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«Ich muss auf mein Gehör vertrauen»

Verkehrs-Risiken für Blinde und sehbehinderte Menschen in Winterthur

«Ich muss auf mein Gehör vertrauen»

Janka Reimmann vom Schweizerischen Blindenbund ist seit ihrem achten Lebensjahr sehbehindert. Anlässlich des Internationalen «Tag des weissen Stockes» am 15. Oktober macht die Winterthurerin auf Verkehrs-Risiken in der Eulachstadt aufmerksam.

Tina
Schöni
Mittwoch, 10. Oktober 2018, 15:12 Uhr Verkehrs-Risiken für Blinde und sehbehinderte Menschen in Winterthur

Blinde und sehbehinderte Menschen brauchen im Alltag nicht nur einen ausgebildeten Tastsinn und ein gutes Gehör, sondern auch gute Nerven. Schliesslich müssen sie sich unterwegs auf Strassen vollkommen auf ihre Hilfsmittel und Dritte verlassen können. Die Winterthurerin Janka Reimmann vom Schweizerischen Blindenbund kennt dieses Gefühl. Die 43-Jährige hat seit ihrem achten Lebensjahr bloss noch zwei Prozent ihres Sehvermögens. Mit ihrer Sehbehinderung kann sie höchstens Schatten erkennen.

In Winterthur erlebte sie schon mehrmals brenzlige Situationen. Beim grossen Busbahnhof sieht sie Handlungsbedarf.

Zwei Fast-Konfrontationen

«Leider ist der Busbahnhof mit Pilzdach trotz der Leitlinien eher gefährlich. Die Elektrobusse hört man wegen des Lärms fast nicht heranfahren», sagt sie. In den letzten zwei Wochen habe sie gleich zwei Fast-Konfrontationen erlebt: «Beim Coop City wollte ich die Strasse zur Buskante B überqueren und machte kurz vor dem Ende des Trottoirs bei der Blinden-Markierung Halt. In diesem Moment fuhr ein Stadtbus ganz knapp an mir vorbei. Ich bin richtig erschrocken.»

Glücklicherweise hat der Bus mich nicht gestreift.»

Janka Reimmann, Winterthurerin

Weil der Bus an dieser Stelle eine Kurve macht, lappt der Vorderteil des Gefährts jeweils über das Trottoir hinaus. «Glücklicherweise hat er mich nicht gestreift. Ich kann nämlich kaum frühzeitig ausweichen, weil ich nicht immer bemerke, wenn ein Bus einfährt», so die 43-Jährige.

Ob da Lautsprecherdurchsagen oder Signaltöne – wie es sie bei den Bussen in Bern schon gibt – helfen würden? Bei Stadtbus Winterthur hat man letzteres geprüft, ist aber von der Idee nicht wirklich überzeugt. Kommunikationsleiter Reto Abderhalden sagt: «Wir sind zum Schluss gekommen, dass ein Einsatz eines Signaltons zum Beispiel am Hauptbahnhof zu einer gefährlichen Verwirrung führen könnte, wenn zuweilen mehrere Busse gleichzeitig fahren.» Man verlasse sich daher auf die geschulten Fahrdienstmitarbeitende und deren entsprechende Rücksichtnahme.

Bei Rot über die Strasse

Nebst der Herausforderung Busbahnhof muss Janka Reimmann auch an anderen Strassenabschnitten Risiken eingehen. Gibt es keinen Fussgängerstreifen, muss sie wortwörtlich «blindlings» die Strasse überqueren. Ihren weissen Blindenstock hält sie vorher mit gestrecktem Arm in die Luft. Doch trotz des entsprechenden Zeichens würden viele Fahrzeuglenker nicht anhalten. Der Grund: Sie wissen nicht, was es bedeutet. «Selbst mein Mann kannte das Zeichen bis vor kurzem nicht. Wenn eine sehbehinderte Person ihren Stock in die Höhe hält, macht sie darauf aufmerksam, dass sie die Strasse überqueren will», so die 43-Jährige. Dieser Person ist dann Vortritt zu gewähren.

«Wenn Passanten das Rotlicht ignorieren, laufe ich manchmal versehentlich mit.»

Janka Reimmann, Winterthurerin

Gefährlich wird es für Janka Reimmann auch, wenn Fussgänger bei Rot über die Strasse gehen. «Ich muss in solchen Situationen auf mein Gehör vertrauen und orientiere mich an den anderen Menschen», sagt sie und erklärt sogleich: «Wenn Passanten das Rotlicht ignorieren, laufe ich manchmal versehentlich mit. Wenn ich dann ein Auto heranfahren höre, muss ich blitzschnell reagieren.»

Gute Noten für Buschauffeure

In Sachen Blindenfreundlichkeit vergibt Janka Reimmann der Stadt und den Buschauffeuren grundsätzlich gute Noten: «Die Chauffeure sind sehr freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Man merkt, dass sie geschult werden.» Reto Abderhalden von Stadtbus Winterthur bestätigt regelmässige Schulungen. Vor zwei Jahren habe man in diesem Rahmen den Fahrdienstmitarbeitenden zudem die Bedürfnisse und Sorgen von Blinden und Sehbehinderten aufgezeigt.

Tag des weissen Stockes
«Verkehrssicherheit» ist das Thema, auf das der Schweizerische Blindenbund am Internationalen «Tag des weissen Stockes» am 15. Oktober das Augenmerk richtet. In Winterthur wird es drei Tage zuvor von 14 bis 16 Uhr in der Altstadt an einem Informations- und Aufklärungsstand Thema sein.
Mehr Informationen: www.blind.ch

 

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