern? Als Anreiner an einem grösseren Acker muss ich jedes Jahr feststellen, dass immer mehr gespritzt wird. Meine Blumen und Salate kommen so auch das Gift ab, dass ich beim Essen derselben zu mir nehmen muss. Doch so ist die Chance gross, dass man krank wird und das leidige Problem (AHV etc.) wird elegant gelöst. Die Lebensjahre werden kürzer und die AHV-Finanzierung wird so längerfristig kein Thema mehr sein.

Ich denke hier nur mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen ist falsch. Als langjährige Landi-Mitarbeiterin weiss ich, wie unbedacht Privatpersonen Pflanzenschutzmittel anwenden. Und dies meistens in einer höheren Konzentration! (Es wird immer mit einem Auge gezwinkert: "ich ha es bitzeli meh gno, de nützts au sicher"). Wo ich kann berate ich eingehend.
Zudem gilt es auch ein Augenmerk auf die immer stärker verbreitete "Zubetonierung" zu legen. Wunderschöne Blumenwiesen und für unsere Tiere wichtige Sträuche müssen kargen und stylische n Steingärten weichen. Sollten den Bauern der Gebrauch von Pflanzenschutzmitteln verboten werden sollte dies der Privatwirtschaft ebenso ergehen - ach moment.. die Bauern verdienen damit ihr Geld, die Privaten verlieren höchsten ein schönes Gärtli. Erkennt bitte mal, dass die Bauern die Produzente von Eurem Essen sind und sich alle Mühe geben. Ja - schwarze Schafe gibt es auch dort - aber ein wenig mehr Respekt wäre zum Teil schon angebracht!

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