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Familie des erschossenen Wirtes hüllt sich in Schweigen

Nach Bluttat in Rüti

Familie des erschossenen Wirtes hüllt sich in Schweigen

Zwei Tage, nachdem der Wirt des «Bären» in Rüti erschossen worden ist, überschlagen sich die Spekulationen in den Medien. Die Familie des Wirtes will diesen Mutmassungen Einhalt gebieten, schürt mit ihrem Verhalten aber neue Gerüchte.

Annette
Saloma
Donnerstag, 27. Dezember 2018, 15:43 Uhr Nach Bluttat in Rüti
Dem «Ochsen»-Wirt Christian Reich war der «Bären» seit längerem suspekt. Video: Laurin Eicher

Ein in die Jahre gekommener Wohnblock in Tann, eine Wohnung im ersten Stock. Vor der Türe stehen sechs Paar Männerschuhe: drei Paar Turnschuhe, drei Paar Halbschuhe.

Die Türe öffnen zwei Männer, einer von ihnen ist am Telefon. Er trägt schwarze Trainerhosen, ein schwarzes T-Shirt. «Ich muss viele Papiere erledigen», entschuldigt er sich und bittet uns herein. In der Wohnung stehen weitere Männer, sie sehen sichtlich mitgenommen aus. Die Wohnung gehöre dem Schwager des Toten, die anderen stellen sich als Cousins vor. Die Augen eines jungen Mannes sind geschwollen und gerötet.

Schriftliche Stellungnahme

Im Wohnzimmer nehmen wir auf einem grossen Sofa Platz. Die Männer setzen sich ebenfalls hin. Gegenüber des Sofas steht ein grosser Fernseher, etwas schräg darüber hängt eine bunte Uhr. Sie tickt laut. Es riecht nach Zigarettenrauch.

Man hatte uns auf 11.30 Uhr auf ein Interview bestellt, nachdem in den Medien wild über den Hintergrund der Tat spekuliert worden war. Von Blutrache war die Rede, von zwei verfeindeten Familien, von der mazedonischen Mafia. Diese Gerüchte will die Familie des getöteten Wirtes aus der Welt schaffen. Doch vor Ort will nun doch niemand Auskunft geben.

Der Mann am Telefon, der den Termin mit uns abgemacht hat, muss jetzt dringend weg. Es gebe viel zu tun. Er überreicht uns eine schriftliche Stellungnahme auf albanisch.

Kerzen vor dem Eingang des «Bären». (Foto: Seraina Boner)

Hintergrund des Tötungsdeliktes soll laut «20 Minuten» ein jahrelanger Streit zwischen zwei mazedonischen Familien sein, der schon mehrere Opfer gefordert habe – das Newsportal bezieht sich dabei auf mazedonische Medien und Bekannte der Wirtefamilie. Die beiden Söhne des getöteten Restaurantbesitzers seien vor einigen Jahren mit Baseballschlägern auf ein Mitglied der anderen Familie losgegangen. Der Angriff soll zu einer Racheaktion geführt haben: Vor drei Jahren sei ein Sohn der Familie getötet worden.

Keine Auskunft

Zu all diesen Dingen hüllen sich die Anwesenden in der Wohnung in Tann in Schweigen. Man verweist auf einen anderen Verwandten, der momentan in Sargans, aber auf dem Weg hierher sei. Dieser gebe Auskunft und beantworte allfällige Fragen.

Wir warten schweigend. Das Ticken der Uhr erfüllt den Raum. Die Männer, die sich auf Stühlen und dem Sofa niedergelassen haben, starren vor sich hin. Der Mann mit den verweinten Augen nickt, als ich ihn frage, ob er der Sohn des Getöteten sei. Bei der Tat sei er jedoch nicht dabei gewesen. Mehr möchte er offensichtlich nicht sagen. Auch die anderen Männer geben keine Auskunft.

Die Zeit verstreicht nur langsam. Einer der Männer räuspert sich, sagt, der Verwandte, der in Sargans sei, könne auch nicht mehr dazu sagen, als in der Stellungnahme stehe. Es lohne sich nicht, auf ihn zu warten. Und sie hätten noch viel zu tun.

Als ich frage, ob sie sich nicht über die Spekulationen über Blutrache in den Medien ärgern würden, wird der Sohn unwirsch. Ob wir nicht verstanden hätten? Wir hätten die Stellungnahme, mehr gebe es nicht zu sagen, sagt er in gebrochenem Deutsch. Wir verlassen die Wohnung. Die schriftliche Stellungnahme ist komplett in albanisch verfasst (Die Übersetzung lesen Sie hier).

Kerzen und Kreidekreise

Vor dem Eingang des Restaurant Bären in Rüti stehen drei Rechaudkerzen und zwei grössere weisse Kerzen. Ein Plastikzweig mit Blüten daran liegt dazwischen.

Auf der anderen Strassenseite erinnern drei weisse Kreidekreise an die Bluttat. Sie markieren die Stellen, an denen die Polizei Patronenhülsen gefunden hat.

Kreidekreise bezeichnen die Stellen, wo die Polizei Patronenhülsen fand. (Foto: Christian Merz)

Ein Mann mit Krücken steht im Garten des Hauses gegenüber vom «Bären». «Krass» sei, was passiert ist, sagt er. Er habe das Wirtepaar nur flüchtig gekannt. «Flotte Leute» seien das gewesen, hätten immer gegrüsst. Aber eingekehrt sei er kaum im «Bären». Nur mal «eis go zieh» im Gartenrestaurant.

«Niemand wusste genau, was dort ablief.»

Christian Reich, Wirt Restaurant Ochsen

Ein paar Häuser weiter klingt es weniger freundlich. Christian Reich, der umtriebige Wirt des Restaurants Ochsen, sagt, der «Bären» habe einen zweifelhaften Ruf genossen.

Während früher dort ganz Rüti ein- und ausgegangen sei, seien seit ein paar Jahren nur noch Gäste aus Ex-Jugoslawien verkehrt. «Für uns Einheimische war das ein schwarzes Loch», sagt der 82-Jährige. «Niemand wusste genau, was dort ablief.»

Wie die Kantonspolizei Zürich auf Anfrage mitteilt, sind bis jetzt keine Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen. Man sei in Kontakt mit anderen Kantonspolizeien.

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