×

Trotz Krisen immer wieder den «Rank» gefunden

Trotz Krisen immer wieder den «Rank» gefunden

Der «Bürgerliche Gemeindeverein Zell» kann auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken. Der Historiker Erwin Eugster zeigte anlässlich der Generalversammlung auf, wie der Verein in wechselhaften Zeiten bis heute überlebt hat.

Massimo
Diana
Samstag, 09. Februar 2019, 16:48 Uhr

«Ich freue mich, ihnen Appetit zu machen.» Mit diesen Worten leitete der Rämismühler Historiker und Kantonsschullehrer Erwin Eugster seinen Rückblick auf 100 Jahre Geschichte des «Bürgerlichen Gemeindevereins (BGV) Zell» ein.

«Wie überlebt ein Verein, der nur alle vier Jahre aktiv wird, nämlich anlässlich der Behördenwahlen?»

Erwin Eugster,Historiker 

Mit Appetit meinte er nicht nur den Appetit, um die Jubiläumsbroschüre, die er verfasst hat, zu lesen, sondern auch den Appetit, sich mit der Geschichte des BGV auseinanderzusetzen. Eugster zeigte in seinem Referat gekonnt und detailreich auf, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, wenn der BGV als politischer Akteur in der Gemeinde Zell auf ein Jahrhundert Geschichte zurückblicken kann.

Nach dem Ersten Weltkrieg gegründet

Der BGV koordiniert anlässlich der Behördenwahlen in der Gemeinde Zell die bürgerlichen Kandidaturen. Es ist nichts Ungewöhnliches, dass bürgerliche Kandidatinnen und Kandidaten sowohl einer Ortspartei, als auch dem BGV angehören. So sind von aktuell 20 Behördenmitgliedern acht ausschliesslich BGV-Mitglieder und sieben Doppelmitglieder, also auch Mitglied einer bürgerlichen Partei. Auch im 100. Jahr seines Bestehens hat der BGV ein bedeutendes politisches Gewicht in der Gemeinde Zell.

«Wie überlebt ein Verein, der nur alle vier Jahre aktiv wird, nämlich anlässlich der Behördenwahlen?» Diese Frage stellte Eugster an den Anfang seiner Ausführungen. Um eine Antwort zu finden, hat der Historiker ein Protokollbuch und 13 Aktenordner unter die Lupe genommen, hat alte Ausgaben des «Tößthalers» und des «Landboten» durchforstet und ist dabei zu einem überraschenden Schluss gekommen.

Suche nach Koordination und Ausgleich

Während seiner ganzen Geschichte taucht eine Konstante in der Politik des BGV auf: Der Gemeindeverein war seit seinen Anfängen dazu da, um einerseits die in Freisinn, Demokraten und Bauern gegliederten bürgerlichen Kräfte zu koordinieren und anderseits, um einen Ausgleich mit der «Sozialdemokratischen Partei» (SP) zu suchen. Auf diese Weise, so Eugster, sei es dem BGV gelungen, immer wieder Kandidaten für die verschiedenen Behörden zu finden und zu gewährleisten, dass sie auch bürgerlich geprägt bleiben. Nicht selten sei dieses Ziel gerade deshalb erreicht worden, weil der BGV je nach politischer Wetterlage den linken politischen Kräften ermöglicht habe, einige Sitze in den Gemeindebehörden zu ergattern.

Vorstufe für Bürgerwehr?

Als der BGV am 18. Dezember 1918, es war ein Mittwoch, im Gasthaus Löwen in Rikon gegründet wurde, herrschte in der Schweiz grosse politische Unruhe. Der Erste Weltkrieg war eine Woche zuvor zu Ende gegangen und gleich darauf hatte in der Schweiz der Generalstreik begonnen. Derweil hatten in Russland die Bolschewiken die Macht ergriffen. Bei den bürgerlichen Kräften in der Schweiz löste dies die Befürchtung aus, dass die Linke ebenfalls einen Umsturz plane. Kein Wunder also, dass die bürgerlichen Kräfte bestrebt gewesen seien, sich zusammenzuschliessen, denn bürgerliche Ortsparteien habe es, so Eugster, damals noch nicht gegeben.

Die Gründungsversammlung muss es auf jeden Fall in sich gehabt haben, denn von den rund hundert Teilnehmern wollte sich niemand in den Vorstand wählen lassen: Drei Anwärter auf das Präsidium lehnten die Wahl ab. Man liess das Los entscheiden. Die selbe Prozedur sei auch bei der Wahl der restlichen Vorstandsmitglieder zu Zug gekommen. Dies sei sehr seltsam, folgerte Eugster, vor allem, wenn es nur darum gegangen wäre, politisch ein Gegengewicht zur SP zu bilden. Im Gründungsprotokoll sei jedoch auch vermerkt, dass kurz vor Mitternacht das brisanteste Traktandum der Gründungsversammlung zur Sprache gekommen sei: die Bildung einer Bürgerwehr. Das Gründungsprotokoll ende, so Eugster, mit der Feststellung, dass die Gründung einer Bürgerwehr einstimmig beschlossen worden sei. Der Vorstand sei beauftragt worden, «die Sache an die Hand zu nehmen».

Versöhnliche Politik

Ob diese Bürgerwehr je aktiv geworden ist, lasse sich anhand der vorliegenden Quellen nicht beurteilen, führte Eugster weiter aus. Belegt sei hingegen, dass in Turbenthal eine Bürgerwehr tätig gewesen sein müsse, denn im «Tößthaler» vom 15. November 1981 finde sich eine Danksagung des Turbenthaler Gemeinderats an die «wackeren Männer, die ohne Zögern sich der Bürgerwehr angeschlossen und sich mit Begeisterung bereit erklärt haben, für Ruhe und Ordnung einzustehen».

Die politischen Verhältnisse hätten sich aber rasch nach der Gründungsversammlung entspannt, stellte Eugster fest, denn bereits im April 1919 sei der BGV zu einer vorsichtigen Kooperation mit der SP übergegangen. Diese Absprachen ermöglichten es der SP, pro Behörde ein bis zwei Vertreter zu nominieren. Diese hatten grosse Wahlchancen, solange der BGV und die SP nicht mehr Kandidaten nominierten, als Sitze zu vergeben waren. So sei es dem BGV gelungen, bei den Behördenwahlen sozusagen Regie zu führen und die SP gleichzeitig ins politische System einzubinden. Diese vorsichtige Kooperation habe dann ein ganzes Jahrzehnt überdauert, bis zur grossen Weltwirtschaftskrise von 1929, betonte der Referent.

Aus seinen Nachforschungen schloss Eugster, dass es hauptsächlich drei Faktoren waren, welche den BGV während hundert Jahren immer wieder zur Sinnfrage zwangen und so schliesslich dazu beitrugen, dass der Verein als politischer Akteur in Zell überlebte:

  • In Phasen der Konfrontation waren Zweck und Ziel des BGV vereinsintern, als auch bei den anderen bürgerlichen Parteien unbestritten.
  • Ab den 1920er-Jahren sah sich der BGV zunehmend als «bürgerliches Gremium der Mitte» und war entsprechend davon abhängig, was im linken und rechten politischen Lager passierte. In Zeiten der Entspannung zwischen Links und Rechts, wurde die Daseinsberechtigung des BGV hingegen stärker in Frage gestellt.
  • In den 1960er-Jahren beanspruchten die lokalen Parteien ebenfalls die politische Mitte und ab den 1970er-Jahren setzte sich die Kooperation mit der Linken wieder durch.

Die Strategie, sich in der politischen Mitte zu verorten und die Kooperation mit der Linken zu suchen, hat der BGV, so Eugster, in den letzten zwanzig Jahren weiter beherzigt, indem er Kandidierende für die Behördenämter vorschlägt und sich, wie die Ortsparteien, zu kommunalen Sachfragen wie zur kommunalen Gesetzgebung oder zu Verkehrsfragen äussert. Weil der BGV immer wieder gezwungen sei, seine Daseinsberechtigung zu überprüfen, traue er dem Verein durchaus auch ein zweites Jahrhundert Geschichte zu, schloss Eugster seine historische Analyse. (Massimo Diana)

 

Generalversammlung: Bisherige Vorstandsmitglieder bestätigt

Der Präsident des Bürgerlichen Gemeindevereins (BGV) Heiner Comminot konnte am Freitag, 8. Februar, im Zentrum Rämismühle rund 60 Mitglieder und Gäste zur 101. Generalversammlung begrüssen. Aktuell zählt der BGV 102 Mitglieder. Der bisherige Vorstand mit Heiner Comminot (Vorsitz), Stefan Pfister, Sonja Vetsch, Christoph Müller und Thomas Lanter wurde einstimmig für eine weitere Amtszeit bestätigt. Auch die Jahresrechnung wurde einstimmig gutgeheissen. Der Historiker Erwin Eugster, welcher die Jubiläumsbroschüre zum BGV-Jubiläum verfasst hat, wurde mit Applaus zum Ehrenmitglied gewählt. (md)

Kommentar schreiben

Kommentar senden