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Deponie im Tägernauer Holz: «Der Kanton priorisiert falsch»

Pro Natura Zürich kritisiert

Deponie im Tägernauer Holz: «Der Kanton priorisiert falsch»

Die Deponie im Tägnernauer Holz sei unabdingbar, argumentiert der Kanton. Dieser Aussage widersprechen nicht nur die betroffenen Gemeindepräsidenten, sondern auch Andreas Hasler, Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich. Er kritisiert den Kanton.

Tanja
Bircher
Donnerstag, 16. August 2018, 11:40 Uhr Pro Natura Zürich kritisiert
Andreas Hasler, Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich, stellt sich gegen die geplante Deponie.
Seraina Boner

Herr Hasler, was halten Sie grundsätzlich vom Plan des Regierungsrats, im Tägernauer Holz 7000 Bäume zu roden, um dort eine Deponie mit einem Volumen von 1,5 Millionen Kubikmetern zu bauen? 

Andreas Hasler: Wir haben eine Reserve an Deponievolumen für rund 30 Jahren. So steht es im kantonalen Richtplan. Im Bundesgesetz ist zudem definiert, dass man Wald nicht roden darf. Ausser es bestehen Gründe, die das Interesse der Walderhaltung überwiegen. Jetzt kann man sich fragen: Ist eine Deponie ein überwiegendes Interesse? Wenn man sich bewusst ist, dass wir eigentlich wahnsinnig viel Deponievolumen haben, das über Jahrzehnte hinweg ausreicht, dann wird das sehr stark relativiert. Dann besteht sicher kein Interesse, ein zusätzliches Waldareal für eine Deponie zu beanspruchen.

Beim Kanton heisst es aber, das Deponievolumen für Kehrichtschlacke gehe in etwa zehn Jahren zur Neige.

Das finde ich seltsam. Im Richtplan sind 17 Millionen Kubikmeter bezeichnet. Pro Jahr braucht man eine halbe Million Kubikmeter, Tendenz abnehmend. Nach Adam Riese reicht das für mindestens 34 Jahre.

Kann es sein, dass es – wie der Kanton sagt – keinen anderen Standort gibt?

Das ist schwer zu beurteilen. Ich weiss nur, dass es extrem lange dauert, bis sich ein Wald von einer solchen Rodung wieder erholt. Die Betriebsdauer der Deponie beträgt etwa 20 bis 30 Jahre, dann wird der Boden rekultiviert. Bis die Bäume darauf so weit gewachsen sind, dass sich wieder ein Waldgefühl einstellt, vergehen rund 25 Jahre. Ab Beginn Deponie heisst das also: 50 Jahre ohne Wald.

Laut der Baudirektion hat man sich auch deshalb für das Tägernauer Holz entschieden, weil man bei den anderen Standorten Fruchtfolgeflächen beanspruchen müsste. Die hätten in den letzten Jahren einen hohen Schutz erfahren. Das müsste doch in Ihrem Sinn sein.

Der Erhalt von Fruchtfolgeflächen ist auch ein wichtiges Anliegen, das aber bei weitem nicht den gleichen rechtlichen Schutz hat wie die Walderhaltung oder Natur- und Landschaftsschutz. Dieses Argument heisst übersetzt: Es sollen Deponieflächen vom Offenland in den Wald verschoben werden. Das halte ich für völlig verfehlt, dagegen wehrt sich Pro Natura Zürich. Wir verlangen, dass bei der Deponieplanung neben anderen Anliegen auch auf die Walderhaltung geachtet wird.

Der Wald soll gemäss Baudirektion nach der Rekultivierung eine grössere Artenvielfalt haben und deshalb sozusagen von der Deponie profitieren.

Es kann sein, dass ein Wald nach dessen Wiederherstellung ökologisch interessanter ist. Im Tägernauer Holz halte ich das für möglich. Dafür braucht es aber keine Deponie. Man kann den Wald auch so ökologisch aufwerten. 

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Erweiterung der Deponie in den Richtplan eingetragen wird?

Ich habe das Gefühl, es ist viel Opposition vorhanden – lokal und regional. Daher bin ich nicht sicher, ob die Sache durchkommt. Politik ist letztlich, was die Mehrheit der Leute will, und wenn viele Menschen sich in einer Region gegen etwas wehren, dann kann das einen Effekt haben. Aber auch wenn der Richtplaneintrag kommt, wird die Deponie nicht am nächsten Tag eröffnet. 

Zunächst muss die Rodungsbewilligung eingeholt werden.

Richtig. Das entscheidet der Kanton. Dagegen kann man aber Rechtsmittel ergreifen. Auch gegen den Gestaltungsplan wird man Rekurs einreichen können. Bei den möglichen Gerichtsverfahren wird eine der wichtigen Fragen das Abwägen zwischen dem Bedürfnis nach einem grösseren Deponievolumen und der Wichtigkeit der Walderhaltung sein.

Die ehemalige Grüninger Gemeindepräsidentin Susanna Jenny (parteilos) hat bereits angekündigt, dass sie im schlimmsten Fall bis vor Bundesgericht gehen wird. Hat sich Pro Natura ebenfalls überlegt, rechtliche Mittel zu ergreifen?

Wir haben noch keinen Entscheid gefällt. Die Möglichkeit ziehen wir aber in Betracht. 

Der Kanton hat sich das Ziel gesetzt, bis 2024 nur noch zehn Prozent der Restschlacke zu deponieren. Der Rest soll verwertet werden oder auf Inert-Deponien landen. Dies würde ein kleineres Deponievolumenbedürfnis ergeben. Weil nun aber bis heute Anlagen fehlen, die die Kehrichtschlacke entsprechend aufbereitet können, setzt man weiterhin auf grosse Deponievolumen. Was sagen Sie zu dieser Argumentation?

Dass der Kanton falsch priorisiert. Statt Deponievolumen zu erhöhen, sollte er alles in die Entwicklung der technischen Verfahren stecken, damit die Schlacke verwertet statt deponiert werden kann. Der Kanton beschreitet jetzt den Weg, Natur und Landschaft zu belasten statt Innovation zu fördern. Es muss genau umgekehrt sein. Davon profitiert auch die Industrie.

Mehr in die Entwicklung von technischen Verfahren zu stecken, würde wohl eine wesentliche Investition bedeuten.

Richtig, aber langfristig lohnt sich diese Investition. Alle Schlacke, die jetzt abgelagert wird, nimmt man irgendwann wieder in die Hand, um sie erneut zu bearbeiten. Das ist weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll. 

Was soll der Kanton Ihrer Ansicht nach tun?

Der Kanton muss jetzt – neben der Förderung der Innovation – seine gesamte Deponieplanung erneuern. Falls er das schon getan hat, dann muss er diese neue Planung offen legen. Dann kann das politisch breit diskutiert und neu festgelegt werden. Was der Kanton heute macht: Er will punktuell mehr Deponievolumen schaffen, obwohl im Richtplan bereits mehr als genug eingetragen ist. Das ist nicht logisch, das ist nicht nahvollziehbar. Solange der Kanton nicht erklärt, was dahinter steckt, stellen wir uns gegen Waldrodungen für neue Deponien.

Andreas Hasler ist Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich, Biologe und Raumplaner. Der ehemalige Kantonsrat (GLP) lebt in Illnau-Effretikon. 

Die geplante Deponie

2003 wurde das Tägernauer Holz auf dem Grenzgebiet zwischen Grüningen und Gossau im kantonalen Richtplan als möglichen Standort für eine Kehrichtschlacken-Deponie eingetragen. Ursprünglich sollte das Volumen 750'000 Kubikmeter und die Fläche 6 Hektaren betragen. Nun will der Regierungsrat die Deponie auf 1,5 Millionen Kubikmeter und 10 Hektaren erweitern. Dies entspricht etwa der Fläche von 14 Fussballfeldern. Dieses Vorhaben bedarf einer Richtplanänderung, über die der Kantonsrat in den kommenden Monaten befindet.

Die Vergrösserung begründet der Kanton damit, dass künftig die gesamte Schlacke aus dem Kanton Zürich in der modernen Kehrichtaufbereitungsalage in Hinwil verarbeitet werden soll. Bei dem Verfahren werden wertvolle Materialien wie Kupfer, Silber, Aluminium und Gold herausgefiltert, die rund 16 Prozent betragen. Der Rest muss deponiert werden.

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