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«Zunächst dachte ich, das muss ein Irrtum sein»

Rechnungsbetrug in Uster

«Zunächst dachte ich, das muss ein Irrtum sein»

Eine dreiste Forderung landete bei Jessica Kammermann in der Post: Die Besitzerin des Elit Hundesalon in Uster sollte 1200 Franken für Dienstleistungen zahlen, die sie nie bestellt und nie erhalten hat.

Rosa
Schmitz
Donnerstag, 28. Februar 2019, 08:44 Uhr Rechnungsbetrug in Uster

Jessica Kammermann traute ihren Augen nicht. In der Hand hielt sie eine Rechnung über 1200 Franken. Abgesendet aus Deutschland. Ausgestellt von einer selbsternannten  «Firmenauskunft 24 – P.U.R. GmbH». Für angeblich vereinbarte und geleistete Dienste.  «Zunächst dachte ich, das muss ein Irrtum sein», sagte Jessica Kammermann. Dann schwante der Besitzerin eines Hundesalons, dass eine böse Masche dahinter stecken muss. Stutzig machte sie das Erscheinungsbild des Briefes. 

Die dreiste Forderung kommt in der Verkleidung nüchterner Worte daher: «Sehr geehrte Damen und Herren, wir erlauben uns, wie vereinbart, folgendes in Rechnung zu stellen…». Die «Firmenauskunft 24» verlangte 1200 Franken für einen angeblich von Kammermann abgesegneten 36-monatigen Vertrag. Und die Firma machte sogleich Druck. Zu zahlen sei, so stand es im Brief, «sofort ohne Abzug». Mit der Forderung sollte die Ustermer Unternehmerin unter Zugzwang gesetzt werden. «Betrüger machen Druck, damit ihre Adressaten nicht zum Nachdenken kommen», sagt sie.

So eine Rechnung sieht anders aus

Doch bei Kammermann zog die Masche nicht. Sie atmete ruhig durch und besann sich: «Üblicherweise gibt es für Beträge in solcher Höhe eine Zahlungsfrist, meistens zwischen 10 und 30 Tagen.» Für sie war dies der erste Anhaltspunkt, dass da etwas ganz grundsätzlich nicht stimmt. Zudem wunderte sie sich, dass der Rechnung kein Einzahlungsschein beigelegt war.

Kammermann forschte weiter. Dabei stiess sie auf eine aufschlussreiche Website, auf der die deutschen Rechtsanwälte Daniel Loschelder und Timm Leisenberg eindringlich vor «Firmenauskunft24» warnen und beschreiben, wie die Betrüger auf Opferjagd gehen. Über die Domain www.fa-24.com nehmen sie Leute ins Visier, von denen sie glauben, die könnten auf dreiste Forderungen hereinfallen. Die Anwälte führen aus: Die Strategie des Unternehmens zur Generierung von Einträgen sei «die gute alte Telefonmasche». 

«Viele Adressaten sind dadurch so verunsichert, dass sie den Forderungen nachgeben.» 

Mediensprecher, Kantonspolizei Zürich

Die Überrumpelung beginnt mit einem Anruf. Ahnungslose Anrufer antworten auf schnelle Fragen spontan und ohne Arg. Die Fragen sind sogenannte «geschlossene» Fragen, auf die nur mit «ja» oder «nein» zu antworten ist. So kommt Tempo in die Angelegenheit. Die Betrüger nehmen das Telefonat auf und schneiden es danach so zusammen, dass sie mit «Ja»-Antworten eine Zustimmung zu einem Service-Auftrag konstruieren. Mit manipulierten Aufnahmen wollen sie Opfern weismachen, sie hätten zugestimmt. Die Masche zieht – weiss die Kantonspolizei Zürich und stellt fest: «Viele Adressaten sind dadurch so verunsichert, dass sie den Forderungen nachgeben.» 

Noch nie darauf hereingefallen

Doch mit der Ustermerin Kammermann konnten die Betrüger dieses Spiel nicht spielen. Sie hat solche Rechnungs-Forderungen schon öfters bekommen. Schreiben wie von «Firmenauskunft 24», sagt Kammermann, gingen bei ihr einige Male im Jahr ein. Sie vermutet: «Davon sind wohl vornehmlich kleine Unternehmen betroffen, weil diese schneller den Überblick verlieren». 

Der Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich erklärt Regio auf Nachfrage, dass diese Schreiben ein «Dauerthema» für sie sind. Genaue Statistiken hätten sie zwar nicht. «Aber es handelt sich dabei auf jeden Fall um ein ernst zu nehmendes Problem.» Die Deliktsummen könnten sich auf Hunderte oder gar Tausende Franken belaufen und im Einzelfall dramatische Auswirkungen auf die Betroffenen haben. Und nur ein kleiner Teil würde sich an die Polizei wenden – die Dunkelziffer sei gross.

«Grundsätzlich sollte man sich angewöhnen, alle Rechnungen zu überprüfen und sich zu überlegen, ob man tatsächlich Schulden hat»

Mediensprecher, Kantonspolizei Zürich

Schützen können man sich, in dem man «aufmerksam handelt». «Grundsätzlich sollte man sich angewöhnen, alle Rechnungen zu überprüfen und sich zu überlegen, ob man tatsächlich Schulden hat», so der Polizeisprecher. Bei markanten Rechtschreibfehlern oder Auffälligkeiten am Logo sei in jedem Fall Vorsicht geboten. Gleiches gelte, wenn sich das angegebene Konto im Ausland befinde. «Hierbei lässt sich der Zahlungsverkehr nur schwerlich nachverfolgen oder rückabwickeln.» Wenn etwas suspekt scheint, sollte man die Rechnung am besten einfach weg werfen oder – in klagbaren Fällen – Anzeige erstatten. 

Niemand soll in die Falle geraten

Jessica Kammermann schätzt die Warnungen der Polizei und nimmt sich vor, künftig noch mehr auf der Hut zu sein. «Die Betrüger gehen mittlerweile sehr professionell vor», stellt sie fest. Sie tarnen sich als seriöse Dienstleister, verschicken Hochglanz-Broschüren und geben ein angeblich korrektes Impressum an. Auch Websites inszenieren Seriosität. Kammermann sagt: «Ich kann verstehen, warum manche Menschen darauf reinfallen.»

Nach dem Rechnungsschreiben habe die Firma sie fünfmal angerufen, um Druck zu machen. Beim sechsten Anruf habe sie schliesslich mit rechtlichen Schritten gedroht. «Seither habe ich nichts mehr gehört.»

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