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«Es ist ein trauriger Fakt: Betroffene müssen Haus und Wohnung verlassen»

IG Hadlikon scheitert mit ihrer Petition

«Es ist ein trauriger Fakt: Betroffene müssen Haus und Wohnung verlassen»

Die IG Hadlikon reichte beim Bund eine Petition ein. Dieser will die zuständige Kommission keine Folge geben. Die umtriebige IG will trotzdem weiterkämpfen. Und hat ein Lied geschrieben.

Xenia
Klaus
Donnerstag, 21. Februar 2019, 13:47 Uhr IG Hadlikon scheitert mit ihrer Petition

Es sind schwierige Tage für die Interessengemeinschaft (IG) Hadlikon und die elektrosensiblen Menschen der Schweiz, die laut IG etwa 10 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen: Vor gut einem Jahr reichte die IG eine Petition ein, die verlangte, dass der Bund «Notmassnahmen für elektrosensible Menschen» ergreife und unter anderem antennenfreie Zonen «analog zu Nichtraucherzonen» einrichte. Dabei bemühten die Petitionäre die ganz grossen Grundsätze der Schweizer Verfassung: Es gelte das Geleichheitsgebot zu beachten, nämlich seien Nichtraucher und Elektrosensible gleich zu behandeln.

Das überzeugte die beratende Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) des Nationalrats nicht: Sie empfiehlt, wie auch die Kommission des Ständerates, der Petition keine Folge zu geben. Die Begründung: Die Bevölkerung sei «durch die in der Schweiz strengen Anlagegrenzwerte vor den schädlichen Auswirkungen der Strahlung von Mobilfunkantennen bereits ausreichend geschützt». Massnahmen wie von der Petition gefordert seien deshalb nicht notwendig. Sie begrüsse aber die vom Bundesrat eingesetzte Arbeitsgruppe «Mobilfunk und Strahlung».

«Wir haben das Lied allen Kommissionsmitgliedern geschickt. Und auch Simonetta Sommaruga»

Kathrin Luginbühl, IG Hadlikon

Sie sei darob enttäuscht und «auch verwundert», sagt Kathrin Luginbühl von der IG Hadlikon. «Die Argumentation, dass die Grenzwerte bereits streng seien, ist eine Irreführung der Bevölkerung», so Luginbühl. «Auch die angeblich strengen Grenzwerte schützen nicht vor mittel- und längerfristigen Schäden durch Mobilfunkstrahlung.» Zudem hätte die IG erwartet, dass die Kommission auf die Resultate der Arbeitsgruppe «Mobilfunk und Strahlung» wartet. «Dann hätte die Kommission wenigstens auf Basis der neusten Fakten diskutieren können.»

«Flüchtlinge im eigenen Land»

Nicht genug für ihre Petition geweibelt zu haben, kann man der IG kaum vorwerfen: Kathrin Luginbühl hat gar ein Lied komponiert und als Video eingespielt. «Wir haben das Lied allen Kommissionsmitgliedern geschickt. Und auch Simonetta Sommaruga», so Luginbühl. Ziel der Aktion: «Empathie wecken und zeigen, dass wir Elektrosensiblen wirklich existieren und leiden.»

«Wir sagen ja nicht, wir seien Kriegsflüchtlinge. Es ist aber ein trauriger Fakt: Betroffene müssen Haus und Wohnung verlassen, weil sie auch dort vor der Dauerbestrahlung nicht geschützt sind. Die Bezeichnung ‹Flüchtlinge› ist deshalb gerechtfertigt.»

Kathrin Luginbühl, IG Hadlikon

Das Werk trägt den Namen «Strahlenflüchtling» und hat drei Strophen. «Mir lidet under dä Strahlefluet, die tuet sicher niemertem guet», heisst es im ersten Abschnitt, mit zunehmender Länge wird das Lied auch zunehmend dramatisch. In der zweiten Strophe singt man: «Mir wärded us öisem Lebensrum vertribe, für wän hät mer ächt d’ Mänscherächt gschribe?». Der Refrain geht so: «Nanotesla, Volt pro Meter, Nanotesla, Volt pro Meter, wänn hört ächt das äntlich uf?».

Diese Aufnahme hat die IG Hadlikon an Simonetta Sommaruga und alle Mitglieder der KVF geschickt.

Es ist nicht das erste Mal, dass die IG die Bezeichnung «Flüchtlinge» für sich reklamiert. Sie tut es auch in der Petition selber und in der Stellungnahme zu deren Ablehnung spricht die IG davon, dass elektrosensible Menschen zunehmend zu «Flüchtlingen im eigenen Land» werden. Das hält Luginbühl nicht für vermessen oder einen Hohn für Flüchtlinge mit teils traumatischen Erfahrungen: «Wir sagen ja nicht, wir seien Kriegsflüchtlinge. Es ist aber ein trauriger Fakt: Betroffene müssen Haus und Wohnung verlassen, weil sie auch dort vor der Dauerbestrahlung nicht geschützt sind. Die Bezeichnung ‹Flüchtlinge› ist deshalb gerechtfertigt.» Sie selber sei in den vergangenen 20 Jahren fünf Mal umgezogen. 

Bis nach Strassburg

Neben dem politischen Mittel Petition hat die IG Hadlikon auch die Rechtsmittel ergriffen: Ihre Beschwerde gegen den Bau einer Salt-Antenne im Hinwiler Weiler ist momentan beim Verwaltungsgericht hängig. 

Während die IG Hadlikon als «loser Verbund betroffener Anwohner» den Aufwand für eine Volksinitiative nicht bewältigen könne, wolle man den rechtlichen Weg weiterverfolgen, sagt Luginbühl: Die Beschwerde werde man, wenn nötig, bis vor den Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg ziehen.

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