×
Zweites Leben für SBB Geisterhäuser im Oberland

Kaffee und Gipfeli statt Billette und Reka-Checks

Weil die SBB zu wenig Billette verkauften, schlossen sie im Oberland vier Bahnschalter. Für einen Teil davon wurden nun Nachmieter gefunden, andere könnten noch jahrelang leer stehen.

Dario
Aeberli
Donnerstag, 20. Dezember 2018, 13:51 Uhr Zweites Leben für SBB Geisterhäuser im Oberland

Die Fenster sind abgedunkelt, nur durch kleine Bullaugen dringen feine Lichtstrahlen in den Raum, Bauarbeiter hämmern auf Metall, mit schweren Maschinen werden Löcher in die Wände gebohrt, Staub liegt in der Luft. Der alte SBB-Schalter am Bahnhof Nänikon-Greifensee ist nicht wiederzuerkennen. Die massive Holztheke ist weg, Computer, Drucker und sämtliche SBB-Utensilien auch.

«Wir wollen offen für Inputs aus der Bevölkerung sein.»

Regula Meier, Mitbetreiberin des Café Gleis 1

Der Umbau ist in vollem Gang. Bis auf die Züge, die alle fünf Minuten vorbeifahren, erinnert nichts mehr daran, dass hier jahrzehntelang Bahnbillett, Konzerttickets und Auslandsreisen verkauft wurden. Ab März 2019 gibt es im neuen «Gleis 1 Café» stattdessen morgens Kaffee und Kuchen, mittags eine einfache Hauptmahlzeit zum Mitnehmen und abends ein Feierabendbier mit kulturellem Begleitprogramm.

Bis zur Eröffnung des Cafés im März steht noch viel Arbeit an für Käthi Meisser (links) und Regula Meier.

Mit viel Eigenleistung und Secondhand Mobiliar
Im «Gleis 1 Café» ist bis zur Eröffnung noch viel zu erledigen. «Bis im März müssen wir die Lüftung in der Küche einbauen, dann wollen wir ein Take-Out-Fenster in die Wand einlassen und danach müssen wir noch Mobiliar fürs Kaffee auftreiben», sagt Käthi Meisser, Mitgründerin des «Gleis 1». Ideen hätten sie noch einige mehr gehabt. Sie hätten beispielsweise gerne noch eine Galerie mit Wendeltreppe aufgezogen, doch das hätte den finanziellen Rahmen des Projekts gesprengt. Für die Renovation arbeitet das Kaffee mit der Genossenschaft «Gägewind» zusammen, die das Team von «Gleis 1» mit Fachwissen und Arbeitskräften unterstützt.

Überhaupt versuchen die neuen Kaffeebetreiber die Kosten für Umbau und Einrichtung so tief wie möglich zu halten und möglichst nachhaltig zu arbeiten. Als das Restaurant Löwen aus Nänikon vor einigen Wochen seinen zweiten Stock renovierte, musterte es einige Stühle aus. «Ich habe das per Zufall gesehen und gefragt, ob ich die mitnehmen dürfte. Zehn Minuten später kam mein Mann mit dem Auto vorbei und wir luden die Stühle ein», erzählt Regula Meier, die zweite treibende Kraft im «Gleis 1».

Gerne hätten sie auch noch ein paar Eisenbahnutensilien oder Sitze aus einem Zug in ihrem Kaffee wiederverwertet, doch beim Umzug haben die SBB alles mitgenommen. Ganz ausgezogen sind die SBB allerdings doch nicht, den Keller brauchen sie nach wie vor. «Im Untergeschoss befindet sich Bahntechnik, die für SBB Mitarbeitende zugänglich sein muss», schreibt die Medienstelle auf Anfrage. Deshalb müsse das «Gleis 1» einen zusätzlichen Eingang für die SBB freihalten.

Die geschlossenen Bahnschalter im Oberland in der Übersicht

Seit 2014 wurden im Zürcher Oberland vier Bahnschalter von den SBB geräumt.
-Am Bahnhof Nänikon-Greifensee entsteht das «Gleis 1 Café»
-In Fehraltorf hat sich die Konditorei Voland eingemietet
-In Fischenthal nutzen vorübergehend Bauarbeiter den Raum als Aufenthaltsraum
-In Kollbrunn steht der alte Bahnschalter leer, eine Vermietung ist von den SBB nicht geplant

Lösung für Bahnhof Fischenthal gesucht
Im Vergleich zur staubigen Baustelle am Bahnhof Nänikon-Greifensee ist es in Fischenthal gespenstisch still. Gemäss der SBB-Medienstelle steht der Bahnschalter hier bereits seit 2015 leer. Zwischenzeitlich wurden die Zimmer in den oberen Stockwerken als Asylunterkunft genutzt, bis Anfang November 2018 eine neue Unterkunft für die 14 Flüchtlinge gefunden wurde.

Zwischenzeitlich wurde der alte Bahnschalter als Aufenthaltsraum für Bauarbeiter genützt.

Diese zogen ins renovierte ehemalige Ärztehaus gleich neben dem Bahnhof um. Der alte Bahnschalter im Erdgeschoss des Bahngebäudes wird momentan von Bauarbeitern als Aufenthaltsraum verwendet. Für die Zeit nach der vorübergehenden Zwischennutzung suchen die SBB bereits Nachmieter, konnten allerdings noch keinen geeigneten Kandidaten finden. «Wir suchen Unternehmen, die zum Angebotsmix am Bahnhof passen. Ein neues Geschäft soll in der Regel eine willkommene Ergänzung sein», schreibt die Medienstelle.

Triste Leere in Kollbrunn
In Kollbrunn ist die Situation noch etwas trister als in Fischenthal. Mehr als vier Jahre ist es her, dass hier zum letzten Mal jemand ein Billett am SBB-Schalter gekauft hat. Gemäss der Medienstelle sind die Räumlichkeiten in so schlechtem Zustand, dass eine Vermietung des Objekts nicht in Frage kommt. Der Schalterraum wird also auf unbestimmte Zeit leer bleiben.

Dass im Zürcher Oberland in Zukunft noch weitere bediente Bahnschalter der SBB schliessen werden, ist nicht auszuschliessen, denn die Zahl der Billettverkäufe am Schalter nehme kontinuierlich ab. Die Medienstelle schreibt dazu: «Das bediente Vertriebsstellennetz der SBB wird jährlich überprüft. Dieser Prozess wurde bereits in der Vergangenheit so angewendet und wird auch so weitergeführt.»

Beck im Fehraltorfer Bahngebäude
Ganz anders ist die Stimmung am Bahnhof Fehraltorf. Seit fast zwei Jahre verkauft die Konditorei Voland hier im ehemaligen Bahnschalter Sandwiches und Gipfeli. Geschäftsführer René Schweizer ist begeistert von seiner Filiale neben den Gleisen: «Der Standort ist ideal für eine Bäckerei. Für uns hat sich die zusätzliche Filiale auf jeden Fall gelohnt.»

Der Geschäftsführer der Kontiorei Voland, René Schweizer, hat Freude an seiner Filiale an den Gleisen.

Die Pendler können sich bei Voland auf dem Weg zur Arbeit in kürzester Zeit ein kleines Frühstück und einen Kaffee zur Stärkung holen. Allerdings laufe nach der morgendlichen Rushhour nicht mehr allzu viel. Deshalb sei die kleine Voland-Filiale auch bloss von 5.30 Uhr bis 9 Uhr geöffnet. «Wer seinen Laden erst nach 9 Uhr öffnen will, ist hier am falschen Ort, dann ist der Kundenandrang schon längst vorbei», sagt Schweizer. Während des restlichen Tages sei der Kundenstrom zu klein, um einen vernünftigen Umsatz zu erzielen. Er empfehle deshalb allen, die mit der Idee spielen, ein Geschäft in einem ehemaligen Bahnschalter zu eröffnen, möglichst früh am Morgen zu öffnen.

Treffpunkt für die Bevölkerung
Im «Gleis 1» versuchen die beiden Betreiberinnen Käthi Meisser und Regula Meier einen etwas anderen Weg zu gehen. Auch sie möchten ihr Geschäft bereits früh am Morgen öffnen, hoffen jedoch, dass das «Gleis 1“ auch am Nachmittag und am Abend zu einem Treffpunkt für die Bevölkerung werde. «Wir stellen uns vor, dass man bei uns verschiedene Veranstaltungen wie Konzerte oder Vereinsversammlungen organisieren könnte», sagt Meisser.

So hätte die benachbarte Oberstufenschule Wüeri bereits angemeldet, dass sie einen Anlass im «Gleis 1» planen, an dem Schüler ihre Frühlingsgedichte öffentlich vortragen. «Das passt zu unserem Konzept. Wir wollen schliesslich kein starres Veranstaltungsprogramm vorgeben, sondern offen für Inputs aus der Bevölkerung sein», sagt Meier.

Diese Flexibilität könnte gemäss den beiden Betreiberinnen auch Grund dafür sein, dass sie den Zuschlag für die Ausschreibung der SBB erhalten hätten.

Für die heimkehrenden Pendler plant das «Gleis1» am Abend einen Barbetrieb «Es wäre natürlich schön, würden sich nach der Arbeit noch ein paar Gäste mit Freunden auf ein Feierabendbier bei uns treffen.»

Kommentar schreiben