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Pflanzenexperte vom Lindauer Strickhof

Was der Klimawandel für Landwirte bedeutet

Derzeit ist der Klimawandel und die damit verbundenen Wetterextreme in aller Munde. Züriost hat einen Experten zu den Folgen für die Landwirtschaft befragt. Martin Bertschi arbeitet am Strickhof in Lindau, dem Kompetenzzentrum unter anderem für Landwirtschaft.

Mirja
Keller
Mittwoch, 20. Februar 2019, 07:25 Uhr Pflanzenexperte vom Lindauer Strickhof

Sie setzen sich täglich mit dem Thema Ökologie auseinander. Unternehmen wir genug gegen den Klimawandel?

Martin Bertschi: Das ist eine politische Frage und jede Partei würde sie anders beantworten. Die einen finden, es wird Unternehmern mit Auflagen zu viel zugemutet, den anderen geht es zu wenig schnell. Wenn man sich jedoch die Klimadaten ansieht, ist die Frage, ob wir genug machen, wohl berechtigt. In den letzten Jahrzehnten haben die Wetterextreme zugenommen und es ist wärmer geworden.

Wie steht es mit der Landwirtschaft?

Die Landwirtschaft versucht, sich laufend an die klimatischen Bedingungen anzupassen. Diese Anpassung funktioniert in der Schweiz relativ gut. Ein Beispiel aus den Grünland-Kulturen, also etwa Wiesenflächen: In Deutschland wird Raigras, eine Weidelgras-Sorte, angesät, das viel Ertrag liefert, wenn die Bedingungen optimal sind. Es ist aber nicht sehr flexibel in Sachen Wetterextreme. In der Schweiz hat man dagegen Mischungen aus verschiedenen Gräsern, Kräutern und so weiter. Sie sind Wetterschwankungen gegenüber resistenter, weil es Gräser darunter hat, die mit viel Niederschlag gut klar kommen und solche, die Hitze vertragen.

Wie gut können Landwirte drohende Wetterextreme überhaupt vorhersehen?

Eigentlich gar nicht.

Zur Person
Martin Bertschi ist seit 2010 am Strickhof, dem Kompetenzzentrum für Bildung und Dienstleistung in Land- und Ernährungswissenschaft, in Lindau tätig. Seit zwei Jahren ist er Bereichsleiter Pflanzenbau, wobei er angehende Landwirte unterrichtet und im Versuchswesen arbeitet. Ursprünglich hat Bertschi Landwirt gelernt, später studierte er Agronomie an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften in Zollikofen (BE).


Aber?

Natürlich ist das Risiko von Extremereignissen regional unterschiedlich und es kann langfristig die Wahrscheinlichkeit von beispielsweise Hagelschäden etwas abgeschätzt werden. Kurzfristig greift man auf den Wetterbericht zurück, aber für eine ganze Saison lässt sich nichts vorhersehen.

Und wie können Landwirte im Anbau darauf reagieren?

Das können sie nur bedingt. Ein Beispiel: Nehmen wir an, es gäbe drei Hitzejahre, drei niederschlagsreiche Jahre und noch vier gemässigte Jahre. Wie soll man auf diese Bedingungen reagieren? Es ist sicher keine gute Idee, nur hitzeresistente Pflanzen anzubauen. Ein Landwirt kann nicht alles auf eine Karte setzen, also macht er eine Risikoverteilung. Er kann sich etwa mit Mischungen helfen oder er baut unterschiedliche Kulturen an und konzentriert sich nicht nur auf eine bestimmte. Das wird aber in der Schweiz schon seit Jahrzehnten so praktiziert, da Bauern hierzulande schon immer mit wechselhaften Bedingungen leben mussten.Wegen der Trockenheit rücken vermehrt Bewässerungssysteme in den Fokus.

Gemäss Martin Bertschi hat der Klimawandel für den Pflanzenbau auch positive Seiten. So wird die Vegetationsdauer länger.

Mit anderen Worten: Die Schweiz ist gut auf Wetterextreme vorbereitet.

Im Bereich Grünland stimmt das sicher, denn in Sachen Mischungen ist die Schweiz Weltmeister. Im Bereich der Spezialkulturen kann man mit Hagelschutznetzen, Folienflies und Bewässerung arbeiten. Schwieriger ist es im klassischen Ackerbau. Bodenschonende Anbausysteme, die Wahl der Kulturen und die Erneuerung von Drainagesystemen sind mögliche Ansätze, da müssen wir aber sicher auch neue Wege finden.

Und wie steht es mit der Tierhaltung?

Die Tierhaltung ist von Hitzewellen stark betroffen. Das hat man auch 2018 gesehen. Milchkühe leiden unter hohen Temperaturen besonders. Ansätze wären hier auf Nachtweide umzustellen und die Tiere den Tag hindurch im Stall zu füttern und dort allenfalls in gute Lüftungen zu investieren. Ein Problem war 2018 aber das mangelnde Futterangebot, weil nichts mehr gewachsen ist. Teilweise musste Futter sogar aus dem Ausland importiert werden. Wenn Futterzukäufe nicht möglich oder zu teuer waren, kam es in einigen Fällen zu frühzeitigen Schlachtungen von Nutztieren.

Hat der letzten Hitzesommer Spuren hinterlassen?

Es gibt teilweise Lücken im Wiesenbestand. Da muss man neu säen. Macht man dies nicht, gibt es Ertragsausfälle oder es wächst Unkraut nach. Trockenschäden werden diesen Frühling sicher noch zum Thema. 

Können Sie dem Klimawandel trotz allem auch Positives abgewinnen?

Die Vegetationsdauer wird länger, was für den Pflanzenbau interessant ist. Es gibt ein Potential für den Anbau neuer Pflanzen oder spätreifer Sorten, gleichzeitig kommen aber auch neue Schaderreger auf.  

Dafür haben wir hierzulande eine überdurchschnittliche Erwärmung. Weltweit ist es seit Beginn der Industrialisierung bisher durchschnittlich 0.9 Grad Celsius wärmer geworden, in der Schweiz im gleichen Zeitraum 2 Grad.

Aus Sicht des Pflanzenbaus ist die höhere Durchschnittstemperatur verkraftbar solange genügend Feuchtigkeit vorhanden ist. Gemessen an der absoluten Niederschlagsmenge haben wir in der Schweiz eigentlich genügend Wasser – das war auch im letzten Sommer so. Prekär wird es wenn lange Trockenphasen und extreme Hitzeperioden aufeinandertreffen. Es ist also eine Frage der Verteilung.

Von der Trockenheit haben gerade Obstbauern aber auch profitieren können.

Für den Ackerbau war 2018 kein schlechtes Jahr, für Obst und Rebbau sogar ein sehr gutes. Interessant war etwa zu beobachten, dass wegen des trockenen Frühlings viele Gewächse ein tiefes Wurzelwerk gebildet haben. Oberirdisch waren an den Pflanzen zwar Schäden zu sehen, aber der Ertragsausfall war geringer als erwartet. Dank der Trockenheit und der Hitze war auch der Pilzbefall gering. 

Welche Rolle nimmt der Strickhof im Kampf gegen den Klimawandel ein?

Politisch gesehen sind wir neutral. Wir stellen primär Informationen bereit. Unter anderem bieten wir Gruppenberatungen zum Thema Wetterextremen an. Diskutiert wird etwa, was für Lehren man aus dem letzten Hitzesommer ziehen kann. Wir beteiligen uns aber auch an Projekten zur Steigerung der Ressourceneffizienz und zur Verringerung der Treibhausgasemissionen. In einer Forschungszusammenarbeit mit der ETH und der Universität Zürich forschen wir etwa an Futtermitteln und Nutztierrassen, die weniger Emissionen generieren. Man muss aber auch sehen, dass der Anteil der Landwirtschaft am Treibhausgaus-Austoss des Kantons bei vergleichsweise geringen sieben Prozent liegt (siehe Grafik).

Sie sind auch im Versuchswesen tätig. Wie hat der Strickhof auf die Trockenheit 2018 reagiert?

Extremjahre sind für uns insbesondere für Unterschiede zum Beispiel in Sortenversuchen interessant. Wir haben die Witterungsbedingungen aber auch zu Versuchen mit Unkrautregulierung genutzt und statt Herbiziden das Unkraut mit Hackgeräten beseitigt. Nach Risikoabschätzungen haben wir zudem weniger Fungizide zur Bekämpfung von Pilzkrankheiten einsetzen können.

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