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Einen Abend lang Glühwein-Verkäuferin

Am Weihnachtsmarkt in Winterthur

Einen Abend lang Glühwein-Verkäuferin

Der Glühweinstand «Zur alten Mühle» ist der grösste auf dem Winterthurer Weihnachtsmarkt. Die Mitarbeitenden müssen nicht nur lange stehen können sondern auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf bewahren. Ein Erlebnisbericht.

Tanja
Altenburger
Mittwoch, 12. Dezember 2018, 15:29 Uhr Am Weihnachtsmarkt in Winterthur

Der Glühweinstand ist das Herz eines jeden Weihnachtsmarkts. Wie es ist, das heisse Getränk für einmal zu verkaufen anstatt es selbst zu konsumieren, will ich am eigenen Leib erfahren. Für zwei Stunden darf ich am grossen Stand «Zur alten Mühle» der Familie Albl am Winterthurer Weihnachtsmarkt mithelfen.

Fast wie Bier zapfen

Zu meiner Schicht in der rustikalen Hütte werde ich von der Chefin Susi Albl höchstpersönlich begrüsst, die mich sogleich mit Arbeitskleidung ausstattet. «Jetzt kann die Party losgehen», denke ich mir, als ich hinter die Theke geführt werde. Über mir hängen diverse Glühweinbecher aus verschiedenen Jahren. Dahinter entdecke ich einen Heizstrahler. «Die Kälte ist eigentlich kein Problem. Eher das lange Stehen ist anstrengend», sagt Michelle Mühle, die mich heute instruiert. Die 26-Jährige arbeitet dieses Jahr zum ersten Mal für die Familie Albl. Glühwein verkauft sie aber schon um einiges länger. «Selbst habe ich allerdings noch nie einen getrunken.»

Die erste Bestellung trudelt ein und ich werde ein wenig nervös. Das Einschenken erinnert mich ans Bierzapfen. Mit dem Unterschied, dass das Getränk um einiges heisser ist, 70 Grad um genau zu sein. «Der Glühwein wird in einem Behälter kühl gelagert und mit einem Durchlauferhitzer aufgewärmt, wenn man ihn in den Becher gibt», erklärt Michelle Mühle. Das bekomme ich auch gleich zu spüren, als mir bei meinem ersten Versuch einige Tropfen auf die Hand spritzen.

Keine Zahlenjongleurin

Mit der Zeit komme ich so richtig in Fahrt. Sogar meine Französischkenntnisse muss ich noch ausgraben, als sich eine kleine Reisegruppe aus Frankreich vor dem Stand versammelt. Eine Grossbestellung mit sechs Gläser Glühwein und zwei Becher Punsch folgt kurz darauf. «Das ist noch harmlos», lacht Michelle Mühle. Auch wenn ich mittlerweile den Eindruck habe, gut mit Bechern jonglieren zu können, sieht das bei Zahlen etwas anders aus. Den Gesamtpreis zu errechnen will mir einfach nicht gelingen. Die 26-Jährige eilt mir zu Hilfe und rettet mich gekonnt aus der peinlichen Situation. Sie muss auch in hektischen Situationen einen kühlen Kopf bewahren. Ich habe Glück, dass heute ein eher ruhiger Montag ist.

Meine kurze Schicht neigt sich langsam dem Ende zu. Ganze sechs Franken Trinkgeld darf ich mit nach Hause nehmen. Das Fazit meiner Betreuerin: Ich habe gute Arbeit geleistet. «Dich würde ich sofort einstellen», versichert mir Michelle Mühle. Einer Karriere am Glühweinstand stünde also nichts mehr im Wege.

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