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Xi’An – Vergangenheit trifft Zukunft

Erfahrungsbericht eines Winterthurers

Xi’An – Vergangenheit trifft Zukunft

Der Winterthurer Jonas Demmerle studiert derzeit in der chinesischen Grossstadt Xi'An. Im ersten Teil berichtete er über das dortige Studentendasein (Link unten). Im zweiten Teil folgen nun seine Eindrücke von der 8-Millionen-Stadt selbst.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 11. Oktober 2018, 08:49 Uhr Erfahrungsbericht eines Winterthurers

Der Winterthurer Jonas Demmerle (32) studiert für ein Semester in Zentralchina chinesisch. Seinen Erlebnisbericht über das dortige Studentendasein finden Sie hier mit einem Klick.  Hier geht es um seine Eindrücke über die 8-Millionen-Stadt Xi'An.

Xi’An ist die Haupstadt der zentralchinesischen Provinz Shaanxi und hat in etwa die Einwohnerzahl der Schweiz. Hier werde ich die nächsten Monate leben und mit viel Ungewohntem konfrontiert. Denn in China läuft alles ein bisschen anders.

Der Winterthurer Jonas Demmerle berichtet aus Xi'An in Zentralchina. (Foto: PD.)

Riesige Dimensionen

Nach der Ankunft fallen sofort die breiten Strassen, die Menschenmassen und die Weitläufigkeit der Stadt auf. Der Verkehr ist ausser den vielen Hup-Geräuschen erstaunlich leise, denn die meisten Fahrzeuge sind elektro- oder gasbetrieben. Unzählige Busse, Roller, Fahrräder und Dreirad-Konstruktionen aller Art machen das Leben für Fussgänger nicht einfach. Verkehrsregeln werden kaum eingehalten. Um die Stadt mit dem Fahrrad zu durchqueren, benötigt man ungefähr drei abenteuerliche Stunden.

«Man fühlt sich teils in einen Sciene-Fiction-Film hineinversetzt.»

Das malerische Altstadtzentrum mit etlichen historischen Gebäuden wird von einer Stadtmauer komplett umschlossen. Auch ein muslimisches Viertel ist vorhanden, das chinaweit für seine kulinarischen Leckereien bekannt ist. Ausserhalb der Stadtmauer prägen unzählige Wolkenkratzer und moderne Quartiere das Bild.

Ankunft in der 8-Millionen-Stadt. (Foto: Jonas Demmerle)

Alt trifft neu

Viele Stadtteile wurden eben erst fertiggestellt. Die neuen Gebäude werden in der Nacht derart vielfarbig beleuchtet, dass man sich in einen Sciene-Fiction-Fim hineinversetzt fühlt. Die umliegenden Parks wirken mit den vielen Lichtern, gekünstelten Wasserfontänen und Plastikblumen aber ziemlich klinisch.

Nur ein paar Strassen weiter befindet man sich in den sogenannten Hutongs enge, belebte Strassen mit kleinen Martktständen, alten Mofas und maroden Häusern, die mit Wäscheleinen verbunden sind. So kennt man China von Fotos aus den 80er-Jahren. Doch diese Stadtteile werden stets weniger.

Unaufhaltsamer Wandel

Ganze ältere Viertel werden komplett eingestampft. Was danach aussieht wie ein Kriegsgebiet, glänzt schon wenig später als neues Stadtquartier. Einheimische erzählen, es fliesse momentan viel Geld nach Xi’An, weil Präsident Xi Jinping aus der Shaanxi-Provinz stammt. Vor allem an den Randbezirken wird Tag und Nacht gebaut, teilweise an dutzenden Wolkenkratzern gleichzeitig.

«Als 'Westler' wird man oft bemustert oder dreist heimlich fotografiert.»

Als Westler in China

Auf den stets sehr vollen Gehsteigen der Stadt wird einem als «Westler» oft freundlich zugewunken oder man wird bemustert. Nicht selten wird man auch um gemeinsame Fotos gebeten oder dreist heimlich fotografiert. Denn auf andere Westler trifft man trotz den zahlreichen touristischen Atraktionen rund um Xi’An nicht oft. In den ländlichen Gegenden ausserhalb der Stadt fühlt man sich dann endgültig als Zoo-Objekt. Viele Chinesen sind an Ausländern interessiert und zeigen sich sehr gastfreundlich. Bei gemeinsamen Essen (besonders beliebt: Das üppige und scharfe chinesische Barbecue) wird man oft eingeladen und hat keine Chance die Rechnung zu bezahlen.

In Clubs haben «Weisse» stets Gratiseintritt inklusive Alkohol. Immer wieder werden auch Ausländer für Events gesucht, die einfach präsent sein müssen und dafür verköstigt oder sogar entlöhnt werden. Diese Aufmerksamkeit ist etwas gewöhnungsbedürftig. Einen Job zu finden ist daher nicht allzu schwer, sei es als Sprachlehrer, Model oder internationaler Repräsentant irgendwelcher Anlässe.

Impression aus Xi'An. (Foto: Jonas Demmerle)

Digitale Welt

Das Smartphone nimmt hier einen noch wichtigeren Stellenwert ein als bei uns. Die wichtigste App Chinas heisst «Wechat» und ist ein Programm für alles: Chatten, telefonieren, sich ausweisen, online einkaufen oder Zahlungen des Alltags tätigen sind nur ein paar der Funktionen. ID- und Bankkarten werden direkt mit der App verknüpft. Mit Bargeld wird kaum noch bezahlt. Der Datenschutz hat hier leider keine Relevanz. Erstaunlich wenig Einheimische machen sich darüber Gedanken. Vielleicht kommt es aufgrund der allgegenwärtigen Kameras mit Gesichtserkennungsfunktion auch einfach nicht mehr darauf an.

Beispielsweise bestellt man in modernen Restaurants komplett per Smartphone. Durch Scannen eines QR-Codes am Tisch erscheint das Menü auf dem Handy-Bildschirm und man bezahlt auch gleich. Der Auftrag des Kellners besteht lediglich darin, das Bestellte an den Tisch zu bringen. Es fehlt nur noch, dass einem die Speisen von einem Roboter serviert werden.

«Es fehlt nur noch, dass einem die Speisen von einem Roboter serviert werden.»

Das Leben in Xi’An ist ein Blick in die Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig und repräsentiert eine Gesellschaft im rasanten Wandel, der an jeder Ecke spürbar ist. Es ist aktuell eine spannende Zeit China zu bereisen oder für eine Weile hier zu leben. An touristischen Attraktionen und Jobmöglichkeiten mangelt es nicht. Ohne Flexibilität, Geduld, Toleranz und Humor kommt man aber nicht weit.

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