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«Sechs Männer und ich»

Rosmarie Zapfl im Lunchtalk

«Sechs Männer und ich»

Die Frauenrechtlerin und ehemalige CVP-Nationalrätin Rosmarie Zapfl blickte im Lunchtalk auf ihre langjährige Politkarriere zurück. Die Rütnerin erzählte von ihren Erfahrungen als einzige Frau im Dübendorfer Stadtrat und was sie von der Me-Too-Debatte hält.

Tanja
Bircher
Montag, 03. Dezember 2018, 16:53 Uhr Rosmarie Zapfl im Lunchtalk

Sie fühle sich wie ein Krieger, sagte Rosmarie Zapfl kurz bevor der «Lunch-Talk» am Montagmittag live ging. Moderator Stefan Nägeli zählte gerade «all die Kämpfe» auf, die die Pionierin der Frauenpolitik in ihrer Karriere ausgefochten hatte. Bescheiden fügte die Rütnerin an: «Vor mir gab es aber noch viele andere Frauen, die mit ihren Kämpfen ganz böse dran gekommen sind.» Frauen, die beispielsweise an der Uni Zürich studieren wollten, seien beschimpft und von ihrer Familie verstossen worden.

Der Talk im Video Teil 1 (2. Teil weiter unten im Text). Video: Tele Top

Zapfl war 1970 in die Frauenbundsbewegung eingetreten. Als erste Frau im Kanton Zürich hatte sie das Amt einer Gemeinderatspräsidentin inne, sie präsidierte das Parlament ihrer damaligen Wohngemeinde Dübendorf. Bis 1990 gehörte sie dem Dübendorfer Stadtrat an. Danach wurde sie National- und später Europarätin. Zapfl war zudem Vize-Präsidentin der CVP Schweiz.

Frauen nicht automatisch für Frauenrechte

Auch heute sei vieles noch unerreicht, sagte Zapfl dann auf Sendung. «Ich habe erst kürzlich einen Brief von einem Mann erhalten, der schrieb: ‹Der grösste Fehler, den wir Schweizer Männer je gemacht haben, ist am 7. Februar 1971 passiert›.» Das sei kein Einzelfall. Und nicht nur die Meinung der Männern. 

Sie habe einst unter der Illusion gelitten, Frauen unterstützten automatisch Frauen und deren Rechte. In einem Kaffee oberhalb von Russikon sei aber kurz vor den Abstimmungen zum Frauenstimmrecht eines Besseren belehrt worden. «Die Wirtin schimpfte lauthals: ‹Diese blöden Weiber brauchen das doch nicht›.» 

«Und heute – 120 Jahre später – sprechen wir immer noch über dasselbe.»

Rosmarie Zapfl, alt Nationalrätin und Pionierin der Frauenpolitik

Doch heute sei sie oftmals noch viel frustrierter als vor 50 Jahren. «Dass wir noch nicht weiter gekommen sind – beispielsweise beim Thema gleicher Lohn für gleiche Arbeit – ist doch absurd.» Diese Forderung habe der Schweizerische Frauendachverband Alliance F, den Zapfl selbst während acht Jahren präsidierte, bereits 1898 in seinen ersten Statuen verankert. «Und heute – 120 Jahre später – sprechen wir immer noch über dasselbe.»

Es werde sie bestimmt freuen, dass ihre Partei für die Bundesratswahlen vom Mittwoch ein Zweier-Frauen-Ticket aufgestellt habe, sagte Nägeli. «Natürlich freut mich das, aber es ist auch dringend nötig», entgegnete Zapfl ernst. Sogar bei einer Wahl von Karin Keller Sutter (FDP) seien noch immer nur drei Frauen im Bundesrat. Das sei das absolute Minimum, es sei aber eigentlich an der Zeit für eine Überzahl. «Denn bisher haben es genau sieben Frauen in den Bundesrat geschafft – von insgesamt 117 Bundesräten.»

Der Talk im Video Teil 2. Video: Tele Top

Die Me-Too-Debatte

An ihre Zeit im Dübendorfer Stadtrat könne sie sich noch gut erinnern. «Sechs Männer und ich.» Der Kanton habe damals in Dübendorf das Pilotprojekt Tempo 50 innerorts durchführen wollen. «Als ich den entsprechenden Antrag im Parlament stellte, sagte ein Stadtratskollege zu mir: ‹Also Rosmarie, dich hätte ich als rassigere Frau eingeschätzt›. Sowas vergisst man ein Leben lang nicht.» Nicht nur das Verhalten dieses Mannes habe sie schockiert, sondern vor allem jenes der anderen fünf Stadträte. «Keiner sagte etwas.»

«Ja, genau: Fassen Sie mich ja nicht an!»

Rosmarie Zapfl, alt Nationalrätin und Pionierin der Frauenpolitik

Solche despektierlichen Sprüche gegenüber Frauen spielten auch in der aktuellen Me-Too-Debatte eine Rolle, sagte Nägeli. «Und es ist gut, dass diese Diskussion stattfindet», so Zapfl. Man wisse doch seit vielen Jahren, wie schwierig es für Frauen sei zu beweisen oder glaubhaft zu machen, dass sie vergewaltigt worden seien. «Immerhin spricht man jetzt darüber.» 

Sieben Enkel und neun Urenkel

Ob sie selbst je unsittlich angefasst worden sei, fragte Stefan Nägeli. «Ich spreche nicht darüber», entgegnete Zapfl jetzt wieder ernst. «Aber ich habe es mehr als 100 Mal erlebt.» 

Zum Schluss des Gesprächs erzählte die 79-Jährige von ihren sieben Enkeln und neun Urenkeln und ihren wieder entdeckten Hobbys Stricken und Nähen. «Mein Mann putzt und kauft ein – da bleibt mir eine Menge Zeit.» Man sehe ihr an, dass sie zufrieden sei, sagte der Moderator. «Auch wenn Sie mit ihrer Frauenbundsbewegung nicht alles erreicht haben, was Sie gerne wollten.» Zapfl zuckte die Schultern und sagte: «Die anderen brauchen ja auch noch etwas zu tun.»

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