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Rettungsaktion in Bauma

Über den Mut, Zivilcourage zu leisten

Rettungsaktion in Bauma

Julia Ehrensperger wohnt in Bauma und arbeitet als Journalistin beim Lyrics Magazin in Winterthur, das sich Hiphop- und Rapmusik widmet. Ein Vorfall auf dem Heimweg am Wochenende hat sie nun aber dazu veranlasst, den Fokus auf ein ganz anderes Thema zu richten.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 16. April 2019, 10:20 Uhr Über den Mut, Zivilcourage zu leisten
Hin- statt wegschauen: Zivilcourage hat viele Gesichter.
Symbolbild: Regio 144

Wildes Schneegestöber lässt erahnen, dass die Aussentemperatur wohl im Minusbereich liegen muss – und das mitten im April. Der Nachtbus hat einige weinigen Pendler sicher von Wetzikon nach Bauma gebracht, pünktlich um 2.11 Uhr morgens erreicht er den winzigen Bahnhof. Das Dörfchen wirkt verschlafen. Die einzigen Geräuschquellen sind die vorbeirauschenden Autos, etwa im Minutentakt blenden mich die viel zu hellen Scheinwerfer, um danach wieder in der Dunkelheit zu verschwinden. Wahrscheinlich Partygänger, müde vom Tanzen, möchten nach Hause. So wie ich.

Die kurz darauffolgende Szene überrascht mich: Eine junge Frau, sie steht am Strassenrand und telefoniert. Direkt vor meinem Häuserblock. Was zur Hölle macht sie hier, um diese Zeit? Aber ich möchte sie nicht ansprechen, denn sowas macht man in der Regel ja nicht. Man geht vorbei, hier auf dem Lande grüsst man sich vielleicht noch, vielleicht tut’s auch ein knapper Blick und die Begegnung ist vergessen.

«Habt ihr getrunken?»

Aus dem Augenwinkel erblicke ich eine zweite Person, halb liegend, halb sitzend auf der niederen Mauer, das Gesicht gegen den Himmel gerichtet, die Augen geschlossen. Er wirkt entspannt, als würde er die Kälte geniessen. «Braucht ihr Hilfe?» Meine eigenen Worte sind mir fremd. Weshalb spreche ich mit ihnen? Ich kenne sie ja nicht. Ich könnte rechts in meine Einfahrt abbiegen und zu Hause sein, in der sicheren Wärme, die Begegnung vergessen. Aber ich spreche mit der Frau, und ja, sie braucht Hilfe.

Ihr Freund sei viel zu schwer, sie könne ihn nicht tragen, erklärt sie. «Habt ihr getrunken?», frage ich und fühle mich ein bisschen wie meine Mutter sich vor zehn Jahren wohl gefühlt haben muss, als sie nicht wusste, wo ihre Kinder gerade sind, was sie machen, wann sie nach Hause kommen. Und zum ersten Mal verstehe ich ihre Angst, ihr Bibbern, ihre unermüdlichen Versuche, die Situation kontrollieren zu wollen.

«Ein Mann liegt auf der Strasse – das sieht man doch, denke ich.»

Natürlich haben die beiden getrunken. Alles mögliche. Mich packt die Angst. Nicht mehr davor, eine fremde Person angesprochen zu haben, viel eher davor, dass dieser junge Mann gerade im Sterben liegen könnte. Wir hieven den riesigen Mann auf den Boden, ich drehe ihn mit meiner ganzen Kraft auf die Seite. Er erbricht. Fluchend ermahne ich meine Helferin, wie gefährlich es doch ist, einen Bewusstlosen auf dem Rücken liegen zu lassen. Ob sie das denn nicht wisse. Das Mädchen wirkt schuldbewusst, irgendwie unbeholfen, sie scheint extrem jung zu sein.

Weder die Nässe noch die Kälte oder meine groben Versuche, ihn in der stabilen Seitenlage zu halten, scheint der Mann annähernd zu bemerken. Ich spreche ihn an, er reagiert nicht. Ist er bewusstlos? Autos rauschen vorbei, keines hält an. Ein Mann liegt auf der Strasse – das sieht man doch, denke ich. Aber keines hält an.

«Ich begebe mich auf den Heimweg, wütend, aber nicht auf die beiden Teenies, denn sie wussten es ja nicht besser.»

Ich kann es nicht fassen. Ich überlege für den Bruchteil einer Sekunde, die beiden einfach in ein Taxi zu stecken, aber nein, kein Taxi würde ihn in diesem Zustand mitnehmen. Die Taxifahrer würden doch nur um ihre Autos bangen, wären besorgt, er könnte ihnen alles vollkotzen. Ich wähle den Notruf. Ich kenne die Adresse des Unfallortes, es ist ja die meine. Welch Ironie in dieser hoffnungslosen Situation. Als sich die nette Stimme am anderen Ende der Leitung nach dem Alter der Person erkundigt, wispert mir die junge Dame ein verschämtes «sächzähni…» zu.

Als die Sanitäter den Jüngling in die Ambulanz verfrachten, liegt seine Körpertemperatur noch bei 33 Grad. Ich begebe mich auf den Heimweg, wütend, aber nicht auf die beiden Teenies, denn sie wussten es ja nicht besser. Ich bin wütend auf die Autofahrer, die ignorant ihr Zuhause ansteuerten, ihre Augen verschlossen, statt sie auf die Strasse und deren Umgebung zu richten. Ich beschliesse, diese Begegnung nicht zu vergessen.

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SUPER gemacht! Meine Tochter(heute 10 Jahre) und ich sind beide im Samariterverein Wetzikon. Helfen ist unsere Passion,denn wir laufen ständig an Fälle heran. Nichts tun ist Strafbar... Helfen kann jeder,auch wenn es nur das nachfragen oder Telefonieren ist... Danke an die aufmerksame Helferin

Toller Artikel und BRAVO... ich durfte vor ca. 4 Wochen einen Repetitionskurs in Reanimation besuchen. Der Grund war dafür war/ist jedoch traurig, da wir einen Mannschaftskollegen auf dem Platz verloren haben.
Der Einstiegs-Schlusssatz war "NUR nichts Tun ist FALSCH"....

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