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In nur zwei Jahren vom Mörder zum König

Rütner in Theaterhauptrolle als King Georg VI.

In nur zwei Jahren vom Mörder zum König

Für seine neue Rolle in «The King‘s Speech» musste der Rütner Vincenzo Lanciano lernen zu stottern und sich so richtig zu verkrampfen auf der Bühne. Also all das, was man als Schauspieler eigentlich nicht tun sollte.

Dario
Aeberli
Sonntag, 28. Oktober 2018, 14:00 Uhr Rütner in Theaterhauptrolle als King Georg VI.
Für seine Rolle als englischer Royal hat sich Schauspieler Vincenzo Lanciano die Gestik und Haltung von Adligen angeeignet.
PD

Man stelle sich vor: Ein grössenwahnsinniger Diktator erklärt ihrem Land und der ganzen restlichen Welt den Krieg, die Bevölkerung ist verunsichert, die Wunden vom letzten grossen Krieg noch nicht verheilt und nun soll man vor einem Milliardenpublikum einer Rede halten, die Mut und Zuversicht stiften soll. Selbst wenn man König des British Empires ist, kann einem der Druck den Hals zuschnüren - erst recht, wenn man selbst stark stottert und unter Lampenfieber leidet. Genau diese Aufgabe wurde King Georg VI. beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu teil. Eine wahre Geschichte, deren Verfilmung einen Oscar gewann, und nun am Freitag in einer Woche im Schwertsaal in Wald als Theater aufgeführt wird. In der Hauptrolle: der Rütner Schauspieler Vincenzo Lanciano.

Sprachcoach auf Abwegen
Lanciano ist seit 25 Jahren Schauspieler. Sein Bühnendeutsch ist raumfüllend, klar und akzentfrei - doch für seine neueste Rolle musste er all das vergessen. Er hat sich dafür Hilfe beim Sprachtherapeuten Alfred Beyeler geholt, der ihm beibrachte, wie man richtig stottert. «Eigentlich verrückt, normalerweise muss er in seinem Job ja genau das Gegenteil machen», sagt Lanciano. Bei seinem Stotter-Coach lernte er, dass Leute mit eingeschränktem Redefluss Mühe mit bestimmten Silben wie «GE» oder «BE» hätten. «Sie bleiben an diesen Stellen hängen und müssen die Buchstaben richtig rauspressen», sagt Lanciano.

 

«Da spürt und sieht man die Anspannung des Königs.»

Vincenzo Lanciano, Schauspieler

Für ihn sei es sehr anspruchsvoll gewesen, das richtige Mass zu finden, um authentisch zu stottern. Am Anfang habe er eher etwas übertrieben. Mit dem Regisseur Christian Kraut und seinem Sprech-Coach hätten sie dann versucht den richtigen Rhythmus zu finden. Je nach Szene musste sich Lanciano zudem unterschiedlich starkes Stottern angewöhnen. «King Georg suchte sich in der Geschichte ja auch einen Sprechtrainer um sich auf seine grosse Rede vorzubereiten und sich zu verbessern», sagt Lanciano.

Vincenzo Lanciano als stotternder King Georg.
Vincenzo Lanciano als stotternder King Georg.

King Georg hätte auch nicht immer so gesprochen. Wenn er wütend war oder mit seiner Frau redete, konnte er fliessend sprechen. Vor allem in Paniksituationen und Gesprächen mit seinem Vater verschlug es ihm die Sprache. Um sich zu merken, wann er wie stark stottern sollte, arbeitete Lanciano mit Leuchtstiften. Jede Farbe repräsentierte dabei, wie abgehackt sein Redefluss sein sollte.  «Dabei half mir natürlich, dass ich ein fotografisches Gedächtnis habe und mir Textstellen so gut einprägen kann», sagt der 51-jährige Schauspieler.

Zusätzlich begann er sich beim Sprechen bewusst zu verkrampfen, die Schultern hochzuziehen und die einzelnen Wörter aus dem Hals raus zu würgen. «Also genau das, was ein Schauspieler eigentlich nicht tun sollte», sagt Lanciano. Angst, dass er sich diese Verkrampftheit angewöhne, habe er allerdings nicht. Wenn eine Aufführung beendet sei, gehe er kurz an die Bar, trinke ein Bier und sei wieder ganz er selbst. «Das ist bei mir mittlerweile wie bei einem Computerprogramm. Wenn ich fertig gespielt habe, drücke ich auf das rote Kreuz oben rechts und alles ist abgeschlossen», so der Rütner Schauspieler.

Es «mänscheled» auf der Bühne
Inspiration aus der Verfilmung von «The King’s Speech» mit dem Schauspieler Colin Firth durfte sich Lanciano keine holen. Er bekam vom Regisseur Kraut ein striktes Film-Verbot und sollte sich seine eigene Version von König Georg, dem Vater der aktuellen Königen Elizabeth II., erarbeiten. Der Rütner legte dabei vor allem Wert auf royale Haltung und Gepflogenheiten. «Adelige haben eine ganz anderes Auftreten als das Fussvolk. Auch für das Essen mit Messer und Gabel und wie sie am Tischsitzen haben sie bestimmte Regeln», erzählt Lanciano. Das zu imitieren habe im grossen Spass gemacht. Bei seiner letzten Rolle spielte er noch einen Mörder aus der Schweiz. «So schnell geht es im Theater. In zwei Jahren vom Mörder zum Royal», sagt der Schauspieler.
 

Volle Konzentration bei der wichtigen Ansprache, die King Georg VI. beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gehalten hat.

Bei seinen drei Auftritten im Zürcher Oberland, am 9. November in Wald und am 16. und 17. November in Wetzikon, möchte Lanciano mit Emotionen punkten. «Der Vorteil des Theaters gegenüber dem Film ist ja, dass da echte Menschen vor einem stehen. Wenn die dann wenige Meter von dir entfernt fluchen und toben, hat das eine ganz andere Wirkung, als im Kino, es ´mänscheled´ eben», sagt der Schauspieler. Die Ansprache King Georgs an sein Volk könne das Live-Publikum im Theater intensiver miterleben. «Da spürt und sieht man die Anspannung des Königs», sagt Lanciano.

Profi- und Laienschauspieler
Die Mitschauspieler in der Aufführung des Theaterensembles Purpurrot bestehen hauptsächlich aus Amateurschauspielern, die zwar alle schon viel Bühnenerfahrung hätten, aber nicht hauptberuflich Theater spielten. «Dadurch gingen die Proben etwas länger», sagt Lanciano. Bei Aufführungen mit professionellen  Schauspielern, dauere die Vorbereitung zwischen zwei und drei Monaten, bei «The King’s Speech» war es fast ein halbes Jahr.

Der Sprachtherapeut des Königs (links) im Gespräch mit Georg dem VI. und seiner Ehefrau.

«Aber das war uns ja schon vorher bewusst», sagt Lanciano. Er hat mit seinen 25 Jahren Bühnenerfahrung schon einiges erlebt. Er ist als Sänger mit einer Coverband unterwegs, tanzte in Musicals mit und trat im Opernhaus auf. «Aber mit dem Alter und meinen Gelenken geht das mit dem Tanzen auf der Bühne nicht mehr so gut, deshalb konzentriere ich mich wieder mehr auf das Theaterspielen.»

Das Theater Purpurrot tritt dreimal im Zürcher Oberland auf. Einmal am 9. November im Schwertsaal in Wald und zweimal am 16. und 17. November in der Wetziker Kulturfabrik.

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