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So rechtfertigt der Kanton die geplante Deponie

Kampf um 7000 Bäume im Tägernauer Holz

So rechtfertigt der Kanton die geplante Deponie

Die Gemeinden Gossau und Grüningen wehren sich mit Händen und Füssen gegen die geplante Deponie im Tägernauer Holz. Nun wollen die zwei Gemeindepräsidenten neue Informationen gefunden haben, die die Deponie müssig machen. Die kantonale Baudirektion widerspricht.

Tanja
Bircher
Donnerstag, 09. August 2018, 08:22 Uhr Kampf um 7000 Bäume im Tägernauer Holz
Naherholungsgebiet: Der Regierungsrat will eine Schlackendeponie im Tägernauer Holz bauen.
Foto: Seraina Boner

Der Kampf gegen die Deponie im Tägnerauer Holz hat eine neue Wende genommen. Dies jedenfalls schreiben Jörg Kündig (FDP) und Carlo Wiedmer (SVP) in einer Medienmitteilung. Die Gemeindepräsidenten von Gossau und Grüningen werfen dem Regierungsrat vor, ihnen bedeutende Informationen vorenthalten zu haben. «Es sieht nach einer eigentlichen Salamitaktik aus», sagt Wiedmer.

Darüber sei man aufgebracht. Denn es habe sich herausgestellt, dass die Argumente der Standortgebundenheit sowie die Bedarfsbegründung nicht mehr haltbar seien. Die Deponie im Tägernauer Holz brauche es gar nicht (siehe Box). 

In der Richtplanrevision, die zurzeit von der vorberatenden Kommission des Kantonsrats diskutiert wird, geht es um die Frage, ob das Deponievolumen 1,5 Millionen Kubik anstelle der ursprünglich vorgesehenen 750'000 Kubik betragen soll. Für das Projekt zuständig ist die kantonale Baudirektion. Sprecher Wolfgang Bollack erklärt die komplexe Thematik und nimmt Stellung zu den Vorwürfen der Gemeindepräsidenten.

Herr Bollack, wieso will der Kanton die Deponie genau im Tägernauer Holz?

Wolfgang Bollack: Im kantonalen Richtplan wurden bereits im Jahre 2009 die möglichen Deponiestandorte festgelegt, darunter auch der Standort im Tägernauer Holz. Zur Ablagerung von Kehrichtschlacke kommen allerdings nur Standorte in Frage, die die hohen hydrogeologischen Voraussetzungen erfüllen. Der Standort Tägernauer Holz ist einer der wenigen überhaupt dazu in Frage kommenden Standorte im Kanton Zürich. 

Ist man beim Kanton der Meinung, dass diese Deponie an diesem Standort derart unverzichtbar ist, dass sie die Rodung von 7000 Bäumen rechtfertigt?

Ja. Um die Entsorgungssicherheit für Kehrichtschlacke über einen längeren Zeitraum gewährleisten zu können, braucht es den Standort Tägernauer Holz. Eine gesicherte Versorgung und Entsorgung ist wichtig für ein funktionierendes Gemeinwesen. Wenn wir im Kanton Zürich nicht genügend Deponievolumen zur Verfügung stellen, müssen wir unseren Abfall in andere Kantone oder gar ins Ausland exportieren. Es handelt es sich um eine temporäre Nutzung der betroffenen Flächen. Im Verlauf der Rekultivierung müssen die Böden in ihrer vor der Deponienutzung vorhandenen Qualität und Fläche wiederhergestellt sowie deren ökologischer Wert erhöht werden.

Dem Wald geht es nach der Deponie besser als jetzt?

Eine Rodung erfolgt etappiert und der Wald wird wieder aufgeforstet. Der ökologische Wert des Waldes im Tägernauer Holz ist heute vergleichsweise gering. Nach der Rekultivierung dürfte ein Wald mit deutlich grösserer ökologischer Vielfalt entstehen. 

Kulturland erholt sich laut dem ehemaligen Förster Jakob Bodmer viel schneller als Waldboden – wäre der Standort daher nicht besser auf Kulturland geeignet?

Betrachtet man nur dieses zeitliche Argument, dann wäre ein Standort auf Kulturland besser geeignet. Bei der Standortwahl von Deponien wird den hydrogeologischen Gegebenheiten allerdings ein sehr hohes Gewicht beigemessen. Deponien zur Ablagerung von Schlacke dürfen wir nur dort erstellen, wo wir sicher sind, dass keinesfalls das Grundwasser und damit unser Trinkwasser verschmutzt wird. Bei den anderen Standorten müssten zudem Fruchtfolgeflächen beansprucht werden, die in den letzten Jahren einen hohen Schutz erfahren haben. 

Angenommen, die Deponie kommt zustande, aus welchen Gebieten der Schweiz wird Schlacke dort endgelagert?

Aufgrund des hohen ökologischen Mehrwerts ist geplant, dass in der Schlackenaufbereitungsanlage der ZAV Recycling AG in Hinwil künftig die Schlacke aller Zürcher Kerichtsverbrennungsanlagen (KVA) behandelt und dann in der Deponie Tägernauer Holz abgelagert wird. Schlacke von ausserkantonalen KVA, die in Hinwil aufbereitet wird, muss von den Betreibern wieder entgegengenommen und dort abgelagert werden. 

Verstösst dies, wie in der Mitteilung der Gemeindepräsidenten erwähnt (siehe Box), nicht gegen den Grundsatz der regionalen Entsorgung, der die ganze Deponieplanung zugrunde gelegt wurde?

Der Grundsatz der regionalen Entsorgung fusst auf der Grundüberlegung, Transportwege möglichst kurz zu halten. Weiter muss man beachten, dass nicht in allen Einzugsgebieten der Zürcher KVA Deponiestandorte zur Verfügung stehen. Eine enge Auslegung des Grundsatzes der regionalen Entsorgung ist daher nicht zweckmässig. Eine ökologisch und wirtschaftlich ausgerichtete Abfall- und Ressourcenwirtschaft bedingt regionale und überregionale Zusammenarbeit. So wird beispielsweise der gesamte Klärschlamm aus dem Zürcher Oberland mittels einer ökologisch und ökonomisch gesamtoptimierten Verwertungsanlage mitten in der Stadt Zürich verbrannt. 

Ist es richtig, dass die geplante Deponie nur deshalb vergrössert wird, damit die gesamte Schlacke aus dem Kanton Zürich dort zwischengelagert werden kann?

Wir haben im Kanton Zürich nur eine beschränkte Anzahl geeigneter Deponiestandorte zur Verfügung. Damit wir auch für die künftigen Generationen die Entsorgungssicherheit gewährleisten können, ist es wichtig, dass wir die geeigneten Standorte optimal nutzen. Das bedeutet, dass wir an einem Standort so viel ablagern, wie es aus Sicht der verschiedenen Aspekte möglich und zweckmässig ist. Wenn nun in einer Deponie, wie im Tägernauer Holz vorgesehen, sämtliche Restschlacke aller Zürcher KVA abgelagert wird, dann ist der Betrieb zeitlich beschränkt.

Was heisst das?

Für das Tägernauer Holz gehen wir mit dem erweiterten Deponievolumen von 1,5 Millionen Kubikmeter und den aktuellen Prognosen der Restschlackenmengen von einer Betriebszeit von rund 20 Jahren aus. 

Der Kanton hat sich aber offenbar zum Ziel gesetzt, bis 2024 nur noch zehn Prozent der Schlacke endzulagern. Weshalb soll die Fläche der Deponie dann überhaupt verdoppelt werden?

Die beantragte Verdopplung der Fläche geht mit einer Verdoppelung des Deponievolumens einher. Eine grössere Fläche ermöglicht eine landschaftlich verträgliche Endgestaltung. Die Volumenerhöhung macht insbesondere auch deshalb Sinn, weil so ein Standort für längere Zeit genutzt werden kann, der in unmittelbarer Nähe zur Schlackenaufbereitung in Hinwil liegt, was kurze Transportwege garantiert. 

Wenn doch aber weniger Schlacke endgelagert werden soll, braucht es dann nicht auch weniger Deponiefläche?

Das Ziel mit einem Prognosewert von 10 Prozent für das Jahr 2024 stammt aus dem Bericht zum Massnahmenplan der Abfall- und Ressourcenwirtschaft 2015. Der Kanton hat sich zusammen mit den Betreibern der KVA vorgenommen, künftig nur Schlacken abzulagern, die ein emissionsarmes Verhalten aufweisen. Allerdings fehlen heute noch die Anlagen, die Kehrichtschlacke so aufbereiten können, dass die mineralischen Bestandteile stofflich verwertet oder auf Inertstoffdeponien abgelagert werden können.

Der Kanton hat sich ein Ziel gesetzt, das er nicht einhalten kann?

Wir müssen bei der Planung heute wieder davon ausgehen, dass eine bedeutende Umlagerung auf andere Entsorgungspfade als die Schlacken-Deponie nicht in Sicht ist. Da die Restschlacke aber getrennt abgelagert wird, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, wieder auf diese zurückzugreifen, sollte in Zukunft ein geeignetes Verfahren eine weitere Aufbereitung der Schlacke zulassen.

Das heisst, die Deponie wird zu einem Zwischenlager?

Wie gesagt, mangels technischer Verfahren gehen wir heute davon aus, dass in absehbarer Zeit keine nochmalige Aufbereitung stattfinden wird. Damit können wir im Tägernauer Holz auch nicht von einem «Zwischenlager» reden.  

Gemäss Mitteilung der Gemeindepräsidenten geht mit der vorübergehenden Lagerung der Schlacke aus dem ganzen Kanton Zürich das für eine Rodungsbewilligung zentrale Argument der Standortgebundenheit verloren, da in der erweiterten Region Deponiestandorte ohne Waldbeanspruchung verfügbar sind. 

Richtig ist, dass im kantonalen Richtplan Standorte eingetragen sind, die grundsätzlich als Deponie für Schlacke in Frage kommen und bei denen kein Wald beansprucht werden müsste. Um zur Entsorgungssicherheit beitragen zu können, müssten diese Standorte in Betrieb gehen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist allerdings nicht absehbar, dass dies – im Gegensatz zum Tägernauer Holz – innert nützlicher Frist geschehen wird. Darum ist zur Gewährleistung der Entsorgungssicherheit der Standort Tägernauer Holz unabdingbar. Mit dem Standort Tägernauer Holz können viele Transportkilometer eingespart, Fruchtfolgeflächen geschont und die vom Umweltschutzgesetz und vom kantonalen Abfallgesetz gebotene Entsorgungssicherheit gewährleistet werden. 

Im kantonalen Richtplan sind die beiden Deponien Tägernauer Holz und Leerüti mit schwarz umkreisten Punkten (Bildmitte) markiert. Ihre genaue Ausdehnung ist daher nicht ersichtlich. (Grafik: Amt für Raumentwicklung)

Die Medienmitteilung

Jörg Kündig, Gemeindepräsident von Gossau, und Carlo Wiedmer, Gemeindepräsident von Grüningen berufen sich in ihrer Medienmitteilung auf jüngste Informationen vom Zürcher Regierungsrat. Daraus werde ersichtlich, dass das für eine Rodungsbewilligung zentrale Argument der Standortgebundenheit wegfalle. Denn inzwischen sei bekannt geworden, dass die Restschlacke aus den Zürcher Kehrichtverbrennungsanlagen im Tägernauer Holz nicht nur endgelagert, sondern auch zwischengelagert werden soll. Das Zürcher Oberland übernehme somit für eine befristete Zeit eine Aufgabe, die später durch eine andere Region im Kanton Zürich übernommen werden muss.

«Damit verabschiedet sich der Regierungsrat vom Grundsatz der regionalen Entsorgung, welcher seinerzeit der ganzen Deponieplanung zugrunde gelegt wurde.» Da in der erweiterten Region durchaus Deponiestandorte ohne Waldbeanspruchung verfügbar seien, brauche es den Standort Tägernauer Holz nicht.

Anderer Standort

Zweitens habe sich der Kanton zum Ziel gesetzt, dass bis 2024 nur noch 10 Prozent der Schlackenmengen in einer Schlacken-Deponie landen sollen. Grosse Anteile der Rückstände sollen künftig nur noch zwischengelagert und später stofflich verwertet oder auf Inertstoff-Deponien abgelagert werden. «Entsprechend unrealistisch ist eine Bedarfsbegründung für ein grosses Deponievolumen am Standort Tägernauer Holz», heisst es in der Mitteilung.

Die betroffenen Gemeinden Gossau und Grüningen seien der Ansicht, dass für diesen «überschaubaren Restanteil» auch ein anderer Standort gefunden werden könne. Ohne ausreichende Bedarfsbegründung sei die geplante Deponie inmitten des Naherholungsgebiets nicht haltbar und die Rodung von 7000 Bäumen nicht vertretbar. 

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