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Der Befehl zur Zahlung wird immer häufiger ignoriert

Betreibungen im Tösstal

Der Befehl zur Zahlung wird immer häufiger ignoriert

Die Zahlungsmoral sinkt, die Verschuldung steigt - und die Betreibungsbeamten des Tösstals rennen dem Geld hinterher. Die beiden für das Tösstal zuständigen Betreibungsämter haben dieses Jahr rund 5000 Zahlungsbefehle versandt.

Redaktion
Züriost
Freitag, 30. November 2018, 11:55 Uhr Betreibungen im Tösstal
Die Betreibungsämter im Tösstal haben dieses Jahr rund 5000 Zahlungsbefehle ausgestellt.
Cartoon: Tacasso Arts

Es ist davon auszugehen, dass die Gesamtzahl der 2017 im Kanton ausgestellten Zahlungsbefehle (410‘617 waren es genau) heuer noch übertroffen wird. Die Zahl der Pfändungen, letztes Jahr waren es 208‘674, klettert ebenso weiter. Verwertet haben die Betreibungsämter in über 100‘000 Fällen. Und in mehr als 10‘000 Fällen kam es zur Konkursandrohung. Mehr als 500 Personen sassen in Arrest.

Im Vergleich zum Vorjahr haben Zahlungsbefehle und Konkursandrohungen zugenommen, die Anzahl Pfändungen stieg deutlich: um rund 11‘700. Über 70‘000 Mal wurde im Kanton aufgrund ausstehender Steuern betrieben. Die Einwohner des Wirtschaftsstandorts in der Hauptstadt halten die Betreibungsbeamten besonders auf Trab. Wie es vergleichsweise in den Regionen aussieht, verraten die Amtsleiter im Tösstal.

5000 Zahlungsbefehle

Nach Angaben von Matthias Bohle, Leiter Betreibungsamt Zell-Turbenthal, wurden bis heute 3310 Zahlungsbefehle ausgestellt. Damit bewegt sich das Jahr 2018 in der Grössenordnung des Vorjahrs. Das Betreibungsamt Mittleres Tösstal, zuständig für Wila, Wildberg, Saland, Bauma und Sternenberg, zählt bislang 2084.

Nach Einschätzung von Leiterin Monika Haldemanns dürfte die Zahl des Vorjahrs von 2271 wiederum erreicht werden. Auffallend jedoch, dass die Zahl der Steuerbetreibungen abgenommen haben, die ansonsten einen Drittel ausmachen. Allenfalls wirke sich hier aus, dass die Gemeinden Abmachungen für Abzahlungen treffen konnten.

Schuldenberge wachsen

Meist stecken die Zahlungsunfähigen bis über beide Ohren in den Schulden. Jeder Fall wird individuell aufs Existenzminimum berechnet. «Wir machen fast keine Sachpfändungen mehr», sagt Haldemann. Fernseher stellen kaum noch einen hohen Gegenwert dar, «niemand ersteigert so ein Gerät noch». Die Pfändung des Autos wird durch Leasingverträge erschwert. Nach Auskunft des kantonalen Amts lassen sich Fahrzeuge ab einem Wert von 1500 Franken verwerten.

Gemäss Bohle könne der Wagen durchaus auch eingezogen werden, wenn eine Bahnverbindung für den Arbeitsweg ausreicht. Haldemann hält Grundstückpfändungen für zielführend. Mietzinseinnahmen werden beim Besitzer einer Immobilie eingezogen, und wird das Objekt einmal verkauft, «dann haben wir den Finger drauf, damit der Gläubiger noch zu seinem Geld kommt».

Gläubiger tragen die Verluste

Dennoch: im Mittleren Tösstal werden mehr Verlustscheine als früher ausgestellt (bislang in diesem Jahr: 330), wenn weder Lohn- noch Sachpfändung möglich ist. Dabei handelt es sich in der Regel um Sozialhilfebezüger oder IV-Rentner. Die Zahl der Pfändungen, die von Gläubigern verlangt wurden, hält sich mit dem Vorjahr die Waage. Die grössten Gläubiger sind die Steuerämter und Krankenkassen. Es seien meist dieselben langjährigen Schuldner, die nicht aus der Schuldenspirale herausfinden, stellt man im Mittleren Tösstal fest.

Auch auf den Sparkonten, auf die das Betreibungsamt Zugriff nimmt, ist kaum etwas zu holen. Entweder sind die Guthaben längst aufgebraucht «oder es wurde kaum je etwas eingezahlt», so Bohle. Haldemann hat dasselbe Problem: «Viel ist da nicht zu sehen.» Obwohl Sparkonten bestehen, wurden nur ein paar Franken stehen gelassen, damit das Konto nicht aufgelöst wird.

Zahlungsmoral nimmt ab

Schamgefühl und Zahlungsmoral sinken – der finanzielle Schlendrian liegt im Trend. Auch Firmen lassen nachweislich ihre Rechnungen länger liegen als früher. Die Verschuldung zieht sich in Zell-Turbenthal durch alle Altersgruppen: «Wir stellen vermehrt fest, dass die Jugendlichen in die Schuldenfalle geraten, weil sie vieles auf Abzahlung kaufen. Gleich beim ersten Lohn wird über den Verhältnissen gelebt, bis dann Ende Jahr die hohe Steuerrechnung scheinbar überraschend eintrifft. Darum betreiben wir die Schuldenprävention schon in den Schulen.»

«Wir stellen fest, dass Jugendliche in die Schuldenfalle geraten.»

Matthias Bohle, Leiter Betreibungsamt Zell-Turbenthal

Schulden leicht gemacht

Haldemann sucht den Grund für die Verschuldung von jüngeren Personen im Gesellschaftswandel. Die Werbung preist Artikel mit «Kauf heute, zahl morgen» an. Auch der Leasinggedanke, aus dem angelsächsischen Raum kommend und nun in hiesigen Breitengraden verbreitet, hat seine Spuren hinterlassen. «Das Auto geleast, dann noch ein Kleinkredit - und irgendwann geht’s nicht mehr auf», muss Haldemann immer wieder feststellen. «An Kreditkarten zu kommen, ist nicht schwer. Es ist heute zu einfach, Schulden zu machen.»

Durchsetzung mit der Polizei

Es kann vorkommen, dass die Beamten von Zell-Turbenthal bis zu drei oder vier Mal mit dem Zahlungsbefehl beim Schuldner vorbeigehen. «Wir kennen die meisten Schuldner, wissen, zu welcher Tageszeit wir sie am ehesten erreichen. Wir sind hartnäckig genug, um zu warten, bis uns aufgemacht wird, darum übergeben wir Fälle eher selten der Polizei.»

«Es ist heute zu einfach, Schulden zu machen.»

Monika Haldemann, Leiterin Betreibungsamt Mittleres Tösstal

Im Mittleren Tösstal wird beim zweiten Anschreiben darauf hingewiesen, dass bei Nichtabholung die Polizei den Zahlungsbefehl zustellt. «Meist klappt es dann», sagt Haldemann. Die Polizei müsse «weniger häufig als auch schon» eingeschaltet werden. Im laufenden Jahr waren im Mittleren Tösstal 35 Polizeieinsätze. Ihre notorischen Verweigerer kennt sie.

Auch gebe es Leute, die im Büro ausrasten. Dank Sicherheitsglas kam es noch nie zu Tätlichkeiten. «Die meisten wissen genau, wie weit sie bei einer Diffamierung gehen dürfen, ohne dass es eine Anzeige setzt.» Und Bohle: «Wenn vorauszusehen ist, dass ein Fall gefährlich werden kann, sind unsere Beamten zu Zweit oder es wird die Polizei aufgeboten.

Eine Beschimpfung oder mal ein Fluchwort gehört bei unserem Job dazu. Nulltoleranz gibt es bei Drohungen – diese zeigen wir konsequent an.» Die Amtsleiterin hat durchaus Verständnis dafür, wenn jemandem die Situation über den Kopf wächst und er sich mit Worten Luft machen muss. Doch musste sie auch schon die Warnung aussprechen: «Passen Sie auf, was Sie sagen, sonst rufe ich die Polizei.» (Roland Schäfli)

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