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Standpunkt

Warum sind Erfolgreiche erfolgreich?

Hansruedi Stahel möchte in seinem Standpunkt etwas hervorheben, über das selten ein Wort verloren wird: Grossartige Menschen.

Redaktion
Züriost
Donnerstag, 06. Oktober 2022, 08:54 Uhr Standpunkt
Auf dem Foto sieht man zwei Kinder auf einem Berg. Der obere gibt dem unteren die Hand und hilft ihm.
Foto: PD/Pixabay

«Schriebsch jetzt dänn wieder emal öppis?» Oder «Was schriebsch nächschtens?» Diese Fragen durfte ich mir am Jahrgänger-Treffen, an welches ich mich noch lange mit Freude zurückerinnern werde, mehrmals anhören.

Ja, über was soll ich schreiben? Ich könnte über die Wut unserer welschen Compatriots nach den Abstimmungsresultaten vom letzten Wochenende berichten. Aber warum?

Die Stimmbeteiligung in der Romandie darf als unterdurchschnittlich bezeichnet werden und wenn man sich nicht an der Entscheidungsfindung beteiligt, muss man sich nicht über das Resultat beklagen.

Zu diesem Thema kam mir eine Geschichte in den Sinn. Es war einmal ein sehr frommer Christ. Leider hat ihn der Herr nicht mit vielen irdischen Gütern gesegnet. So betete er jeden Abend: «Herr, ich möchte einmal im Lotto gewinnen!» Nach bald einem Jahr hörte er nach seinem Bittruf eine Stimme. «Du solltest vielleicht einmal einen Lottoschein ausfüllen!»

«Kiddy, ich kann die Kokosmilch nicht finden!»

Nein, über das ganze Nachabstimmungstheater will ich nicht schreiben. Ich möchte über etwas berichten, über das selten ein Wort verloren wird. Das nahm ich mir vor und an diese Vorgabe möchte ich mich nun halten.

Es ist schon ein Weilchen her, da stand ich wieder einmal am Herd und frönte meiner Leidenschaft als Hobbykoch. «Kiddy, ich kann die Kokosmilch nicht finden!» Wenn ich während dem Kochen «Wo ist...?», rufe, entwickeln sich bei der besten aller Ehefrauen wahre Begeisterungsstürme. 

«Im Kühlraum über dem Mineralwasser auf dem unteren Gestell, dort wo sie seit Jahren steht – vergiss es, ich hol sie selber!» – eheliche Kommunikation vom Feinsten. Die Kokosmilch war vor einem Jahr abgelaufen.

Samstagabend um zehn nach sieben: Wo gibt es um diese Zeit noch Kokosmilch? Im Migros. Runter ins Auto, vor die Baustelle, Parkplatz. Es war fünf vor halb, ich konnte die elende Kokosmilch nicht finden.

Sie strahlte mich an, als ob sie schon den ganzen Tag auf mich gewartet hätte.

So machte ich mich auf die Suche nach einer Mitarbeiterin und wurde auch schnell fündig. Sie kniete am Boden, vor einem ausgeräumten Gestell. «Ich kann die Kokosmilch nicht finden!», bröselte ich hervor. Sie strahlte mich an, als ob sie schon den ganzen Tag auf mich gewartet hätte.

Ohne irgendwelchen Stress und ohne Hast führte sie mich zum gewünschten Produkt. «Wir führen auch Kokosflocken», meinte sie lächelnd. «Die braucht man doch meistens zusammen mit der Milch.» Genau, das hätte ich auch noch vergessen. Mit den Worten «Ich wünsche Ihnen ein gutes Gelingen und ein schönes Wochenende» verabschiedete sie sich.

Drei Wochen später. Racletteabend mit Freunden. «Es kommen dann noch zwei dazu», bemerkte Kiddy. «Zwei mehr? Und wo bekomme ich jetzt noch Käse?» Im Migros, fuhr es mir durch den Kopf. Nein, das geht nicht schon wieder. «Könntest Du…?» – «Ich – du bist doch der grosse Organisator.»

Schnell ins Auto hinunter zur Baustelle. Ich wartete. Zuerst kam nichts. Dann die von rechts. Dann die von links. Dann die vom «Landenberg». Der Zeiger über mir an der Kirchenuhr rückte gnadenlos weiter. Fünf vor halb, Migros Parkplatz. Wo ist der verfl… Raclettekäse? Die Nerven begannen zu flattern.

Ich war in diesem Moment der wichtigste Mensch in ihrem Leben.

«Selig sind die Sanftmütigen» hatte uns der Pfarrer am Sonntag ermahnt. Der konnte gut reden. Er stand auf der Kanzel und suchte nicht um halb acht Uhr im Migros nach Raclettekäse.

Da stand bereits ein rettender Engel vor mir. Genau so wird sie in einer halben Stunde ihren Freund anlächeln, fuhr es mir durch den Kopf. «Entschuldigung, der Raclettekäse befindet sich während der Sommersaison an einem anderen Ort», erklärte sie mir. «Wir führen verschiedene Sorten, zum Beispiel …»

Es war Samstagabend, fünf über halb acht und für meine freundliche Beraterin schien dies überhaupt keine Rolle zu spielen. Ich war in diesem Moment der wichtigste Mensch in ihrem Leben.

An meinen Beratungs-Seminaren wird mir immer öfter die gleiche Frage gestellt: Wer wird in Zukunft noch Erfolg haben und warum sind Erfolgreiche erfolgreich? Eine gute Frage.

Erfolgreiche sind erfolgreich, weil sie kommunizieren können, weil sie teamorientiert denken, und zwar nach innen und aussen, und weil sie ein Bedürfnis erkennen und dieses erfüllen können und das ist nun das Wichtigste: weil sie grossartig sind.

Vermutlich würden sie die Welt um eine ganz kleine Spur verändern.

Grossartige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun nicht, sie sind. Sie sind nicht austauschbar, man kann sie durchs Telefon lächeln hören. Und grossartige Menschen freuen sich nicht am Mittwoch auf den Samstag, sondern am Sonntag auf Montag. Grossartige Mitarbeiterinnen wissen etwas: Es kommt nicht darauf an, was wir tun, sondern wie wir es tun. Sie sind fähig, aus jedem Job einen Traumjob zu machen.

Als ich heute Morgen die Nachrichtenportale und Onlinezeitungen öffnete und all die Nachrichten vom Krieg in der Ukraine, von den Demonstrationen im Iran, den Schlägereien unter Jugendlichen und dem Fehltritt von Herrn Cassis zur Kenntnis nahm, fragte ich mich, warum solche Begebenheiten wie die von den beiden grossartigen Mitarbeiterinnen im Migros Turbenthal unter all diesen Nachrichten keinen Platz fanden. Vermutlich würden sie die Welt um eine ganz kleine Spur verändern.

Hansruedi Stahel ist verheiratet und wohnt in Turbenthal. Nach mehreren Jahren als Marketingdirektor in der Schweiz und später als Direktor für Business Development Region Central Europa in einem international tätigen Pharmakonzern gründete er ein Beraterbüro für Kommunikation und Krisenmanagement.

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