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Widerstand gegen Landesstreik-Rede in Uster

Blocher, Böller, Brandreden

Während alt Bundesrat Christoph Blocher im Stadthofsaal eine Rede zum Landesstreik 1918 hielt, demonstrierten nur wenige hundert Meter davon entfernt rund 300 Demonstrierende. Die Stimmung war aufgeheizt.

Redaktion
Züriost
Dienstag, 13. November 2018, 22:20 Uhr Widerstand gegen Landesstreik-Rede in Uster

Zwei Welten trafen am Dienstagabend in Uster aufeinander: Im Stadthofsaal sprach SVP-Übervater Christoph Blocher vor 600 Zuhörern über seine Interpretation des Landesstreiks vor genau hundert Jahren. Dies, nachdem die Grenadiermusik aufgespielt und das Publikum den Schweizerpsalm gesungen hatte. Auf den Strassen rund um den Saal demonstrierten mehrere hundert Menschen gegen die Rede des SVP-Politikers und für eine solidarische Schweiz. Sie sangen: «Aufruhr, Widerstand, es gibt kein ruhiges Hinterland.»

Hier gibt es den Live-Ticker zum Nachlesen > > >

Eine Stunde vor dem Auftritt von Blocher im Ustermer Stadthofsaal hatten sich am Bahnhof geschätzte dreihundert Demonstrierende versammelt. Auf Social Media nennt sich die anonyme Gruppierung «Büezer_inne vo hüt gäge Rächti vo gester». Sie kündigte im Vorfeld an, Christoph Blocher zeigen zu wollen, dass sie ihm «weder die Geschichte noch Uster» überlasse.

Grosses Polizeiaufgebot

Andreas Baumgartner, Kommandant der Stadtpolizei Uster, sagte im Vorfeld der Veranstaltung, dass man auf die Demonstration vorbereitet sei. In solchen Situationen arbeite man eng mit der Kantonspolizei Zürich zusammen. Diese Zusammenarbeit war in der Ustermer Innenstadt schon am frühen Abend deutlich sichtbar: Rund um den Bahnhof hatten sich dutzende Stadtpolizisten postiert und in den Strassen, die vom Bahnhof zum Stadthofsaal führen, waren Kastenwagen der Kantonspolizei mit voll ausgerüsteten Beamten postiert.

«Ich finde es schade, dass am Anfang der Demonstration nicht dazu aufgerufen wurde, auf Gewalt zu verzichten»

Demonstrantin

Vor dem Ustermer Bahnhof versammelte sich eine gemischte Gruppe: Nur wenige Teilnehmende – vor allem jene, die sich zuvorderst hinter Transparenten aufstellten – waren vermummt und zündeten Böller. Was von anderen Teilnehmenden bedauert wurde. «Ich finde es schade», sagte eine Demonstrantin, «dass am Anfang der Demonstration nicht dazu aufgerufen wurde, auf Gewalt zu verzichten».

Eine andere Frau aus Uster kam mit ihrem Baby. Sie sagte: «Ich bin nicht nur hier, um gegen Blocher zu demonstrieren. Ich will generell gegen den Rechtsrutsch in ganz Europa protestieren.» Ähnlich tönte es auch bei anderen Teilnehmenden. Wie Blocher die Geschichte des Landesstreiks von 1918 erzähle, sei tendenziös, sagte eine Ustermerin, als sich der Demonstrationszug in Bewegung Richtung Stadthofsaal setze: «Hier tut ein Milliardär so, als würde er Politik fürs Volk machen.»

Kleinere Scharmützel

Der Demonstrationszug zog am Stadthaus vorbei durch Quartierstrassen und in die Nähe des Stadthofsaals, wo Christoph Blocher eine Rede mit dem Titel «100 Jahre Generalstreik – ein Dank an Bevölkerung, Behörden und Soldaten» hielt (wir berichteten). Dann versuchte die Demo zur Veranstaltung zu gelangen. Die Polizei in Vollmontur und mit Gummischrot-Gewehren konnte den Marsch aber zurückdrängen. Es kam zu keinen Zusammenstössen, jedoch zu verbalen Anfeindungen. Zudem wurden Pressevertreter von einem vermummten Teilnehmer aus der vordersten Reihe der Demo angegriffen. Einer Fotografin schlug er die Kamera aus der Hand.

Radikale Kräfte um Grimm hätten den sozialen Umsturz gewollt und Behörden und Armee hätten einen Bürgerkrieg verhindert, so Blocher.

Während sich draussen diese Szenen abspielten, hielt Blocher unbehelligt seine Rede und zeigte Schwarzweiss-Bilder von Schäden aus dem Ersten Weltkrieg, von Lenin und von Robert Grimm, dem Anführer des Oltener Aktionskomitees, das den Landesstreik 1918 organisiert hatte. Radikale Kräfte um Grimm hätten den sozialen Umsturz gewollt und Behörden und Armee hätten einen Bürgerkrieg verhindert, so Blocher.

Einzelne Sachbeschädigungen

Auch die Demonstrierenden legten in Uster – verstärkt durch mobile Lautsprecher – ihre Sicht auf den Landesstreik dar: Der Streik von rund 250‘000 Arbeitern habe etwa der 48-Stunden-Arbeitswoche, dem Frauenstimmrecht und der AHV den Weg geebnet.

Nach eineinhalb Stunden kehrte der Marsch zurück zum Ausgangspunkt am Bahnhof Uster. Auf dem Weg kam es zu vereinzelten Sachbeschädigungen: Strassenschilder wurden aus der Halterung gerissen und Aufkleber an Laternen angebracht. Die Demonstrierenden verabschiedeten sich mit den Worten: «Möge Blochers Albtraum wahr werden: Hoch die soziale Revolution. Wir waren eine starke Demo!»
Laura Cassani, Jennifer Furer, Benjamin Rothschild

Erinnerung an den Landesstreik

Christoph Blochers Rede im Ustermer Stadthofsaal hatte den Schweizer Landesstreik zum Inhalt, der sich in diesen Tagen zum hundertsten Mal jährt. Vom 12. Bis 14. November 1918 legten schweizweit 250‘000 Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Arbeit nieder und forderten unter anderem eine 48-Stunden-Woche, das Frauenstimmrecht, die Errichtung von AHV und IV sowie ein Proporzwahlsystem für den Nationalrat. Der Streik wurde heute vor hundert Jahren ergebnislos abgebrochen, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Dennoch betonen Historiker und vor allem linke Politiker die sozialpolitischen Errungenschaften, denen der Landesstreik den Weg geebnet habe. Rechte Politiker betonen die Leistung von Militär und Behörden, die durch ihr entschiedenes Durchgreifen einen Bürgerkrieg und damit die Katastrophe verhindert hätten.

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