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Gnadenbrot vor Sieg um jeden Preis

Gnadenbrot vor Sieg um jeden Preis

Leserbeitrag

Voltigeverein Stäfa

«Voltige Stäfa 1», sechs junge Frauen zwischen 9 und 19, ein eingespieltes Team, das sich in den letzten Jahren in die Spitze des Schweizer Voltigesports turnte, sieht seine mehrjährige Aufbauarbeit gefährdet. Denn Champus III, ihr treues vierbeiniges Teammitglied lahmt. Kronenarthrose. Die gute Nachricht: er bekommt sein Gnadenbrot. Die schlechte Nachricht: das ausgebildete Ersatzpferd, das in Holland gefunden wurde, sprengt den Finanzrahmen des Vereins. Bis zum 15. August 2019 läuft die Wette um Finanzierung durch Crowd-Funding.

«Wir sehen jetzt unsere Gruppe 1 mit ihrem Pferd Champus III! Das Team hat sich im letzten Jahr mit viel Einsatz in der höchsten nationalen Kategorie S behaupten können.»

Die Zuschauer der traditionellen Frühjahrsshow des Voltigevereins Stäfa in der Reithalle Rossweidli in Medikon, warten gespannt auf den Höhepunkt. Es ertönt die Einlaufmusik der Gruppe 1. Elegant und routiniert laufen die sechs Sportlerinnen in ihren schwarz-violetten Anzügen hinter ihrem grossen Schimmel ein. Die Zuschauer warten gespannt auf die Darbietung der Spitzengruppe. Doch anstatt sich wie gewohnt für die Kür aufzustellen, bleibt die Gruppe Arm in Arm stehen. Der Speaker bleibt stumm. Einige der Voltigiererinnen weinen, sie werden von den anderen getröstet.

«Wir müssen Euch leider mitteilen, dass unser Pferd und Teammitglied Champus ab sofort nicht mehr starten wird. Es wurde festgestellt, dass sein Krongelenk von Arthrose befallen ist. Er kann zwar im Moment wieder schmerzfrei laufen, wir haben uns in der Gruppe aber entschieden, ihm die hohe Belastung, der ein Voltigierpferd – das drei Voltigierer auf einmal im Galopp tragen und ausbalancieren muss – ausgesetzt ist, nicht mehr zumuten wollen. Wir verzichten für unser Pferd, dem wir blind vertrauen konnten, auf die Turniere – auch wenn dies laut nationalem Votigier-Reglement eine Abstufung der Gruppe zur Folge haben wird.

Applaus und Bravorufe zollten damals der Gruppe, die auch die letzten Monate hart trainiert hatte, um in der kommenden Saison an ihre sportlichen Erfolge anzuknüpfen, grossen Respekt für die tierfreundliche Entscheidung. Die Gruppen 2, 3 und die Nachwuchs-gruppe haben seither mit ihren Pferden bereits wieder Turniererfolge für sich buchen können. Und auch Gioia, die nebst ihrem Einsatz in der Gruppe 1 auch in der höchsten Kategorie ST Einzel startet, hat ihr Saisonziel mit dem Pferd Renoir XI bereits erturnt: die Qualifikationsnoten für die kommende Schweizer-meisterschaft. Für einen, im nationalen Vergleich kleinen Verein, mit wenigen finanziellen Mitteln ein beachtlicher sportlicher Erfolg, der nur durch immensen freiwilligen Einsatz von Sportlerinnen, Longenführerinnen, Trainerinnen und Funktionären zu Stande kommen kann.

Und die Gruppe 1? Die Gruppe, die sich in jahrelangem Training perfekt aufeinander eingestimmt hat, trainiert intensiv am Boden und am Holzpferd. Und ab und an im Schritt auf dem Pferd. Ein Voltigierpferd für dieses Niveau auszubilden dauert mindestens zwei Jahre. Soviel Zeit haben sie nicht. Wenn sie sich wieder auf das bereits erreichte Niveau hochkämpfen wollen, brauchen sie dringend ein Pferd, das der Belastung gewachsen ist und auf das in jeder Situation Verlass ist. In den Niederlanden haben sie ein solches - bereits ausgebildetes - Pferd gefunden. Doch der Preis für ein trainiertes Voltigier-pferd ist hoch: Der Verein hofft, es mit zusätzlichen Arbeits- und Showeinsätzen und mit der Hilfe von Spenderinnen und Spendern über die Crowd-Funding Plattform lokalhelden.ch (https://www.lokalhelden.ch/voltigierpferd) finanzieren zu können. Rund 10 000 Fr. sind so schon zusammengekommen. Um die Finanzierungs-schwelle  bis zum 15. August 2019 zu erreichen, fehlen noch 5000 Fr. damit die Erfolgsgeschichte der Gruppe 1 weitergehen kann. Es wäre diesen jungen Sportlerinnen, die das Pferdewohl über ihren eigenen sportlichen Erfolg stellen, zu gönnen, sie sind Vorbilder für die vielen Nachwuchssvoltigierer und – Voltigiererinnen, die in ihrem anspruchsvollen Training nicht nur Gleichgewicht, Mut, Beweglichkeit und Eleganz sondern auch Achtung vor dem Pferd und die Kraft für einen solchen Verzicht gewinnen.

Für Champus III wurde ein guter Platz gefunden, an dem er seine verdiente Pension geniessen kann.

Esther & Giorgio Girardet

Ort:
8608 Bubikon
8634 Hombrechtikon
8400 Winterthur