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«Schönfärberei» in Teheran

Winterthurer Fotograf veröffentlicht ein Buch

«Schönfärberei» in Teheran

Der Winterthurer Fotograf Fabian Stamm hat den Iran und seine Hauptstadt schon mehrfach bereist. Bei seinen Aufenthalten in Teheran fielen ihm nicht selten widersprüchliche Wandbilder auf. Was er damit meint, zeigt Fabian Stamm in seinem neuen Buch.

Tina
Schöni
Mittwoch, 05. Dezember 2018, 14:40 Uhr Winterthurer Fotograf veröffentlicht ein Buch

Bilder von grünen Palästen, strahlend blauem Himmel sowie idyllischem Alpenpanorama zieren tausende Hausfassaden und Mauern in Teheran. Die bunten Wandszenen, die von der Stadtverwaltung in Auftrag gegeben wurden, vermitteln das Bild einer paradiesischen Welt.

«Die Bilder stehen im Widerspruch zum wirklichen Leben.»

Fabian Stamm, Winterthurer Fotograf

Doch davon ist laut dem Winterthurer Fabian Stamm in der iranischen Metropole wenig zu spüren. Teheran kämpfe mit Problemen wie Armut, Korruption, durch den Verkehr verstopfte Strassen, Smog und Feinstaub. «Mit den bemalten Fassaden versucht die Regierung, die Quartiere in der Stadt aufzuwerten. Doch die Bilder stehen im Widerspruch zum wirklichen Leben in der Millionenstadt.»

Bildband über Fassaden der Stadt

Der freischaffende Fotograf hat den Iran und seine Hauptstadt beruflich und privat schon mehrfach bereist. Weil ihm die Wandmalereien immer wieder aufgefallen sind, setzte er sich bei seinen letzten Besuchen intensiver mit ihrer Bedeutung auseinander. Schliesslich widmete er ihnen sein jüngstes Projekt: ein Bildband, das er in Zusammenarbeit mit der Kunsthistorikerin Miriam Waldvogel und dem Iran-Experten und ehemaligen SRF-Korrespondenten Werner van Gent veröffentlichte.

Für das Buch trat der Winterthurer mit lokalen Kunstschaffenden in Kontakt,  fotografierte viele bunte Fassaden und setzte sie in Kontrast mit der iranischen Lebensrealität. Seit dem 1. Dezember ist «Tehran Paradise» im Buchhandel erhältlich.

Mit «Schönfärberei» manipuliert

Wandbilder im öffentlichen Raum haben in der iranischen Metropole eine lange Tradition. Nach der islamischen Revolution 1979 wurden sie hauptsächlich in Gedenken an Märtyrer gefertigt. Fabian Stamm hat zahlreiche solcher Personenporträts von lokalen Kunstschaffenden an Fassaden in der Stadt und an Mauern entlang von Autobahnen erblickt.

«Öffentlich kritische Aussagen über die Regierung werden hart sanktioniert.»

Fabian Stamm, Winterthurer Fotograf

In den letzten zehn Jahren seien immer mehr surrealistische Motive hinzugekommen, berichtet Fabian Stamm. Besonders in heruntergekommenen Vierteln und an feuerbeständigen Mauern seien die Bilder vorzufinden. Zeichnungen von Palästen oder paradiesischen Gärten würden an diesen Orten die Gegensätze zwischen Illusion und Wirklichkeit besonders deutlich machen. Ein eher verlassenes und dreckiges Quartier wirke plötzlich «belebt».

Dass die Bilder hauptsächlich idyllische Orte zeigen, verwundert den Winterthurer nicht. «Öffentlich kritische Aussagen oder Betrachtungen über die Regierung sind untersagt und werden hart sanktioniert.» Fabian Stamm bezeichnet die bemalten Fassaden deshalb als «Schönfärberei». Die Regierung lenke mit der Kunst von den Problemen der Stadt ab, ohne diese zu lösen. Eine Manipulation der Bevölkerung, die der freischaffende Fotograf verwerflich, aber auch spannend findet. «Die Menschen werden verführt. Statt autofreie Zonen, Grünflächen oder Begegnungsorte zu schaffen, werden diese Dinge einfach an die Hauswände projiziert.»

Kritisch hinterfragen

In seinem Buch «Tehran Paradise» setzt sich Fabian Stamm am Beispiel Iran mit der Bedeutung und Rolle eines Staates im öffentlichen Raum kritisch auseinander. «Es sind viele grosse Fragen zu diesem Thema aufgekommen, die nicht nur den Iran betreffen, sondern auch bei uns der Schweiz hinterfragt werden können.»

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