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«Als Kind sagte ich mir: ‹Ich gehe nicht in den Rollstuhlsport.›»

Rollstuhlbasketballer in Uster

«Als Kind sagte ich mir: ‹Ich gehe nicht in den Rollstuhlsport.›»

Mit einer Spina Bifida kam Markus Bertschinger zur Welt: Er wird nie richtig gehen können. Jetzt spielt er mit den Ustermer Highland-Bulls Rollstuhlbasketball in der Schweizer Nationalliga – und an einem internationalen Turnier in Volketswil.

Joel
Probst
Sonntag, 30. September 2018, 18:02 Uhr Rollstuhlbasketballer in Uster

Von tausend Kindern ist durchschnittlich eines von Spina Bifida, einer angeborenen Fehlbildung der Wirbelsäule, betroffen. Markus Bertschinger war dieses eine Kind. Er ist deshalb auf einen Rollstuhl angewiesen: «Ich hatte ein offene Stelle am Rücken, die bis zum Rückenmark reichte.» Eine Operation nach der Geburt konnte nur noch den Schaden begrenzen.

«Der Gedanke, ‹Scheisse, jetzt bin ich 20 Jahre zu früh auf die Welt gekommen›, hatte ich auch schon.»

Markus Bertschinger, Rollstuhlbasketballer

Wäre er später geboren worden, könnte er sich vielleicht selbst zu den «Fussgängern», wie er Menschen ohne Gehbehinderung nennt, zählen. Heute ist ein offener Rücken im Mutterleib teilweise heilbar. Vor 28 Jahren, als Markus Bertschinger geboren wurde, allerdings noch nicht. «Der Gedanke, ‹Scheisse, jetzt bin ich 20 Jahre zu früh auf die Welt gekommen›, hatte ich auch schon», sagt er. Zwar können heute viele Folgen einer Spina Bifida mit einer Operation am Fötus im Mutterleib entschärft werden, eine vollständige Heilung gibt es jedoch nach wie vor nicht.  «Die heute Operierten sind zwar keine Top-Fussgänger, aber die meisten sind immerhin Fussgänger.»

Ein «Bürogummi»

Bertschinger wird nie eigenständig gehen können. Aber mit Krücken kann er sogar Treppen steigen. Nicht alle mit Spina Bifida seien dazu im Stande. Er habe also verhältnismässig Glück gehabt und konnte im ersten Arbeitsmarkt Fuss fassen. Er arbeitet als selbsternannter «Bürogummi» in einer Fachredaktion für Wissenschaftsjournalismus.

Er habe selten Schwierigkeiten mit seiner Einschränkung gehabt, sagt Bertschinger: «Aber als ich in der Schule die anderen Fussball spielen sah und nur dasitzen konnte, tat das schon weh. Mir wurde bewusst: Ich werde das nie können.»

«Als Kind sagte ich mir deshalb immer: ‹Ich gehe nicht in den Rollstuhlsport.›»

Markus Bertschinger, Rollstuhlbasketballer

Im Nachhinein bezweifelt er, ob eine «Fussgänger-Schule» das Richtige für ihn gewesen ist. Denn so habe er kaum Kontakt mit Rollstuhlfahrern gehabt. «Als Kind sagte ich mir deshalb immer: ‹Ich gehe nicht in den Rollstuhlsport.› Ich fühlte mich ihnen nicht zugehörig.»

1.5-Punkte-Spieler

Als Jugendlicher freundete er sich erstmals mit der Idee an, Rollstuhlsport zu betreiben. «Ich dachte mir: ‹Basketball würde mir noch gefallen.› Es ist vielseitig und hart, man fällt auch mal auf die Schnauze oder kriegt einen – nicht sehr weichen – Ball an den Kopf.» Der erste Anlauf scheiterte aber, seine Prioritäten lagen woanders: vor allem im nächtlichen Ausgang.

Markus Bertschinger mit seinem Trainer, Rolf Acklin. (Foto: Seraina Boner)

Mit 27 Jahren habe ihn das Nachtleben allerdings nicht mehr befriedigt, er wollte eine Veränderung. Plötzlich wurde das Rollstuhlbasketball wieder ein Thema, seine neue Devise: «Jetzt spiele ich Basketball, aber richtig.» Seit rund eineinhalb Jahren spielt er nun bei den «Highland Bulls» des Rollstuhlclubs Züri Oberland. Als 1,5-Punkte-Spieler bestreitet Bertschinger mit den Bulls die diesjährige Saison der Schweizer Nationalliga. Diese 1,5-Punkte entsprechen seinem Behinderungsgrad. Die Klassifizierung nach Behinderung wird bei neuen Spielern jeweils anfangs Saison von einem Experten vorgenommen. Sie reicht von 1-Punkte-Spielern, die ihre Beine nicht bewegen können und kaum Rumpfmuskulatur oder Sitzbalance haben, bis hin zu 4,5-Punkte-Spielern, die entweder gar keine oder nur eine minimale Einschränkung an den Beinen haben.

Grosse Berührungsängste

Denn je grösser die Bewegungsfähigkeit im Oberkörper, desto schneller, agiler und schliesslich besser ist ein Spieler: «Ein Tiefgelähmter oder Beinamputierter fährt einem Querschnittgelähmten immer um die Ohren», sagt Rolf Acklin, Spieler-Trainer der Highland Bulls. Tatsächlich kann in der Schweizer Nationalliga aber auch ein Fussgänger – als 4,5-Punkte-Spieler – Rollstuhlbasketball spielen. «Das wird in der Schweiz zu wenig genutzt, die Berührungsängste sind viel zu gross», so Acklin.

«Dann hat er ein bisschen ‹Bitti-Bätti› gemacht.»

Rolf Acklin, Trainer der Highland Bulls

Die fünf Spieler eines Teams dürfen in der Schweiz zusammen höchstens 14,5 Punkte zählen. Das Punktesystem bilde dabei laut dem Trainer aber nicht den Wert eines Spielers für das Team ab: auch ein «1-Punkter» könne sehr wichtig sein. «Das finde ich cool: Ich muss mich nicht mit einem weniger Behinderten messen, dessen Niveau ich nie erreichen kann», sagt Bertschinger. «Aber mit denen, die ähnliche Voraussetzungen haben, kann ich mich messen.»

Internationales Rollstuhlbasketballturnier

Am 6.Oktober findet von 9.30 bis ca. 17.30 Uhr in der Sporthalle Gries in Volketswil das diesjährige, von den Highland Bulls als Gastgebern organisierte, Rollstuhlbasketballturnier statt. Teams aus der Schweiz, Deutschland und Österreich kämpfen am Freundschaftsturnier um den Sieg. Explizit auch Fussgänger sind dazu eingeladen, den Spielen beizuwohnen.

 

Am Stuhl festgezurrt

Bertschinger ist bezüglich Klassifizierung ein Spezialfall: Der Experte habe Bertschinger anfangs wegen seiner guten Rumpfmuskulatur als 3-Punkte-Spieler eingestuft. Doch seine steifen Finger standen einem perfekten Ball-Handling im Weg. «Dann hat er ein bisschen ‹Bitti-Bätti› gemacht», sagt sein Trainer schmunzelnd, «so wurde er zu einer 1,5 abgestuft.»

«Für jeden Rollstuhlsport braucht man einen anderen Stuhl, das ist wie mit den Turnschuhen, nur viel teurer.»

Rolf Acklin, Trainer

Ob Querschnittgelähmter oder Fussgänger, jeder Spieler ist während dem Match an den Rollstuhl gebunden. Und zwar wortwörtlich: Alle Spieler werden am Basketballstuhl festgezurrt, um eine Einheit mit dem Sportgerät zu sein. Ein solcher Rollstuhl sei speziell für das Rollstuhlbasketball ausgelegt, erklärt Acklin: schräge Räder, ein Stützrad, um Stürzen beim Werfen vorzubeugen, ein Rammbügel, um die Füsse zu schützen und Rennpneus. «Für jeden Rollstuhlsport braucht man einen anderen Stuhl, das ist wie mit den Turnschuhen, nur viel teurer», scherzt Acklin.

Umfallen mitsamt dem Stuhl

Sonst bestünden nur wenige Unterschiede zum Fussgänger-Basketball, sowohl die Korbhöhe, als auch die Dimensionen des Feldes sind identisch. Sitzend ist es allerdings schwieriger, Körbe zu werfen. Vor allem, wenn man so wie Bertschinger kurze Arme hat. Und die Pässe müssen sehr exakt gespielt werden: Weder ein Sprung in die Luft, noch eine schnelle Seitwärtsbewegung sind im Basketstuhl möglich.

Normal sei es auch, dass der ein oder andere mitsamt dem Stuhl umfalle, was brutal aussehen könne. Das Umfallen habe für Bertschinger jedoch auch etwas Schönes: Die einzigen Fussgänger auf dem Feld, die Schiedsrichter, dürfen dem liegenden Rollstuhlfahrer nicht aufhelfen, stattdessen stellen ihn die Teamkameraden oder Gegner wieder auf. Für Bertschinger hat das Symbolcharakter: «Man braucht keine Fussgänger, um wieder auf die Räder zu kommen.»

Die Highland Bulls beim Training. (Video: Seraina Boner).

Trainings der Highland Bulls

Die Bulls trainieren jeden Mittwoch, von 19.30 bis 22.00 in der Stadthalle Uster und jeden Donnerstag, von 19.45 bis 21.15 in der Turnhalle der Baugewerblichen Berufsschule in Zürich.

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