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...Illnau-Effretikons Stadträte?

Was lesen eigentlich...

...Illnau-Effretikons Stadträte?

Was lesen Stadträte in ihrer Freizeit? Diese Frage beantworteten die Illnau-Effretiker Stadträte am Samstag in der Bibliothek Effretikon. Dabei wurde es auch mal etwas persönlicher.

Mirja
Keller
Samstag, 10. November 2018, 14:56 Uhr Was lesen eigentlich...
Stellten ihre Lieblingsbücher vor: Die Stadträte in der Bibliothek Effretikon.
André Gutzwiller

Selten befanden sich in einer Bibliothek Thriller, Krimi, Kinderbücher und literarische Klassiker so nahe beieinander, wie an diesem Samstag in Effretikon: Sechs der sieben Stadträte traten an, um ihre Lieblingsbücher vorzustellen. An der Veranstaltung nicht Teil nahm Stadtrat Samuel Wüst (SP).

Was als Lesung angekündigt war, entwickelte sich unter der Moderation des Journalisten Urs Heinz Aerni zu einer heiteren und bisweilen zeitkritischen Diskussionsrunde. Dass aus den Büchern nicht vorgelesen wurde, schien die wenigsten der rund vierzig Interessierten gestört zu haben. Stattdessen quittierte das Publikum das angeregte Gespräch des Halbrunds vor ihnen mit zustimmendem Raunen und viel Gelächter.

Elena Ferrante und Neapel

Den Anfang machte Stadtpräsident Ueli Müller (SP), der sich für Elena Ferrantes «Meine geniale Freundin» entschieden hatte. Der Roman ist Teil einer neapolitanischen Saga, die insgesamt vier Bücher umfasst: «Ich habe alle Bände gelesen», so Müller, der den Schreibstil der deutschen Übersetzung lobend hervorhob. Besonders vom weiblichen Publikum erntete der Stadtpräsident dafür anerkennendes Nicken.

«Auch ich lasse mir von Obrigkeiten nicht alles sagen.»
Erika Klossner-Locher (FDP)

Die Frage des Moderators, ob er Parallelen zwischen der politischen Situation Neapels und Effretikons ausmachen konnte, verneinte Müller grundsätzlich: Zu verschieden seien wohl die Lebensrealitäten und Voraussetzungen, als dass sich ein Vergleich anbieten würde.

Erik Schmausser (v.l.), Salome Wyss, Ueli Müller, Erika Klossner-Locher, Marco Nuzzi, Philipp Wespi u. Moderator Urs Heinz Aerni

Roboter auf der Kyburg

Mehr Lokalbezug konnte dafür Erik Schmausser (GLP) herstellen. Das ausgewählte Buch – eine Kindergeschichte – spielt in Kyburg. «Ich habe es als Kind gelesen und heute lese ich es meinen Kindern vor», so der Tiefbauvorstand. «Tumult auf der Kyburg» von Heiner Gross erzählt die Geschichte eines Zauberers, der die Kyburg mit seinen Erfindungen, darunter auch Robotern, bevölkert. Die Aktualität sei damit immer noch gegeben, befand Urs Heinz Aerni. Dies, obwohl das Kinderbuch aus den 60er Jahren stamme.

Noch weiter in der Literaturgeschichte zurück griff jedoch Finanzvorstand Philipp Wespi (FDP): Er präsentierte mit Theodor Fontanes «Effi Briest» einen literarischen Klassiker dramatischen Ausmasses. Die 17-jährige Protagonistin beschrieb er als mutige und ehrliche Frau, die es wagt aus den Zwängen der Gesellschaft auszubrechen.

Gesellschaftliche Fragen

Wie sehr sich die Stadträte in ihren Büchern immer wieder mit gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzten, zeigte Moderator Urs Heinz Aerni in seinen Kurzanalysen der Werke auf. Auch Erika Klossner-Locher (FDP) präsentierte mit ihrem Kriminalroman «Gommer Sommer» von Kaspar Wolfensberger eine Romanfigur, die sich gegen soziale Konformität wehrt.

Die Anschlussfrage, inwiefern sich jene Figur auf sie selber umdeuten lasse, wusste die Schulpräsidentin ohne Umschweife zu beantworten: «Auch ich lasse mir von Obrigkeiten nicht alles sagen.»

Impressionen von den Buchgesprächen: Marco Nuzzi spricht über das Buch "Der grosse Kater" von Thomas Hürlimann. (Video: kel)

Von Machtpolitik und Karrieredenken

Den Bogen zur Politik schlug Stadtrat Marco Nuzzi (FDP) mit dem Roman «Der grosse Kater» von Thomas Hürlimann. Der Politroman geht unter anderem auf die Karriere von Hürlimanns Vater als Bundespräsident ein. Urs Heinz Aerni sprach von «Machtspielen» und «Karrieredenken», die das Buch stark zum Thema mache. Von Nuzzi wollte er wissen, ob es Momente gebe, in denen ihm die Politik auch mal zu viel werde. «In der Lokalpolitik ist man ehrlicher im Umgang miteinander. Man kennt sich», entgegnet der Hochbauvorstand.

«Dass es immer wieder zu übersteigerten Darstellungen von Sachverhalten kommt, macht mir Sorgen.»
Erik Schmausser (GLP)

Philipp Wespi widersprach: «Es ziehen auch im Lokalen nicht alle am selben Strick, wie man jetzt auch wieder bei der Abstimmung zum Richtplan sehen kann.» Es werde mit harten Bandagen gekämpft. Gewisse Argumente, die vorgebracht werden, seien schlicht überspitzt und hätten mit der Wahrheit nicht mehr viel zu tun.

Eine Tendenz, die auch Erik Schmausser beschäftigt: «Das ist nicht der erste Abstimmungskampf in diesem Stil, den ich erlebe. Dass es immer wieder zu übersteigerten Darstellungen von Sachverhalten kommt, macht mir Sorgen», so der Stadtrat.

Lieber Papier

Zeitkritisch blieben die Stadträte auch in ihrer Diskussion um Salome Wyss‘ Thriller von Erfolgsautor Dan Brown. Dieser reflektiert in «Origin» über die zunehmende Vereinnahmung des Menschen durch die Technik und veranlasste die literarische Runde zu einem angeregten Austausch über die Digitalisierung: Ob sich etwa das Leseverhalten ändert, wenn man am Bildschirm liest und wer der Stadträte überhaupt einen E-Reader benutzen würde. Salome Wyss (SP) auf jeden Fall nicht: «Ich lese lieber alles auf Papier. Auch Parlaments-Akten.»

Moderator Aerni zeigte sich darum bemüht, dass es den Stadträten auch in Zukunft nicht an Lesestoff mangelt. Zum Ende der Veranstaltung beschenkte er jeden mit einem passenden Buch, basierend auf dessen Lektürewahl. Bibliothekarin Rita Vetter bedankte sich mit einem Glas Honig: «Zu guter Lektüre gehört etwas Süsses.»

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