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Dübendorfer Unternehmer

Ein später Easy Rider

Martin Brändle war die meiste Zeit seines Berufslebens in der Finanz- und Treuhandbranche tätig – bis er in die Zukunft blickte. Jetzt betreibt er eine Werkstatt für alte Harleys.

Redaktion
Züriost
Freitag, 22. Februar 2019, 09:39 Uhr Dübendorfer Unternehmer
Auf Umwegen ans Ziel: Martin Brändle auf seinem «Hobel».
Fabienne Andreoli / Tamedia

Er war ihm auch verfallen, diesem anderen amerikanischen Traum, in dem man nicht vom armen Schwein zur reichen Sau wird (pardon), sondern Easy-Rider-mässig auf einer Harley hängt und von Osten nach Westen cruist, «uf u dervo», das Glück im Herzen und die Sonne im Gesicht, einmal quer durch dieses verdammt grosse Land, wie es unzählige Roadmovies und Magazine ach so gern illustrieren (und illusionieren!). Das war im Alter von elf oder zwölf.

Es kam ein wenig anders, das haben Träume so an sich. Und so cruiste Martin Brändle im Alter von 18 dann halt mit einer Vespa Primavera von Zürich nach Zürich, das Fernweh im Herzen und manchmal auch den Regen im Gesicht, täglich zu seiner Arbeitgeberin, einer verdammt grossen Bank. Etwas aber hallte in seiner Imagination nach – es war dieser unvergleichliche Zwei-Zylinder-Sound aus Milwaukee, will sagen die schiere Begeisterung für Motorräder (beziehungsweise «Hobel», wie es im Jargon heisst) der Kultmarke Harley-Davidson. Mit 22 konnte er nicht mehr anders, gab dem Verlangen nach, kaufte sich eine «Fat Boy» aus zweiter Hand und wurde zum Alpenland-Biker, der sich nach Lust und Laune durch die Gegenden treiben liess.

Der erste Versuch scheiterte

Beruflich indes schien die Strasse beziehungsweise die Laufbahn vorgespurt, daran änderten auch zwei längere Auszeiten nichts, die den Twentysomething nach Nord- und Zentralamerika, nach Australien und nach Südafrika brachten. Nein: Als Sohn und Neffe erfolgreicher Bankiers, das lag (vermeintlich) auf der Hand, war sein Metier der Finanzbereich. Und weil er gut war, erhielt er lukrative Jobs, erst im Wertschriftenhandel der UBS, später im Investmentfondsbereich der Bank Bär, vor allem da habe er «echt viel Geld verdient» – er sagt es fast entschuldigend.
«Ich spürte eine Abenteuerlust.»
Martin Brändle

Dann kam der Tag, an dem man ihm mitteilte, seine Abteilung werde nach Luxemburg verschoben. Und weil sich Brändle nicht verschieben lassen wollte, stand unversehens die «Was nun?»-Frage im Raum. Doch noch den wilden alten Harley-Traum in die Tat umsetzen? «Ich spürte tatsächlich eine Abenteuerlust, doch ich hatte einen kleinen Sohn, es musste also etwas Familientaugliches sein.» Und so entschied er sich statt für Benzin für eine andere populäre Flüssigkeit – und investierte das Geld in eine Weinhandlung, Themenschwerpunkt Südafrika, «ich dachte, dass diese tollen Sachen, die ich da unten auf meiner Reise kennen gelernt hatte, bestimmt auch in der Schweiz gut ankommen würden».

Das Geschäft entwickelte sich passabel, doch es war kein Selbstläufer. Also sah sich der nicht mehr ganz junge Novize nach vier Jahren erneut vor eine Entscheidung gestellt: «Entweder ich würde ‹all in› gehen, also das Geschäft mithilfe von Fremdkapital erheblich vergrössern – oder aber zur Absicherung einen Nebenjob suchen.» Er entschied sich für Variante zwei, doch es war letztlich ein Darben auf Raten, drei Jahre später gab er auf und verkaufte den Weinhandel. Eine bittere Niederlage? «Eher eine aufschluss- und lehrreiche Zeit, die ich nicht würde missen wollen.»

Martin Brändle lacht, meint es aber ernst. Unter anderem hatte er nämlich realisiert, dass ihm eine gewisse Unabhängigkeit durchaus behagt, dass er sich eine Rückkehr in eine Grossbank nicht mehr vorstellen konnte. Bildhafter gesagt: Die neue Freiheit hatte die vertraute Berufsspur so sehr erschüttert, dass sie weggebrochen war. Er addierte die gewonnenen Erkenntnisse, die Lösung ergab «Weiterbildung!», und so wurde er zum Betriebsökonomen und Treuhänder.

Mandate hatte Brändle bald genug, er war sein eigener Boss und hatte die heikle Kurve elegant genommen. Doch wenn er weiter vorausblickte, in die Zukunft, wurde er nachdenklich – weil er auf die Frage, welche Auswirkungen die rasant fortschreitende Digitalisierung auf die Treuhänderarbeit haben wird, keine wirklich beruhigende Antwort fand. «Ja, und dann sah ich das Inserat dieser Werkstatt, ging vorbei … und plötzlich war ich in einem ganz anderen, total aufregenden Film.»

Die riskierte Erbschaft
 
In diesem anderen Film drehte sich alles um Harley-Davidson-Bikes der älteren Generationen. Es war nämlich so, dass der Inhaber der 1995 gegründeten Harley-Ersatzteil- und Custom-Firma W&W Cycles in Dübendorf den Betrieb verkaufen wollte. Und dass Brändle eigentlich Feuer und Flamme war, aber wusste, dass es ein beträchtliches Risiko wäre, da er eine Erbschaft plus die Pensionskassengelder würde einsetzen müssen. Zur Frage, ob am Ende das Herz entschieden habe, sagt er: «Jein. Mir war nach einer Marktanalyse klar, dass ich unbedingt Reparaturen und Serviceleistungen würde anbieten wollen – weil gutes, altes Töff-Handwerk gegen die Digitalisierung immun ist!»
«Scheitern ist eigentlich keine Option.»
Martin Brändle

Als Brändle mit dem 24-jährigen Gino Schefer einen gelernten und hoch motivierten Motorrad-Mech gefunden hatte, gab er sich im Frühling 2017 grünes Licht – und eröffnete die Firma Oil & Rust Motors AG (der Name sei «eine augenzwinkernde Anspielung auf die vielen gepützelten und glänzenden Harleys», so Brändle) … allerdings nicht, ohne eine Art Airbag ins Geschäftsmodell einzubauen: Immer montags ist der Umsteiger nämlich weiterhin als Treuhänder tätig.

Inwiefern das so bleiben wird, ist offen, denn die Bilanz von Oil & Rust sieht nach zwei Saisons vielversprechend aus: Es gibt eine Stammkundschaft, man hat pro Jahr rund 250 Harleys in der Werkstatt, darunter auch Custom-Aufträge, bei denen Kunden ihr Bike für bis zu 25 000 Franken aufpeppen lassen. Ob man den Berg finanziell aber tatsächlich schaffe, zeige sich wohl erst in drei Jahren, so Brändle. «Aber scheitern ist eigentlich keine Option.»

So klingt dann wohl die Zuversicht eines späten Easy Rider, wenn er seine endgültige Strasse gefunden hat. (Thomas Wyss)

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