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Ju-52-Absturz: Jetzt soll die Bevölkerung helfen

Aufruf der Sust

Ju-52-Absturz: Jetzt soll die Bevölkerung helfen

Im Zwischenbericht zum Absturz einer Ju-52-Machine richtet sich die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle Sust an die Bevölkerung. Ihre Mitwirkung könnte Hinweise auf allfällige Regelverstösse der Ju-Air geben.

Jennifer
Furer
Donnerstag, 22. November 2018, 07:00 Uhr Aufruf der Sust

Die Untersuchung des Wracks der abgestürzten Ju-Air hat schwerwiegende Strukturschäden in Form von Rissen und Korrosionsschäden ergeben. Dies schreibt das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) in einer Medienmitteilung im Zusammenhang mit dem Zwischenbericht der Sust zum Flugzeugabsturz einer Ju-52 am 4. August in Graubünden mit 20 Toten. Die Schäden hätten nicht zum Absturz geführt, bringen aber ein vorübergehendes Grounding der beiden verbleibenden in Dübendorf stationierten Ju-Air-Flieger mit sich (wir berichteten). Laut Zwischenbericht liegen der Sust keine Anhaltspunkte für technische Mängel vor, die zum Absturz geführt hätten. Offenbar konzentriert sich die Untersuchungsbehörde aber nicht nur auf technische Aspekte. Wie aus dem Zwischenbericht hervorgeht, bezieht sie auch die Bevölkerung in die Untersuchung ein.

«Beobachtungen, Fotos und Videos, die der Sust in den letzten Wochen durch Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung gestellt wurden, trugen wesentlich zur Untersuchung und zum bisherigen Kenntnisstand bei», heisst es. Eine derartige Unterstützung der Bevölkerung zu Gunsten einer Behörde sei nicht selbstverständlich. Nun wendet sich die Sust im Zwischenbericht nochmals an die Leute und bittet um weitere Mithilfe.

«Risikoreicher» Flugstil?

Konkret wird um die Einsendung von Fotos und Filmaufnahmen der Ju-52 HB-HOT, die am Absturztag aufgenommen wurden, gebeten. Aber nicht nur das: Auch Fotos und Videos, die in den Jahren 2016 bis 2018 von Flügen einer «Tante Ju» mit einem Smartphone oder mit einer Kamera mit GPS-Sensor aufgenommen wurden, sollen der Sust geschickt werden. Zudem bittet die Untersuchungsbehörde um GPS-Tracks, die in diesem Zeitrum während eines Ju-52-Fluges aufgezeichnet wurden. Was für Schlüsse will die Sust aus diesen Daten ziehen?

«Unsere Crew besteht ausschliesslich aus erfahrenen Piloten, die keine Risiken eingehen.»

Ju-Air-Sprecher Christian Gartmann

Besonders brisant ist diese Frage, weil nach dem Absturz Stimmen laut wurden, die den Flugstil der Ju-Air als «risikoreich» bezeichneten. Auch auf dem ILS Flightforum, der grössten Aviatik-Plattform der Schweiz, vermuteten einige, dass die Ju-Air den Passagieren ein Spektakel bieten wolle, weshalb die Maschinen oft nahe an Berggipfel und Felswände fliegen. Manche der User posteten Youtube-Videos, auf welchen angeblich derartige Manöver zu sehen sind.

Busse vom Bazl

Urs Holderegger, Kommunikationsleiter des Bundesamts für Zivilluftfahrt (Bazl), sagte damals, dass Themen wie die Einhaltung der Mindestflughöhe schon mehrfach mit den Ju-Air-Verantwortlichen diskutiert worden seien. Und: Die Fluggesellschaft sei auch schon wegen Nichteinhaltung der Mindestflughöhe gebüsst worden.

«Es könnte sein, dass sie objektive Fakten mit subjektiven Zeugenaussagen abgleichen will.»

Aviatik-Experte Sepp Moser

Ju-Air-Sprecher Christian Gartmann wies den Vorwurf der «Firmenkultur mit einer riskanten Fliegerei» entschieden zurück. «Unsere Crew besteht ausschliesslich aus erfahrenen Piloten, die keine Risiken eingehen und auch nicht ihre Lizenz riskieren würden», sagte er. Auf Youtube-Videos sähen Manöver oft spektakulärer aus, als sie in Wirklichkeit seien.

«Objektive Fakten» sammeln

Sepp Moser, Aviatik-Experte und während vieler Jahre selbst Rundflugpilot, kann sich vorstellen, dass die Sust diese Vorwürfe des risikoreichen Flugstils der Ju-Air nun nochmals und auch im Zusammenhang mit dem Absturz überprüfen möchte. «Es könnte sein, dass sie objektive Fakten mit subjektiven Zeugenaussagen abgleichen will.»

«Fakten wie GPS-Tracker belegen objektiv, wie es wirklich war und diese objektiven Daten sammelt die Sust nun.»

Aviatik-Experte Sepp Moser

Es sei für Laien immer sehr schwer einschätzbar, wie nahe ein Flugzeug tatsächlich an einem Objekt vorbeifliege. «Meistens denken sie, es ist sehr nahe, dabei ist es noch weit entfernt. Diese Erfahrung habe ich in meiner Flugkarriere selbst auch schon gemacht», so Moser. «Aber Fakten wie GPS-Tracker belegen objektiv, wie es wirklich war und diese objektiven Daten sammelt die Sust nun.»  Auf die Frage, wieso die Sust den Zeitraum auf die Jahre 2016 bis 2018 eingrenzt, kennt Moser keine Antwort. «Es kann schlicht sein, dass die Behörde irgendwo eine Grenze ziehen wollte.» 

«Keine Vorwürfe machen»

Daniel Knecht, Untersuchungsleiter der Sust, bestätigt dies, sagt aber: «Wir nehmen natürlich auch ältere Daten entgegen.» Mit den Videos, Fotos und GPS-Tracks wolle man in erster Linie neben technischen Grundlagen auch betriebliche Grundsätze der Ju-Air unter die Luppe nehmen. «So ergeben sich Vergleichswerte, beispielsweise wenn wir Daten von Passagieren bekommen, die eine ähnliche Route wie die abgestürzte Ju-52-Maschine rund um das Martinsloch flogen.» 

«Uns geht es nicht darum, Vorwürfe zu machen oder Vermutungen anzustellen.» 

Daniel Knecht, Untersuchungsleiter der Sust

Da die verunglückte Oldtimer-Maschine über keinerlei Aufzeichnungsgeräte verfügte, seien Fotos, Videos und GPS-Track für die Aufklärung eines Absturzes «sehr hilfreich», so Knecht. «Uns geht es nicht darum, Vorwürfe zu machen oder Vermutungen anzustellen. Wir wollen mit sachlichen Daten schauen, was passiert ist.» 

Mobiltelefone von Passagieren

Aviatik-Experte Moser denkt auch, dass Fotos und Videos, die am Absturztag von Passagieren und Besatzungsmitgliedern aufgenommen wurden, zur Aufklärung der Absturzursache beitragen können. Auch Mobiltelefone und einzelne Filmkameras könnten helfen.

Die Sust schreibt in ihrem Zwischenbericht, dass sie an der Unfallstelle eine grössere Anzahl von Mobiltelefonen und einzelne Filmkameras von Passagieren und Besatzungsmitgliedern sicherstellen konnte. Diese Aufzeichnungsgeräte seien beim Unfall teilweise stark beschädigt worden. In der Zwischenzeit konnten dennoch einzelne Datenträger ausgelesen werden. «Die Reparatur- und Auslesearbeiten an der Mehrzahl der sichergestellten Geräte dauern aber weiter an und werden noch geraume Zeit in Anspruch nehmen», so die Sust.

Was zum Absturz der Ju-52 HB-HOT geführt hat, wird wohl im definitiven Abschlussbericht der Sust stehen. Dieser wird nicht vor dem kommenden Spätsommer erwartet. 

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