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«Man sollte sich auf das intuitive Gefühl stützen»

Winterthur Fachpsychologin zu Angst im Dunkeln

«Man sollte sich auf das intuitive Gefühl stützen»

Ein nächtlicher Heimweg entlang eines dunklen Feldwegs löst bei vielen ein unbehagliches Gefühl aus. Unser Verhalten in solchen Situationen wird gemäss der Winterthurer Fachpsychologin Katharina Ruth Witschi bereits in der Kindheit geprägt.

Tanja
Altenburger
Dienstag, 27. November 2018, 07:26 Uhr Winterthur Fachpsychologin zu Angst im Dunkeln

Nachts alleine unterwegs zu sein, sorgt insbesondere bei Frauen oftmals für Unbehagen. In einer Umfrage vom «Stadi»  (siehe Ausgabe vom 18. Oktober) haben die meisten Befragten angegeben, sich in bestimmten Stadtteilen jeweils unwohl zu fühlen. Die Winterthurer Fachpsychologin Katharina Ruth Witschi erklärt, was man dagegen tun kann.

Wir haben im «Stadi» kürzlich eine Umfrage zu Angst im Dunkeln gemacht. Die meisten Frauen gaben an, sich nachts unwohl zu fühlen, wenn sie alleine unterwegs sind. Woran liegt das aus psychologischer Sicht?

Katharina Ruth Witschi: Bei dieser Frage können wir auf die Menschheitsgeschichte zurückgehen. Das Dunkle ist das Unbekannte und das ist uns nicht ganz geheuer. Menschen haben gerne die Kontrolle. In der Dunkelheit haben wir das Gefühl, diese nicht zu haben.

Ist diese Angst also auf unsere Biologie zurückzuführen?

Ein Stück weit. Wir sind nicht auf ein Leben in der Nacht ausgerichtet. Das merken wir vor allem dadurch, dass wir nicht gut sehen. In die Dunkelheit projizieren wir gerne unsere Fantasie hinein. Je nachdem wie lebhaft diese ist und mit was wir im Laufe unseres Lebens gefüttert werden, wirkt sich das auf unsere Reaktion aus. Genährt wird das durch Geschichten aus den Medien, Filmen oder Kindermärchen.

«Angst kann man in den Griff bekommen.»

Dann wird dieses Verhalten schon in der Kindheit beeinflusst?

Ich würde sagen ja. Es gibt viele unterschiedliche Wege, wie Eltern oder Lehrer beispielsweise den Wald oder die Dunkelheit vermitteln können. Ist es etwas Wunderbares, oder etwas Unheimliches? Einige sind auch einfach anfälliger als Andere.

Woran liegt das?

Ängste sind abhängig von der Persönlichkeit, der Stabilität, der Erziehung oder der Veranlagung eines Menschen. Ich kann mir zudem vorstellen, dass Jüngere möglicherweise etwas anfälliger sind als Ältere, die schon mehr Lebenserfahrung mitbringen. Sie sind vielleicht schon öfters an so einem Ort vorbei gegangen, ohne dass etwas passiert ist.

«Das Dunkle ist das Unbekannte und das ist uns nicht ganz geheuer.»

Wie zeigt sich das, wenn eine Person Angst bekommt?

Da gibt es verschiedene Reaktionen. Meist fängt es mit etwas Unwohlsein an. Man dreht sich beispielsweise um und sieht nach, ob da jemand hinter einem ist. Es gibt Personen, die beginnen zu zittern. Bei anderen wird der Puls höher und es findet eine Stressreaktion statt, damit man wach ist. Dadurch könnte man im Ernstfall entweder flüchten oder kämpfen. Wenn man aber das Gefühl hat, man bekommt jeden Moment einen Herzinfarkt, ist das etwas anderes. Das ist kein Unbehagen mehr sondern grenzt an eine Panikattacke. Zu diesem Thema kommt mir eine junge Frau in den Sinn, die immer ein Küchenmesser im Sack hatte, um sich sicherer zu fühlen.

Kann man sich so starke Ängste abtrainieren?

Angst kann man in den Griff bekommen, damit sie uns nicht völlig einwickelt. Wir können uns das wie eine grosse schwarze Pelerine vorstellen, die uns umhüllt. Wir wollen sie aber zusammengerollt unter dem Arm mittragen können.

«Wir haben nicht ohne Grund ein Bauchgefühl.»

Wie kann das konkret umgesetzt werden?

Es ist schwierig, das zu verallgemeinern. Wenn jemand mit Ängsten zu mir kommt, arbeiten wir individuell etwas Spezifisches für diese Person aus, das vielleicht für jemand anderes nicht funktioniert. Wir überlegen uns zum Beispiel, was in dieser Situation Mut oder Kraft geben würde. Für einige ist das symbolisch ein Krafttier, das sie sich vorstellen können. Das kann ein Löwe, ein grosser Hund oder ein Schutzengel sein, der über einen wacht. Der Angstfantasie wird also eine schützende Fantasie entgegengesetzt. 

Im konkreten Fall bei der Angst, in der Nacht überfallen und angegriffen zu werden, sollte man auch vernünftig sein und sich nicht leichtsinnig an potenziell gefährliche Orte begeben.

Könnte man also sagen, es kann in solchen Situationen helfen, sich auf seine Instinkte zu verlassen?

Man sollte sich unbedingt auf das intuitive Gefühl stützen und nicht denken, «jetzt stell dich nicht so an». Wenn man spürt, dass man irgendwo lieber nicht durchgehen möchte, ist es ratsam, darauf zu hören. Wir haben nicht ohne Grund ein Bauchgefühl.

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