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«Schweizer Medien könnten mehr für Gehörlose tun»

Winterthurerin findet

«Schweizer Medien könnten mehr für Gehörlose tun»

Am 20. Oktober findet erstmals das Ohrzu-Filmfestival beim Lagerplatz statt. Dabei werden Filme für nicht hörende Menschen gezeigt. Nebst speziell dafür ausgerichteten Medien sehe das Angebot für Gehörlose in der Schweiz jedoch spärlich aus, sagt die Winterthurerin Katja Tissi.

Tanja
Altenburger
Mittwoch, 10. Oktober 2018, 11:08 Uhr Winterthurerin findet

«Schweizer Medien könnten mehr für Gehörlose tun», sagt Katja Tissi. Die Winterthurerin ist selbst gehörlos und sitzt im Vorstand des Vereins Movo, der mittels Kunst und Kultur die Welt von nicht hörenden Menschen mit derjenigen der Hörenden zusammenbringen will. Er stellt dieses Jahr zum ersten Mal das Ohrzu-Filmfestival auf die Beine (siehe Box). Mit dem Verein möchte die 55-Jährige das Medienangebot in der Gesellschaft erweitern.

Filme aus Übersee

«Ich konsumiere allerhand Medien, dennoch gibt es da einige Unterschiede», so Katja Tissi. Oftmals gestaltet sich Schriftsprache als eine Herausforderung für Gehörlose. Sie basiert auf Lautsprache, welche sich von der Gebärdensprache unterscheidet. Diese folgt einer eigenen Grammatik. Das kann zu Verständnisschwierigkeiten von einzelnen Wörtern oder Sätzen führen. «Kleinere Texte beispielsweise von ˓20 Minuten˒ sind für mich oft besser verständlich als sprachlich komplexere Artikel in der ˓NZZ˒.» Fernsehsendungen versteht Katja Tissi nur, wenn sie entweder in Gebärdensprache übersetzt werden oder mit Untertitel versehen sind: «In den letzten Jahren hat sich diesbezüglich einiges getan, auch wenn wir im Vergleich zu den USA oder England noch immer hinterherhinken. »

«Kleinere Texte beispielsweise von ˓20 Minuten˒ sind für mich oft besser verständlich als sprachlich komplexere Artikel in der ˓NZZ˒.»

Kaja Tissi, Vorstandsmitglied beim Verein Movo

Aus diesem Grund sieht sich die Gehörlose gerne Stummfilme oder Filme mit Gebärdensprache aus Übersee an. Auch das Internet biete viele Möglichkeiten, obwohl die Untertitel von Videos dort oft von mangelnder Qualität seien. Ebenfalls mit schriftlicher Sprache ausgestattet ist «Der Club», der jeweils am Dienstagabend vom Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wird. «Die Tagesschau wird sogar in Gebärdensprache übersetzt, die sehe ich mir sehr gerne an.»

Kleines Angebot für Gehörlose

Das «SRF» habe generell aber ein sehr kleines Angebot für Gehörlose. Allgemein sieht Katja Tissi vor allem beim Kinderprogramm deutliches Verbesserungspotenzial: «Bisher gibt es für gehörlose Kinder kaum eine Sendung, die sie anschauen können. Medien sind eine Art der Bildung, zu der sie momentan nur wenig Zugang haben.»

Mit dem Verein Movo sind künftig weitere Projekte geplant, um für Gehörlose das kulturelle Angebot auszubauen: «Übernächstes Jahr möchten wir ein Musical aufführen», erzählt Katja Tissi. Die Idee ist, dass die Gebärdensprache und Bewegungen des ganzen Körpers im Vordergrund stehen. Obwohl visuelle Inhalte überwiegen werden, soll die Vorstellung mit musikalischen Elementen auch für hörende Zuschauer ansprechend sein.

Erstes Ohrzu-Filmfestival in Winterthur

Am Samstag, 20. Oktober, findet im Kino Cameo und im Kraftfeld Winterthur erstmals das Ohrzu-Filmfestival statt. Organisiert wird die Veranstaltung vom Verein Movo, der mit Eigen- und Koproduktionen im Theaterbereich die darstellende Kunst von Gehörlosen fördert und unterstützt. Im kleinen Winterthurer Kino wird unter anderem der Thriller «A Quiet Place» gezeigt, in dem eine Familie nur durch Gebärdensprache in einer Welt überlebt, die von rätselhaften Kreaturen dominiert wird. Zusätzlich werden mehrere Stummfilme vom Elektromusiker Bit-Tuner live vertont und der Abend mit einer Gehörlosendisco gefeiert.

Im Vorfeld fand ein Filmworkshop statt. Einige der dabei entstandenen Kurzfilme werden am Festival diskutiert. Katja Tissi aus dem Movo-Vorstand hat ebenfalls daran teilgenommen. Dabei habe sie viel über Technik gelernt und wie Botschaften für Gehörlose besser vermittelt werden können. Man hat sich überlegt, wie die Filme auch für Hörende einladend wirken: «Wir haben Bilder sprechen lassen und zudem Musik und Geräusche eingebaut, die für Gehörlose in Untertitel fassbar gemacht werden.» Das Festival soll für Augen und Ohren ein Erlebnis sein.

Weitere Informationen finden Sie hier.

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